Du bist vielleicht erstaunt und denkst schlecht von mir, daß ich nicht da Gewesen bin es tut mir auch Schrecklich leid aber ich war ja so betrunken, da bin ich Treppe hinuntergefallen und habe mir das Ganze Gesicht aufgeschlagen. Bitte bitte, verzeih mir mein Süßer! und ich hätte ja so gerne mein Herz bei dir ausgeschütet du hast ja sicher gemerkt das du mir nicht gleichgildig bist und deshalb will ich auch Offen zu Dir sein. Zunächst einmal Tausend Dank für das gute, das Du mir ohne jegliche veranlasung gethan hast, es ist zu lieb von dir. Ich will offen zu Dir sein, ich habe nemlich noch so Allerlei kleine Schulden bei meiner Wirtin und Schneiderin nun, vieles kan ich ja nun zahlen. Ganz Schlecht zu werden habe ich Keine Lust und so wird es besser sein, ich fahre zuhause bei meine Eltern, wo ich am Besten aufgehoben bin. Morgen muß ich nun dringent etwas bezahlen und zu Diesem Zweck wollte ich dich bitten ob Du mir nicht mit 100 M. aushelfen könntest. Fals du kannst gieb mir bis 5 Uhr bescheit ich wohne Nelkenstraße 4 ich muß nemlich bis zu Dieser Zeit dringent etwas zalen andernfalls meine Ringe wieder fortgeben. Ich will dir Gern was zum Pfand lassen. Verzeihe bitte Lieber Süßer, und denke um gotteswillen nicht Schlecht von mir, nur Äußerste Verzweilung treibt mich Hierzu. Bitte, Kerlchen sprich auch nicht Hierüber ich schäme mich ja sonst. Nim es mir bitte nich Übel ich will auch gleich an meine Eltern schreiben, Sie müssen mir ja helfen. Bite gieb mir Unbedingt nachricht oder komme selbst. Sollt ich dan nicht zuhause sein, gieb meiner Wirtin bescheit. So jetzt bin ich Eis kalt gefroren sitze im ungeheizten Zimmer.

Gute nacht! Schlaf wohl!
Herzlich grüßt und küßt dich
Deine Dankbare
Helene Kick.

Georg war überwältigt von Schwermut. Dies ist Lenusch, Helene Kick, dachte er, o wie jämmerlich ist es doch bestellt mit dem Dasein des Menschen! — Er kehrte in das Postamt zurück, ließ sich eine Briefkarte geben, schrieb einen Gruß, legte zwei Hundertmarkscheine hinein und schickte das Ganze, sorgfältig eingeschrieben und durch Eilbotenbestellung an Fräulein Helene Kick, Nelkenstraße 4. Ich werde sie nie wieder sehn, dachte er, als er wieder draußen stand, in nachdenklicher Betrachtung des feuerroten Eilbotenjungen, der zögernd das rechte Bein über sein Fahrrad legte.

Benno! Natürlich! dieser Mensch war von einer solchen Bescheidenheit, daß er ihm jetzt erst einfiel! — Georg winkte dem Eilboten königlich bloß mit einem Auge, nahm eine Besuchskarte aus der Tasche, schrieb darauf: „Ich esse bei Pust, mein Herz, komme sofort! Schreibe die Antwort hierunter!“ und drückte sie dem Jungen in die Hand. „Öltzenstraße zwei, Mensch!“ bedrohte er ihn, „und wenn Sie in einer halben Stunde mit der Antwort bei Pust sind, in der Weinstube, kriegen Sie einen Taler, sonst nischt nich!“

Der Junge quetschte ein zuversichtliches Grinsen aus seiner sommersprossigen und sinnigen Blondheit, schwang sich auf sein Rad und segelte davon. Georg schlenderte, lächelnd in vorfreudigen Gedanken an den guten Benno, gemach über den Platz, die Bahnhofstraße hinunter, hinter dem Theater an seinem Hotel vorüber — wo ihm die Erinnerung an seine Morgenbegegnung mit Magda einen Gewissensbiß und inneres Erröten versetzte über seine erste Feigheit — und betrat die stille Weinstube, eine angenehme Dämmerung, goldig von goldgelben Vorhängen, in deren Tiefe er sich unter Palmengewächsen an einem der weißüberhangenen Tische niederließ. Eine Ochsenschwanzsuppe, ein Stück Forelle, ein sanftes Hammelkotelette mit Morcheln, Pfirsich Melba — das wars, was ihm munden sollte. Dazu ein schönes, großes Glas Pilsener.

Siebentes Kapitel

Weinstube

Hinter dem Kellner, der die Suppentasse brachte, tauchte, fremdartige Erscheinung, der feuerrote Eilbote mit Fahrklammern unten an den Manchesterhosen auf und brachte einen richtigen Briefumschlag, in dem Georg seine Karte fand, unverändert — nein, Benno hatte mit lieblicher Geste nur das ‚komme sofort‘ zweimal zart unterstrichen. — Und noch war Georg kaum am Zerlegen seines Forellenschwanzes, so sah er ihn von weitem, wie er hinter dem Vorhang der Eingangstür auftauchte, den großen braunen Schlapphut abnehmend, den Kopf mit dem zurückgestrichenen langen Haar zurückwarf und, nun in seiner ganzen hagern Länge — noch immer der alte, blaugraue Winterüberzieher, dessen abgeschabte Stelle im Samtkragen Georg im Dunkeln bezeichnet hätte — mit diesem seltsamen, blind scheinenden Blick der Augen umherspähte, — ach, diese in Verlegenheit sich verkehrenden Pupillen! und der hängende rote Schnurrbart, und diese höchste Stirn von der Welt, und da — jetzt hatte er ihn gesehn, und er strahlte und wurde glutrot und verneigte sich von weitem, den Hut in der Hand nach rückwärts schwenkend, mit dem ganzen Oberkörper, und eilte heran und verfing sich mit dem Mantel an einem Stuhl, den er auffing, steckenbleibend im Vorstürmen, und er verneigte sich vielmals gegen den Herrn am Tische und zwängte sich zwischen den Andern hindurch mit Bewegungen wie lauter angefangene Verbeugungen, und nun stand er vor ihm, die Augen verdrehend, leuchtend, und der lange Haken der Nase war ganz derselbe, aber — er trug ja einen Flor am Arm! Ja, gewiß, seine Mutter — —

„Herrlich!“ sagte Benno, wie immer nur halblaut, aber mit tiefster Inbrunst verhauchend, „herrlich!“ und preßte ihm die Hand und schüttelte sie und schwenkte sie von oben nach unten, „da bist du ja! Laß dich anschaun!“ und legte ihm den Arm auf die Schulter, worauf er sich wieder losriß, sich zum Kleiderständer hinumschwenkte, mit einer Geste von großer, weltmännischer Kühnheit seinen Hut über den Haken schlug und den Mantel auszog, den dann der Kellner ihm abnahm, während Georg sich kaum setzen konnte vor innigem Vergnügen.

Und da saßen sie denn beisammen, und Benno mußte nachessen. — Ja, seine Mutter war nun doch gestorben ...