„Ich meinte etwas andres,“ sagte er dann. „Ich meinte — die Verstrickung überhaupt, wenn sie unter die Andern gerät, — wer möchte sich erdreisten! Verstehst du nicht? Und — sie ist doch tausendmal feiner als wir geformt, — sie wird — zerbrechen.“
„Feiner geformt — ja, das ist wieder was andres, das kannst du sagen. Aber — abgesehn davon, daß ich sie bei all solcher Feinheit doch für — ich möchte fast sagen: standfest halte — warum überhaupt: zerbrechen? Und warum, Benno, das versteh ich nicht, warum sollte ihr Schicksal darum furchtbarer sein als ein andres, das an sich auch furchtbar ist? Warum —“
„Wer höher steht, stürzt der nicht tiefer?“
Georg, eigentümlich gereizt von dem beständigen ‚höher‘, sagte trocken:
„Wer sagt dir denn nun eigentlich, daß sie höher steht, Benno? Wir — versteh mich recht! —“ Er legte ihm, der sich entsetzt zurückgeworfen hatte, die Hand auf den Arm und fuhr, schwankend zwischen Begütigung und heftigerer Gereiztheit, fort: „Wir, nicht wahr, — wir, die wir sie so schön sehn, wir stellen sie höher, aber darum tut sie’s doch nicht selber mit sich! Sie vergleicht sich doch nicht mit Andern, oder meinst du? Wie kann man die Dinge so von außen sehn, nicht wahr?“
Benno schwieg hartnäckig. Plötzlich fiel Georg ein, daß — wie es schien, Bogner ihm einmal etwas ganz Ähnliches gesagt hatte. Da aber war er es gewesen, der das bestritt. Sollte er sich inzwischen so ...? Wann war es doch noch? Damals war von Anna die Rede, — richtig, an dem merkwürdigen Tage im Juli, es war ein Gewitter ...
Georg geriet abirrend in peinliche Erinnerungen und Vorstellungen von Anna. Helenenruh, Jason, der Park, Annas Zimmer, die Umarmung, — kalt und unverständlich, häßlich anzusehn, als blicke er heimlich in ein fremdes Zimmer, beobachtend wider den Anstand, — all das verschwamm vor seinen Augen, bis langsam Bennos Hand darunter zum Vorschein kam, die große, rötliche mit knochigen Gelenken und den, Georg unangenehmen, allzukurz geschnittenen Nägeln, unter denen die Fingerkuppen hervorquollen, die jetzt den Griff des Fischmessers preßten, da Benno, gesenkten Kopfes dasitzend, die Gräten auf dem Teller aus dem Rest flüssiger Butter herausscharrte. — Ganz versunken in Gedankenlosigkeit hörte Georg sich selber sagen:
„Das ist wieder so eine Herumspintisiererei an Andern! Was wissen wir davon, wie sie ist? Und vor sich selber steht sie doch vergleichslos, wie wir alle, jedenfalls in jedem ernsten Augenblick.“
Er gab sich einen Ruck, richtete sich auf, sah den Kellner den Silberbecher vor sich stellen, tauchte die kleine Schaufel ins Eis und redete weiter:
„Du verklärst, Benno, immer verklärst du. Ja, herrlich, natürlich, aber — es ist ja wunderschön, du weißt, wie sehr ich es an dir liebe, obgleich ich fast wieder meine — nicht wahr? — es ist schön, wenn du das Geringe, das Unscheinbare, das — Verkannte so — in deiner Art — erhebst, immer das Gute aus dem Traurigen, Entstellten herausliest, — aber — nicht wahr? — Das Seltne, Edle, Tüchtige, Heilige — das ist verklärt durch sich selbst. Ich finde, da kann man nur Abbruch tun. Nein, höchstens, wenn du sagst, daß sie feiner, zarter, empfindlicher geformt ist als Andre — ja, so wird sie eben dadurch zu leiden haben, auf andre Weise deshalb als Andre; darin wird dann ihr besonderes Leiden bestehen, aber — nicht wahr — wo überhaupt Ernst zum Leiden da ist, da findet sich — Leiden, und dann ist das eine jedem andern gleich. Oder glaubst du, Benno, ein Mensch könnte mehr zu leiden haben als ein andrer?“