„Das, mein Benno,“ lachte Georg, „das ist wieder was andres! Im praktischen Dasein kann das natürlich zu Verwicklungen führen, aber — die Hauptsache, nicht wahr? — bleibt — das eigene Gefühl der Unschuld, das Bewußtsein, nicht im geringsten treulos werden zu können. Die Tatsache fällt dann unter die vielen andern sozialen Dinge, die verboten und geheim geduldet sind, die man regeln muß nach seinem Gewissen, und — nun, du verstehst schon.“

Benno schwieg. Georg lehnte den Rücken an die Bank, streckte die Beine von sich und schloß die Augen.

„Ach, Benno,“ sagte er nach einer Weile, „ich bin ja so glücklich!“

„Ich auch, Georg, ach wie sehr! und so dankbar und —“

„Denn — wenn ich nun an München denke ... diese langweiligen Gesellen, mit denen ich reden mußte, immer dasselbe — — und mich nun hier finde, in meinem breitesten Egoismus redend und redend, was mir einfällt, und keiner starrt mich an wie von Sinnen und brüllt endlich, ich wäre ein Idiot und müßte in die Kanne steigen, bis ich verreckte ... heulen könnt ich dann, Benno. Und sieh mal.“ Die Augen schamvoll immer geschlossen lassend, fuhr er leise fort: „Liebe und Freundschaft — da kann man fast anfangen zu schwanken. In der Liebe — nicht wahr? — da bleibt doch immer, so tief, so rein, so glücklich sie sein mag, ein — ein Zwang, eben der Zwang, lieben zu müssen, weil doch nun einmal diese Beiden, Zeugung und Liebe, seit Jahrhunderttausenden für uns in einer Wurzel steckten. Zur Liebe sind wir verurteilt, Benno, Freundschaft aber ist freiwillig. Ja, das wollen wir zuweilen bedenken, wenn wir später den Notweg gehn, jeder in seiner Richtung, den seligen und tödlichen Weg der Liebe.“

Er schwieg, sehr ergriffen von sich selbst. Dann sprang er auf, murmelte: „Gehn wir!“ und eilte, ohne sich um Benno zu sorgen, den Weg voraus, der in die Fahrstraße vor dem Schlößchen mündete.

Saal

Indem Georg auf die kleine, zwischen der Rampe und der Hausecke ungefähr in der Mitte liegende Tür zuging, öffnete sie sich von drinnen, und es erschien — ohne Zweifel Moses, — d. h. der Hauswart, den Georg sich allerdings höchst anders vorgestellt hatte, denn es war ein großer, schwer gebauter Mann, der — mit mächtig wallendem, aus schwarzem und weißem Haar gemischten Bart, glänzenden, schwarzen, ein wenig geschlitzten Augen unter buschigen, an den Enden aufwärts gedrehten Brauen, ja sogar mit einem, in die hohe Stirn gestrichenen Haartuff, neben dem unsichtbar zwei Hörner zu stehn schienen, aufs Haar wie Moses aussah, jedoch bloß Vögelein hieß.

„Ah, Herr Vögelein, nicht wahr?“ rief er ihn gleichwohl an, „grüß Gott! ich bin Prinz Georg. Haben Sie meinen Brief bekommen? Alles in Ordnung? Die Türen offen, ordentlich Durchzug gemacht?“ Nein, immerzu dienern und freudig lächeln müßte man nicht, dachte er, wenn man so aussieht wie Moses. „Ja, nun sagen Sie mal,“ fuhr er leutselig fort, „ich werde also hier wohnen. Sind Sie verheiratet?“

Moses dienerte und freute sich sehr. „Freilich, freilich, Durchlaucht. Es ist die dritte.“