„Ach!“ sagte er aus tiefster Seele, „es war herrlich! es läßt sich nicht sagen! Es ist ja so unendlich gut, daß sie hinüber und in Freiheit ist ...“ Und leise sprach er weiter: er allein sei dabei gewesen, tief in der Nacht, nein, er habe es doch nicht fertigbekommen, seinen Vater zu wecken. „Eine Mutter stirbt nur einmal, und dies Letzte wenigstens, das wollte ich für mich haben.“ Es sei schrecklich, aber es sei so. Der Vater freilich scheine nun doch ganz gebrochen ...
Ja, dachte Georg, ohne daß ers zu sagen wagte, nachdem er die ganzen zwei Jahre lang ihre Krankheit entweder für Mogelei oder eine absichtliche Bosheit gehalten hatte.
Ja, und nun sei Georg wieder da ...!
„Da kommt deine Suppe,“ sagte Georg, seine Rührung auf innerlichen Vorgang beschränkend.
Da saß dieser gütigste Mensch, hatte in aller Eile seinen Examensgehrock angezogen, um der Vornehmheit des Freundes und des Ortes nicht zu schaden, saß krumm wie ein Bogen, genau wie immer, schnellte dann plötzlich zu kühner Höhe empor, warf immer wieder den scheuesten der zärtlichen Blicke zur Seite auf den Freund, fuhr sich mit der Hand übers glatte Haar zum Hinterkopf und sah weltverloren, verschämt und liebegefüllt aus, — ganz wie immer.
„Und jetzt ists aus, Benno, nicht wahr? Jetzt nehmen wir dein Leben in die Hand. Dein Vater hat deine Schwester, mehr als genug für ihn, und wir fahren in einer halben Stunde zum Schlößchen hinaus, im Georgengarten, wo ich wohnen werde, und sehen zu, ob auch der Nordflügel verändert werden muß, wo du wohnen wirst. Keine Widerreden! Meine Zimmerpläne sind im Kopf schon fertig, ich habe eine Unmenge Sachen gekauft, viel zu viel für mich wahrscheinlich, in Trassenberg habe ich die Pläne angesehn und alles ausgedacht, oh es wird kostbar! Giebt es noch Widerreden?“
Nein! — Benno wagte es endlich, die Augen von seiner Suppentasse zu erheben; er sah Georg voll unsäglicher Bewunderung an und gestand, daß es keine Widerreden mehr gebe.
„Ich hätte dir fast noch diese Nacht alles geschrieben,“ sagte er leise. „Du bist der edelste Mensch!“
Georg tat vom eiskalten Bier einen tiefen Zug, beugte sich dicht zu Benno und redete in ihn hinein, so zärtlich er konnte.
„Was soll ich dir schenken, Benno? Willst du tausend so dicke Zigarren haben wie dein Vater am Sonntag? Willst du einen kleinen Rennstall? Soll ich deine Lieder drucken? Beiläufig: wie stehts mit der Symphonie? Sag doch was! Willst du ein goldenes Zigarettenetui? Oder einen Flügel von Steinway? Du bekommst ihn. Du bekommst alles, Benno. Sag doch, was ich dir schenken soll! Siehst du nicht, was für himmlisches Wetter heute ist? Gehen heute nicht Königinnen auf allen Straßen umher und verteilen Blumen und Armbänder?“