„Dahinten ist der Saal, Benno,“ sagte Georg, „nun komm, nun werde ich dir etwas zeigen.“

Sie gingen hinunter. Ja, der Saal war dort, und im Saale der Tisch, der Tisch des Vertrages. Georgs Herz fing sonderlich an zu klopfen. Er öffnete die Tür. Richtig: mitten im geräumigen, mit blassen Freskogemälden ausgezierten Saal, der die ganze Tiefe des Hauses einnahm, stand einsam auf goldenen Beinen mit Löwenfüßen der historische Tisch mit der rötlich weiß glänzenden Achatplatte.

Benno trat, sich umschauend, an eines der nach hinten hinaus liegenden Fenster, Georg, von einem sehr tatsächlichen Ernst unvermutet überkommen, an ein andres und hatte einen sehr angenehmen Ausblick über den durchsichtigen Parkstreifen mit seinem wasservollen Graben, über die Wiesen dahinter, die Laubenkolonien, fern über die unregelmäßige, neu aussehende Häuserwand der Fabrikstadt jenseits des unsichtbaren Flusses und endlich den Wald der Fabrikessen. Die, dachte Georg, werden mich nicht stören, eher beruhigen in ihrer stillen Ferne. Er sah sich um. An den Wänden des Saales war die Stukkatur und Vergoldung etwas verkommen, einige rötliche Gesichter sahen aus schwarzem Grunde und mattgoldenem Rahmen von hoch oben herunter; von der kassettierten, schlecht und recht ausgemalten Decke hing als formloser Leinwandsack der Kronleuchter. Da außer vier, neben die Türen gerückten Lehnstühlen und dem historischen Tisch keine Möbel sich im Saal befanden, war die Luft kampferfrei und gut. Georg trat an den Tisch.

Die Achatplatte erinnerte ihn in diesem Augenblick an eine andere, kleinere, die auf dem Schreibtisch seines Vaters in Helenenruh lag. Welch eine Stunde damals! Ach, und welch ein Tag! Aber die Achatplatte war historisch. Auf ihr hatten die Unterarme Napoleons geruht. Auf ihr hatte der sanfte Trassenbergische Astrolog jenen Sondervertrag mit dem Kaiser abgeschlossen. Napoleon war gekommen, um sich sein Horoskop stellen zu lassen. Wie hatte es sich doch zugetragen?

Georg verlor sich in Erinnerungen und Träume. Da saß der gute Benno zusammengesunken auf einem Stuhl neben der Tür, blickte durch die Fenster hinaus und war gewiß glücklich. Wann hätte er je gestört? Er wird sicherlich in das Paradies kommen und seine Mutter wiedersehn, dachte Georg gerührt. Aber wie steigt auf einmal alles auf um mich! Ich hätte doch die Memoiren besser lesen sollen, aber was verstand ich von all den astronomischen Tafeln und Tabellen, den astrologischen Konstellationen und Häusern der Himmelsbewohner? Und die Fürsten, deren Horoskope verzeichnet waren, kannte ich kaum.

Jählings schossen Gedanken von allen Seiten auf ihn; zwei blitzten heraus: Renate! und: ich kann Herzog werden! Renate Herzogin. — Dann: das Horoskop Bonapartes! Wie war es doch damit? Er mußte sich erinnern.

„Weißt du eigentlich, Benno, daß ein Ahnherr von mir Napoleon das Horoskop gestellt hat? Das heißt — es kam eigentlich nicht dazu. Ich habe es in den Memoiren selbst gelesen; es schauderte mich seltsam, denke dir nur: die Laufbahn des Eroberers, festgelegt — nicht wahr — seit Äonen. Glaubst du daran? Und warum nur der Eroberer, der Großen? Und die unsern, Benno? Damals kam es nun so, daß Georg der Siebente zuerst das Vergangene im Schicksal Bonapartes nachprüfte und bis ins kleinste richtig befand. Die obskure Geburt, nicht wahr, Zahl der Nachkommen, Krönung, die Pyramiden, Marengo, die Dreikaiserschlacht, Protektor des Rheinbundes. Damit schloß damals die Bahn. Und Napoleon? Er tat etwas Fabelhaftes. Er verzichtete auf das übrige. Er sagte ... Denke dir, Benno, den Frühling fort, und Nacht; hier drei Kerzenflammen — nicht wahr — mitten im beschatteten Saal, widergespiegelt in diesem Achatgeäder. Im Sessel also, im Schatten zurück, der Kaiser, die Finger der Linken zwischen den Knöpfen der Weste, die Rechte hängt herunter, er schweigt. Und dort am Fenster mein sanfter Ahn, den kannst du dir wie Seni denken, — der vielleicht schon alles weiß: die brennende Stadt, den Leichenfluß, die Karawane im Schnee, die flüchtende Karosse von Belle-Alliance, das neue Königtum, nicht wahr — Helena. Und wußte ers nicht, wußten es doch die draußen, die stillen, goldenen Geister, die himmlischen Schreiber, die Legion uralter Augen. Still, Benno, hör zu. Aber der Franzose am Tisch sagte langsam: Nein; er wolle nichts wissen, denn — das waren seine Worte: ‚Ce n’est pas contre mes étoiles, mais c’est pour elles que je combats.‘ Und nach einer Pause: ‚Je les veux remplir, moi, sans savoir!‘“

Benno drüben wiederholte leise und andachtsvoll: „Nicht gegen meine Sterne, für sie fecht ich!“

„Aber danach, nicht wahr, hat er seinem Astrologen den Beitritt zum Rheinbunde doch ungemein warm ans Herz gelegt; er fürchtete wohl doch den allwissenden Mann im kleinen deutschen Schloß. Dem lag aber mehr daran, im Lande zu bleiben —“ Georg verstummte und ergänzte sich stillschweigend: — als über sein Land mit fremder Hülfe zu herrschen — und dann wußte er ja auch alles zuvor —, also: Herzog in Trassenberg. — Georg sah die drei Leuchterflammen durch den Saal schweben, vor ihnen, hell beleuchtet, den grünen Uniformsrücken und das schwarze Haar des Kaisers, und seinen Schatten, der vor ihm die Tür ausfüllte und an der Wand emporstieg. — Dann stellten sich zwischen seinen Lidern die fernen Fabrikschlote mit ihren schwarzen Fahnen auf; Aprilwolken, weiß und leicht, wimmelten im dichten Geschwader über den Himmel. Im Garten zwitscherte es. —

Ich weiß wohl, dachte Georg, die Zeit ist zu keiner Romantik geneigt. Aber warum sagte Papa mir das alles? — Und am nächsten Morgen, zum Abschied, gab es noch ein kaiserliches Bonmot von archimedischer Größe: Ne troublez pas mes étoiles, mon ami! —