Es war recht warm geworden. Das zarte Licht überquoll seelenvoll die Unvollkommenheit der jugendlichen Natur, die sich durchschauen ließ in allen Tiefen, von überallher bedürftige Arme und Spitzen nach oben streckend, Küsse des Lichts zu empfangen, von denen sie plötzlich ergrünten, schattenlos, luftig zitternd im hauchenden Golde.
„Ach, es ist schön, Benno, es ist wunderbar schön hier oben im Norden! Es ist so wenig, und im Wenigen so viel, wenn einem die Brust aufgeht, nicht wahr?“
Georg stellte seinen Stock vor sich auf, setzte das Kinn auf den Goldknopf, zog die Lider zusammen und blinzelte behaglich im Gefühl der Sonne, die seinen Rücken durchwärmte. Und er lächelte, Bennos lauschende Haltung zu gewahren — wie früher so oft —, die andächtige Zuhörerattitüde, in der er saß, das rechte Knie überm linken, den Oberkörper fast gerade, den Hut auf dem Knie, das Gesicht mit dem verschleierten Blick ein wenig vorgestreckt am überlangen Hals, immer ein wenig Wehmut in den äußeren Augenwinkeln, im Hängen der Nase und des Schnurrbarts.
„Sprich weiter, Georg,“ hörte er ihn sagen. „Das Letzte verstand ich noch nicht. Warum sollte Zeugung nichts mit Liebe zu tun haben?“ Er ließ die Hand fallen und krümmte sie offen. „Ist nicht im Gegenteil dies die vollkommene Vereinigung der Liebenden, Leib in Leib und Seele in Seele?“
Georg fing an, im feuchten Erdreich Striche und Bogen zu ziehn. Dann sagte er langsam:
„Nein, Benno, eben das ist es ja, was ich erfuhr. Es giebt keine Vereinigung. Die Körper vereinen sich freilich, aber — ich sagte es ja: die Seele erlischt. Wie kann sie Liebe empfinden, wenn sie sich selbst nicht mehr fühlt? Und wie kann sie Liebe empfinden, wenn sie in kalter Verzweiflung liegt? Ich gebe ja zu — nicht wahr — einen Ausdruck kann Liebe auch hierin finden, einen unter vielen, nicht einmal den höchsten. Nein, sieh mal, die Sache sieht vielmehr so aus. Dies hier —“ Er zog einen kurzen senkrechten Strich mit der Stockspitze im Erdreich — „dies hier — ist der Mensch. Und dies hier —“ er stieß zwei Schritte links von dem Strich die Stockspitze in den Boden — „dieser Punkt ist — der Tod. Und nun —“ von den Enden des Striches zwei Linien zu dem Punkt, dann noch mehrere innerhalb der ersten ziehend, so daß ein Bündel Strahlen vom Punkt zum Strich hinlief — „dies hier sind — du mußt dir tausend mehr solcher Strahlen vorstellen — sind die tausend und mehr Fäden der Todesängste, der tausend Wege, auf denen der Tod den Menschen in sich hineinzieht. Ihnen zu erwidern erfand das Lebendige ebensoviel tausend Widerstrahlen der Lüste, aller Freuden, Wonnen, aller Lebenskräfte überhaupt, der Wünsche, Sehnsüchte und — der Liebe. Sich im andern Menschen zu genießen, zu ergänzen, wie du es nun nennen willst, das ist Liebe. Du kannst aber einen Menschen lieben oder — die Kunst vielleicht, die Wissenschaft, die Jagd, die Natur, die Musik, chinesisches Porzellan oder Gedichte von irgendwem: all das sind Strahlungen der Lebenskraft und der Liebe, einer dem andern ganz gleich. Alles Arten der Lust. Zeugung dagegen ist und bleibt Schmerz, nicht wahr, nur haben wir diesen Schmerz auch in Lust verwandelt, denn — wer wollte sonst zeugen wollen? Wir sind nicht nur belagert vom Tod, sondern er selber, nicht wahr, — ist mitten in der Festung und überliefert sie am strahlenden Festtag dem Feinde, sich selber, in die Hände. Kannst du etwas einwenden?“
Benno saß still da, die Augen auf die Zeichnung im Sande geheftet. Endlich, den Kopf leise hin und her bewegend, sagte er:
„Einwenden nicht. Es kommt mir nur — diese Trennung, die du da vornimmst — sie kommt mir unsagbar traurig vor.“
„Das scheint so, Benno, glaube mir, es scheint nur so! Aber es ist doch anders. Sieh mal, ich dachte so: In einer Menge von Büchern, zuletzt glaube ich und besonders deutlich bei Strindberg, fand ich diesen Zwiespalt: Ein Mensch — jung, so wie wir, oder noch jünger — hat durch Erziehung, vor allem durch die christliche Lehre, die Meinung aufgepreßt bekommen, daß — der Liebesakt, nicht wahr? — etwas Schimpfliches, etwas Unreines, ja Tierisches sei, so daß er, der doch diesen Trieb so gewaltig empfindet, sich selber unrein vorkommt, unrein auch die, an denen er ihn auslassen soll, also womöglich — die schöne Geliebte seiner Seele. Und gesetzt gar, er hätte eine solche und fühlte sich doch — nicht wahr — genötigt, anderswo Befriedigung zu suchen, — welche Kämpfe nun erst für und wider diese vermeintliche Untreue! Und da nun, Benno, da tritt meine Erkenntnis vor und zerhaut den Knoten und macht mich frei. Ein Trieb hier — kein schmutziger natürlich —, sondern ein einfach natürlicher — — und ein andrer, mehr seelischer, nicht wahr, die Liebe — dort, — das sind die beiden zertrennten Stücke, tote Wurmteile, die mich nicht mehr belästigen sollen.“ Georg packte seinen Stock in der Mitte.
„Aber,“ wagte Benno leise zu erwidern, „die Geliebte selber — wird sie auch so empfinden können?“