Ah, da mißhandle ich sie ja wieder, dachte er, also käme nun das Zuckerwerk, und er beugte sich zu ihr und redete:

„Liebe, gnädige Frau, Sie wissen doch: jeder gebildete junge Mann macht Ihnen heutigen Tages jedes Gedicht, das Sie wünschen. Aber wenn Sie ein richtiges haben wollten, eines, das wert wäre, in einem richtigen Buche zu stehn, — das könnte ich Ihnen freilich nicht versprechen. Dazu gehörten —“ er hob sein Glas und verneigte sich — „andre Ingredienzien, diesem Weine vergleichbare ...“

Und er trank. Was tat Cora? Zuckte sie wie unter einem Peitschenhiebe zusammen? Keineswegs, sondern sie strahlte wie eine Sonnenblume und rief:

„Ja, verlieben Sie sich in mich, Prinz! das wäre entzückend! Ja, bitte, tun Sie mir den Gefallen! Denke dir,“ wandte sie sich an ihren Schwager, „es hat sich noch kein Mensch in mich verliebt seit meiner Backfischzeit, außer Herbert, und der gleich so furchtbar. Ihr könnt euch gar nicht denken, wie er mich liebt! Grenzenlos überhaupt! Und nun ein Prinz!“ Halloh, Brandpfeil der Verachtung, dachte Georg. „Oh, es ist wunderbar, so geliebt zu werden!“ Wieder ein Brandpfeil. „Früher machte er auch Gedichte, sehr nett, aber nun müssen Sie! Werden Sie? Georg, ich bin außer mir!“

Der dritte Pfeil mißlang, weil in diesem Augenblick ihr Mann eintrat, der meinte, daß man es ihr durchaus nicht ansehe; ja, er habe die letzten Worte wohl gehört. Wie eine große, gelbe Katze lag sie behaglich und spinnend in der Sofaecke.

Ein Weilchen später hielt Georg, aus Furcht, sie möchte ihn nun allein mit Beschlag belegen, es für gut, fortzugehn. Geschwind zeigte sie ihm noch eine Kopenhagener Vase auf ihrem Schreibtisch und gab dabei eine Erklärung über den wundervollen Eindruck ab, den ihr Schwager auf sie gemacht hatte. Sie entließ ihn mit unbegrenzter Ausdrucklosigkeit, indem sie, noch während er ihre Hand an die Lippen hob, sich ihrem Mann näherte, um mit der Linken ein weißes Fädchen von seiner Schulter zu nehmen und ihm bei dieser Gelegenheit den Rockkragen glatt zu streichen.

Postamt

Pfui, es regnet! sagte Georg, als er aus dem Hause trat. Cora regnete auch, grad wie dieser Regen, nicht kräftig, sondern bloß haltlos. Ist keine Droschke da? Merkwürdig: früher, wenn ich allein mit ihr war, schien sie doch so angenehm, ja, wie schön sie zuhören konnte, wenn man von seinen Plänen sprach. Ach, das kommt wohl von Renate, daß alle Andern neben ihr wie Kellerpflanzen aussehn, — auch Magda, — aber Frau Tregiorni —, die war doch entzückend! Dies ist schön, dies ist ein schöner Gedanke: Wenn ich neben ein vollkommen Schönes etwas auch Schönes stelle, das vielleicht nur lieblich, nur anmutig ist, so läßt das ganz und gar Schöne es ruhig glänzen und tut ihm nichts an; das Fehlerhafte aber, das Unreine, das Schillernde, das wird verneint, ausgetilgt vom Vollkommenen, und nur das Abstoßende daran bleibt sichtbar. Gott sei Dank, es hört auf zu regnen. ‚Da kömmt die liebe Sonne wieder — Da kömmt sie wieder her!‘ Er sah auf die Uhr. Wenn ich zu Fuß gehe, werde ich gerade rechtzeitig zum Stelldichein kommen.

So schlenderte er dahin, hielt hier und da vor einem Schaufenster, ärgerte sich über die Gesichter der Menschen, gelangte ans Gänseliesel, lief eine Viertelstunde um das eingefriedigte Rasenoval, verbiß seine Enttäuschung über Lenuschs Ausbleiben und dachte, es liege vielleicht ein Brief auf der Post. Nun, er war bereit, auch dies Opfer zu bringen, ging hin und erhielt wahrhaftig einen kleinen Brief, der so durchaus rosa war, daß es ihn erstaunte, weil er gedacht hatte, das gäbe es nur in Zeitungsromanen. — Himmel, und auch solch eine Handschrift hätte ich nie für möglich gehalten! — Er las, am Gossenrande neben einem feuerroten Eilbotenjungen stehend, der darauf zu warten schien, daß er die Antwort auf Georgs Brief übernehmen solle, das Folgende:

Mein Süßer!