Georg setzte sich auf den Tisch und ließ die Beine hängen. Ja, da saß er auf des Kaisers Tisch ... Die Abfassung der Memoiren ward abgebrochen infolge der langwierigen Verhandlungen des Wiener Kongresses und später nicht fortgesetzt, weil der Verfasser starb. Welche Entschließungen mochten ihn wohl dazu geführt haben, in die endgültige Mediatisation und Zerteilung der Landschaft an Beuglenburg zu willigen, und vor allem jenen Geheimabschluß einzugehn, nach welchem das Großherzogtum nur die Oberhoheit auf hundert Jahre, gewissermaßen kündbar ... Ob das alles überhaupt heute noch gültig war? Aber sein Vater hatte doch ...

Und hundert Jahre nach jenem Tag, fast auf das Datum genau, würde sein einundzwanzigster Geburtstag sein. — Er schüttelte sich, es überlief ihn glühend heiß, er sprang auf, lief zu einem der Fenster und riß es auf. Die Sterne! Da oben waren sie, auch jetzt, am lichten Tag, alles an ihnen war unglaublich. Er liebte sie, oh! aber mit ihm sprachen sie nur durch das Gefühl. Er war aber an sie gefesselt! Nein, das war eine Parallelbewegung. Sie drückten droben in Linien von himmlischer Schlichtheit aus, was hier unten sich wirkte, löste und knüpfte, klarer und mit ihrer ganzen, tausend Jahre alten Sicherheit. Hatte also der Ahn gewußt, daß er, daß Georg, ein Mensch ... Und deshalb jenen Vertrag ...? Diese Trassenberge — Astrologen, Philosophen, Sozialisten, der letzte vielleicht nur ein Poet.

Ce n’est pas contre ... Georg ging mit langen korsikanischen Schritten im Saal umher. Da saß der gute Benno und wußte nicht wohin schaun vor Diskretheit. Durch das offene Fenster strichen Windwellen, Stargeschrei wirbelte herein. Die Kastanien hatten große, feuchte, blanke Knospen und erinnerten an Kuhaugen. Je les veux remplir, sans savoir, moi! Renates Antlitz schwebte entzückend auf ihn zu. Er brach ab. „Komm, Benno, wir wollen Zimmer ansehn.“

Raum

Während sie den Korridor hinuntergingen, bemerkte Georg: „Übrigens — ein Onkel von mir wollte hier schon einmal wohnen, in denselben Zimmern vermutlich, an die ich selber gedacht habe, aber er starb an der Schwindsucht, als eben die Tapeten an die Wände sollten. Na — ich bin gesund wie eine Kokosnuß.“

„Warum denn Kokosnuß?“ fragte Benno verwundert.

„Ach, weil mirs so einfiel, mein Junge!“ lachte Georg. „Ist so ein schönes, tatsächliches Wort nicht an sich genug? Aber wenn du willst, denk: süße Milch in gepanzerter Schale; aufs Haar so komm ich mir eben vor.“

Sie bogen um die Ecke in den kleineren Flur, Georg öffnete die Tür am Ende, prallte aber leicht zurück vor dem unverhofft wüsten Anblick dieses Raums.

Hoch von oben, auf zwei großen, wagrecht ovalen Fensteröffnungen waren zwei mächtige, von Myriaden Sonnenstäubchen schimmernde Lichtbalken in den weiten, quadratischen Raum schräge hinuntergestellt. Hinter ihnen waren die Läden der hohen Fenster — nein, eines war eine Tür — geschlossen und der Raum sonst mit goldner Dämmerung erfüllt. Georg schätzte die Höhe auf sieben Meter zumindest. Sie selber standen vier Stufen hoch über dem Boden, der mit Mörtel, Bruchsteinen und Tapetenresten und -rollen lose und in Haufen bedeckt war. An den Wänden nacktes Mauerwerk. Prachtvoll glitzerte oben im Winkel über dem rechten Lichtoval ein riesiges Rad von Spinnennetz. Es roch heftig nach Steinen, Tapeten und dergleichen fauligen und unbestimmbaren Dingen mehr.

„Das, Benno, das wird aber bald anders aussehn,“ brach Georg mit Begeisterung los. „Gieb acht, ich will dirs beschreiben! Zuerst hier, diese Stufen werden zwei köstliche uralte Holzgeländer bekommen — ich fand sie in Aibling unten bei einem Klosterbauern —, geschnitzte Apostelfiguren unter einem breiten Dach, fast schwarz von Alter. Dann kommt hier rechts in die Ecke ein Kamin, und da wird aus einem runden Tisch, tiefen Sesseln und einer Hängelampe — mit solch einem mächtigen Umhang, violett oder goldgelb oder tannengrün, wie’s am schönsten wirkt — ein kostbarer Abendwinkel gebildet. Die Wände aber — ja, die werden sich mindestens — fünf Meter hoch mit Bücherregalen bedecken, die aber Zwischenräume unter sich lassen, halbmeterbreit, und dahinein kommen so — Gestelle mit Kübeln voll Blumen, — ja, das mußt du dir ausmalen für alle Jahreszeiten, — aber denke dir nur: große Gefäße von Stein oder Kupfer oder chinesische Paukenbecken von Bronze und darin — sagen wir — zweihundertfünfzig dunkelrote, eiförmige Tulpen, an grünen, weichen Stielen über den Rand geneigt, oder — an anderer Stelle — ein ganz dünner Mandelbaum mit zehn kerzengraden Spießruten voll rosiger Korallen. Ha, Benno, was sagst du? Und die Bücher werden alle in die Regale tief hineingeschoben, so daß vor ihnen noch Platz bleibt für alle möglichen Erlesenheiten, Vasen mit Blumen hier und da und dann, was ich so habe: kleine Scharen von japanischen Schnupftabaksphiolen aus Jade und Glas, blauem, weißem und grünem, und kleine, geschnitzte Hausaltäre, innen vergoldet mit dem Buddha im Lotos, und persische Federkästen von unbeschreiblicher Lackmalerei auf ganz glühend goldigem Grund, und persische Steintöpfe, diese grauen mit blauen Ornamenten, weißt du, und Tonschalen, durchbrochene, wie aus Papier, aus den urältesten Dynastien. Bunte Chinesenschalen ferner, und dann die köstlichsten Figuren und Gruppen aus Frankenthal und Höchst und Meißen und weiße und violette Statuetten aus Kiel und durchbrochene Krüge aus Münden und Terrinen aus ich weiß nicht wo, — all die glänzenden, kühlen, glatten Farben, so daß alles das lebt, Bücherrücken und Büchergeist, Blumen und Kunstwerke sich miteinander zu einem Schimmer von atmendem Leben vereinen, — wirds was, Benno?“