„Aber setz dich doch“, sagte er nach einer Weile erwachend und hastig. Georg drehte den Schreibtischsessel herum und setzte sich, zwischen den peinlich geordneten, mit marmorierten Felsbrocken oder geschliffenen, farbigen Steinplatten beschwerten Stapeln von Papieren und Mappen die schwere gläserne Aschenschale voller Zigarrenreste heranziehend, und plötzlich waren seine Gedanken bei seiner Mutter. Auf einmal wurde ihm erschreckend klar, daß, wenn er an sie dachte, dies viel mehr mit Kummer geschah als mit Liebe. Da ging sie auf ihrem schmalen Teppichstreifen hin und her an der Wand, im Dunkel, in Gefangenschaft, rastlos wie eine Pantherin, unfähig zu denken, sie, die doch die klügste Fürstin in Europa sein könnte und ein ganzes Land allein regiert hätte ... Ihre kalten Hände, — wann hatte nur der Schauder vor ihnen angefangen? Und wenn er ihrer gedachte, so spürte er ihren Kopfschmerz peinigend in der eigenen Stirn. Ach, und sie war genügsam, sie hatte wohl sein verheimlichtes Widerstreben gemerkt, wie sollte sie nicht, aber sie begnügte sich mit dem Zwischenraum, er wußte es längst, es schmerzte ihn, es war nicht zu ändern, dann ward es Gewohnheit. Und er war ja auf Schulen und selten zu Hause. — Wie geht es heute, Mutter? — Danke, besser, mein Junge. — Und sie glitt auf und ab, und er schlich hinaus.
Überdem fühlte Georg die kleinen, einander nahen und glühenden Augen seines Vaters von fern auf sich geheftet, errötete und erinnerte sich hastig der Worte, die er schon gehört hatte, während vor seinen Augen eine daliegende blanke Achatplatte mit schön gezogenen weißen und roten Ringen zu schweben begann. Ja, er würde morgen seinen achtzehnten Geburtstag begehn; es würden Leute kommen, eine kleine Feier, und darum, sagte der Herzog, habe er den heutigen Tag gewählt, um ihn vorm Beziehen der Universität einige Dinge vorzutragen und ans Herz zu legen.
Er begann darauf mit einem Rückblick über die letzten Lebens- und Lernjahre Georgs, hervorhebend, wie er von Anfang an, indem er ihn schon in die Dorfschule geschickt hatte, bestrebt gewesen sei, ihn mit der Welt der Andern in Verbindung zu halten, jenen Andern, die durch Sitte und Gewohnheit als unter ihm stehend betrachtet würden, die aber jeder Verständige — es gäbe nicht viel davon — als ebenbürtig mit seiner eigenen, des Herzogs Stellung ansehn müsse, ausgenommen die Faulenzer, — und der Herzog streifte sein Prinzip von der Gleichheit durch Leistung. Jeder, der das volle Maß der ihm verliehenen Kräfte und Möglichkeiten erschöpfe, habe vollen Menschenwert. Es gäbe Standesunterschiede, allerdings, durch Erziehung, Geburt und so weiter, sichtbar in äußerer Gestaltung und Gehaben, das sei gut so, ebenso wie die Kultur, die innere, ererbte des Einzelnen. Das aber seis gewesen, was sein Sohn habe erkennen sollen: den Einzelnen, den Überall, den Unklassifizierten. „Masse“, sagte er, „ist ein Begriff, wie Staat, Gesellschaft, Religion und dergleichen. Fassen lassen sie sich nur durch Erkenntnis des Gegenständlichen, des Lebendigen, des einzelnen Menschen. Es ist deine Aufgabe, sie zu finden, sie kommen nicht von selber.“
Sein Vater erinnerte ihn nun an jene Lebenserinnerungen seines Ahnherrn gleichen Namens, die er ihm seinerzeit als Konfirmationsgeschenk habe drucken lassen, und aus denen er sich erinnern werde — Georg tat es schwach —, daß jener Georg der Siebente, letzter regierender Herzog der Landschaft Trassenberg, trotz außerordentlicher und sonderbarer Beziehungen zu Napoleon, aus einem verborgenen Grunde — wie denn der eigentliche Charakter des „Astrologen“ niemals enträtselt wurde — dem Rheinbund nicht beigetreten sei; daß also damals Trassenberg an das, zum Großherzogtum aufrückende kleinere Beuglenburg kam, daß der Herzog nur die Titulatur mit dem „in“ Trassenberg bewahrte, daß schließlich hieran bei der Wiederherstellung der alten Reichsordnung auf dem Wiener Kongreß scheinbar nichts geändert wurde. Nun hätten seitdem die Nachfahren eine andre, friedliche Eroberung des eigenen Landes begonnen, indem sie durch Vermögen und durch Verwandtschaftung, als Fürsten von Diemarck, Grafen von Fichtel, Rosenstein ältere Linie, Siberndorf und Flanau, Freiherren und Herren auf Dannel-Biebereck, Trahndorf, Lesum und Kochel und so weiter die gesamte Landschaft bis auf kleine Ausnahmen wieder in ihren Sitz brachten, Städte, Dörfer, Flecken und Weiler, teils, wie schon gesagt, mit Hülfe des Kapitals, durch Ausgleich ihrer ursprünglichen Besitzungen mit der Erwerbung von Dörfern, Landsitzen, Mühlen, Marschen, Wäldern und Äckern, teils durch Industrie, teils, freilich auch hier mit Kapitalskräften, durch Teilnahme am technischen Fortschritt der Zeit, indem sie anlegten: Straßen, Brücken, Eisenbahnen und Kanäle, Werften und Docks, Hafen, Maschinenfabriken ... Georg hörte eine ganze Zeitlang Namen und Bezeichnungen von seines Vaters Lippen tropfen, deren Gegenstände sich wie ein großer Reichtum um ihn her zu häufen begannen: neuer Auftrieb oder Erschließung von Bergwerken, Silber, vor allem Kohlenminen, Aktiengesellschaften zur Ausbeutung der Erdschätze, Salinen, Bohrtürme, Steinbrüche und Tongruben, samt deren Verarbeitung in Fabriken; Genossenschaften, Moor- und Heidekulturen, Torfgewinnung, Urbarmachung versumpfter Strecken und Berieselungen. Fabriken wurden gegründet, Industrien ins Leben gerufen, als da sind: Zucker, Spiritus, Majolika, Leder, Porzellan, Pumpen und Wagen, Chemikalien, Zelluloid, Spinnereien und hundert andre Verwertungsarten der gleichen Stoffe, wie Steinkohle in Gas, Koks, Teer, Antimon und so weiter; ferner Glashütten, Sägewerke, dann: Druckereien — Zeitungen — Gasanstalten, Überlandzentralen und dergleichen mehr. Sie hatten saniert, hatten Spitäler, Irren- und Armenhäuser, Badeanstalten, Waisenhäuser, Krippen, Kliniken, Bibliotheken und Theater erbaut oder aus ihren Schatullen unterhalten, ebenso wie die Universität, die Handels-, Tierarznei- und technische Hochschule, wie zahlreiche andre Forschungsanstalten und Institute nur durch ihre Schenkungen aufgeblüht und die damit verbundenen Rechte tatsächlich ihr Eigentum wurden. Und sie hatten Straßen gepflastert, die Städte erweitert, Arbeiterviertel und Schmuckplätze, Erholungsheime, Fürsorgeanstalten, Schulen und Gemeindehäuser gebaut oder angelegt, und sie waren wahre Industrieritter, Diplomaten, Abgeordnete, Ökonomen, Züchter, Reeder, Plantagenbesitzer in andern Erdteilen, Gelehrte, mit einem guten und schlichten Wort: Arbeiter geworden, — warens noch heute.
Georg saß im Überfluß und staunte. Wenn er auch immer gewußt hatte, daß dies so war, und daß all das ihnen gehörte, so begann es doch zum erstenmal lebendigen Ausdruck dadurch zu gewinnen, daß er plötzlich sah: dies war nicht von Ewigkeit gewesen, sondern war geworden, nein, es war vielmehr gemacht. Gemacht von seinen Vätern oder, wie es ihm augenblicks schien, durch diesen seinen dasitzenden Vater allein, von dem ja so viel wenigstens feststand, daß er es gewesen war, der den jahrhundertalten Besitz aus seiner Zerstreutheit und Verworrenheit zu einer gewaltigen Masse, zu dieser einzigen, riesenhaften, Geld unerschöpflich hervorsprudelnden Maschine zusammengeschlossen hatte, aufgebaut aus zehntausend Teilchen, Kolben, Rädern, Riemen und Pumpen, eine ungeheure Fruchtbarkeitsanlage, die aus dem, in dampfender Tätigkeit brausenden Lande Kraft sog und wieder hinabregnen ließ. Da sah er es, da fing es an sich zu entfalten vor seinen ergriffenen Augen. Langsam fühlte er sich erhöht, unendliche Aussicht eröffnete sich, unter glorreicher Sonne gewaltiges, schönes Menschenland, von einer ungeheuren Betriebsamkeit erfüllt. Die Ebene schwoll hoch auf, die Marschen, die Fennen, von Hunderten von Knicks durchzogen, belebt von Trinkgruben und dem weidenden Vieh, von Windmühlen, Gehöften und unzähligen, silbernen Wasseradern bis an den dunstig schimmernden Geist des Meers. Jenseits dort blühten die farbigen Segel, wehten die Rauchfahnen der Dampfer, schimmerten die sonnigen Mauern der Kais, die leise schaukelnden Mastenwälder der Häfen, — diesseits, drinnen im Land, tauchten Städte über den Himmelsrand, grüne Türme und Kathedralen, die Straßen liefen daraus hervor ins Land, friedfertige Pilgerzeilen der Pappeln oder Obstbäume, bevölkert mit Reisenden, Wandrern, Wagen und Automobilen, von den schnurgeraden Dämmen der Bahnlinien geleitet oder überkreuzt, und die tausendfältigen Geräusche des Verkehrs schollen gedämpft, dann mit dem Einzug in die Städte dumpfbrausend wie Meeresbrandung zu ihm herauf. Da, eine brennende Fabrik! Schwarze Rauchsäulen, darin die Riesenessen, und eine, sauber und säulenschlank für Augenblicke aus dem Qualm erscheinend, öffnete sich plötzlich lautlos in der Mitte wie aus Sand, und die obre Hälfte stürzte wie ein Körper von oben in die Tiefe. Gestalten erschienen, Redner vor grünüberzogenen Tischen im Kreise lauschender Charakterköpfe, das Getümmel der Fraktionen im Wandelgang, und ein Bronzedenkmal glitt aus der Hülle, fremdartig kupfern und dunkel, die Menge schrie, Hüte flogen, Uniformen und schöngekleidete Frauen schritten Stufen empor im Gespräch mit Bürgermeistern und Weißbärten in Fräcken und Ordensbändern, die lächelten, alle lächelten. Karossen fuhren vor, Heiducken und Jäger mit Mänteln und Decken sprangen ab, da stand der Kaiser und lachte, es erschienen Vestibüle und Terrassen, schweigsame Gänge zwischen Glaskästen der Museen und Gemäldegalerien. Säle der Kliniken lagen da, blitzende Küchen der Bewahrungsanstalten, Lehrsäle, getünchte, dämmrige Korridore, die kleinen, zierlichen Höfe mit langsam umhergehenden Gestalten in blauweißgestreiften Anzügen. Der ungeheure lampenübersäte Kronleuchter eines Theaters schien von oben zu stürzen, indes er aufglomm und in den erhellten Rängen und Logen hundert Gesichter wahrnehmbar wurden, befiederte, große Hüte, lange Handschuh, Juwelen und Abendmäntel. Schon flogen Werkstätten, Maschinenhallen scharenweise dahin, und da war sein alter Schulhof mit den kleinen Kugelakazien; Sekundaner standen um einen langen Menschen, der einen flachen Stein nach einem Baum jenseit des Flusses schleuderte, eine schwarze Krähenwolke wirbelte daraus empor. Er stand in einer der Galerien im Schlosse Trassenberg, oder Rosenstein. Die Gesichter der Ahnen sahen aus dem Düster herab, durch einen Schwertgriff, ein Pergament, einen Hut, eine Krause, einen Spitzenkragen kenntlich nach ihrer Zeit. Die Nesseln wucherten unter den Eichen im trocknen Graben um den alten Pallas; es war still, Käfer summten, der Park rauschte, eine uralte Stimme sagte: 1645. Allein wieder brodelten die Kessel der Städte, tauchten, wie von Scheinwerfern aus erst bodenloser Finsternis heraufgesaugt, erleuchtete Nachtplätze auf, mit schwankenden Bogenlampen, blitzend die Spiegelscheiben der Restaurants, grau und verschwiegen die Rolläden vor den Auslagen, hoch schwebend die gelb leuchtenden Riesenlettern: Bahlsen Keks; Automobilkutschen, innen erleuchtet, kleine Kabinette, kreuzten rasselnd und schwankend die Gleise der Straßenbahn, und plötzlich wimmelte Charing Croß mit hundert umliegenden Straßen von Hamsons nach Theaterschluß, — nein, bloß weg aus diesem London! — Aus einem Kaffeehaus ertönte Streichmusik, und ein Herr, der heraustrat, Doktor Bödeker, führte Georg durch viele dunkle, laternenerleuchtete Straßen in das stille Zimmer des Nachtredakteurs über den bodenlosen Höfen, doch schimmerte aus der Tiefe noch ein Lichtschein aus dem Setzersaal. Es ward Tag, die Ungetüme der Rotationspressen schwangen unsichtbar ihre Räder, schlangen durch den ganzen Körper den meilenlangen Papierstreifen, kleine, gefaltete Zeitungen regneten ihnen unaufhörlich aus dem Maul. Ein Fabriktor, draußen vor der Stadt, ward aufgeschlagen, und der staubige Feldweg bedeckte sich mit eitlem Gewimmel von Radfahrern, von Männern mit blauen Blechflaschen, Frauen mit gestreiften Schürzen, barhaupt in gefransten Umschlagetüchern, alle mit unschönen, durch Sorge, schlechte Luft, enge Wohnungen, durch Leidenschaft oder Unlust oder Gehässigkeit entstellten Gesichtern, und hoch über ihnen durch die gläsern scheinende Abendluft fegten die Schreie der großen Pfeifen ... Fünfundvierzig Fabrikessen standen jenseit des Flusses fern, und von allen fünfundvierzig strichen die Rauchwolken wagerecht nach Südosten, so feierlich und gelassen, daß nichts zu ahnen war vom ohrbetäubenden Getümmel in den Hallen der Maschinen und in den Arbeitssälen zu ihren Füßen. Das war die Arbeit! die Arbeit.
Vater und Sohn (Fortsetzung)
Georg legte die bitter schmeckende Hälfte seiner Zigarre in die Glasschale und faltete, halb zu den Fenstern hinübergedreht, die Hände um das übergeschlagene rechte Knie. Der Regen hatte aufgehört. Hervorbrechende Sonnenstrahlen vergoldeten Terrasse und Wiese, umdampft standen die Urnen, fern glitzerten die Wipfel, unter dem Fenster rauchte die Nässe von der Steinfläche empor. Georg, noch in Blitz und Donner seiner Phantasien gehüllt, hörte deutlicher wieder die Stimme seines Vaters, der ihm, ohne daß er ihn ansah, jählings erschreckend riesenhaft erschien, so klein er dort saß, Herrscher, der er war, über diese Riesenmasse von Betriebsamkeit. Überdem merkte er, daß sein Vater irgend etwas Sonderbares sagte, wandte sich träumerisch nach ihm um, begegnete einem, ja — einem geheimnisvollen Lächeln, wurde wach und staunte. Sein Vater hatte gesagt: Es sei nun also so weit, daß dies Trassenbergsche Geschlecht sozusagen alles wieder besitze, was es einst aufgab. Von allen Schlössern oder Landsitzen blicke es wieder über eigenen Boden; diese Schlösser oder Landsitze bärgen gleichsam unterirdische Brunnen, von denen aus ein unendliches Netz kluger Kanäle das Land durchwässere, es fruchtbar und deshalb ihnen leibeigen machte. Möglich sei es deshalb, durch einen äußerlichen Akt die tatsächliche Herrschaft wieder anzutreten, wie es nämlich ein gewisses Geheimschriftstück ermöglichte, das Georg der Siebente hinterließ und das jedem Erstgeborenen bei der Mündigkeitserklärung vorgelegt sei und noch werde, nämlich: Geheimvertrag zwischen dem Astrologen und Beuglenburg aus dem Jahre Achtzehnhundertundsechs, wonach die Zugehörigkeit Trassenbergs zum Großherzogtum nach hundert Jahren auf den Tag — erlösche. Er lasse aus einem privaten Grunde seinen Sohn schon heute davon wissen; wissen, daß der Astrolog — Georgs Vater lächelte vor sich hin — vielleicht? — in bewußter Absicht das Eroberungswerk begonnen habe, welches nun — möglicherweise — ein einziger Federstrich beschließen könne, derjenige nämlich, der das „in“ vor dem Trassenberg wieder in das alte „von“ verwandle. Der Herzog schwieg.
Das war ja sehr sonderbar! Was bedeutete das?
Georg sah sich in einem offenen Fenster stehn. Ja, das war im alten Pallas der Stammburg; zur Linken streckte sich der Südflügel, hoch auf Felsen liegend, über den alten Wipfeln des Waldes mit zwei, in der Abendsonne tiefrot glühenden und goldblitzenden Fensterreihn. Unter ihm brauste das grüne, rötlich umrauchte Meer der Eichen und Buchenkronen; er war ein Knabe, wie es schien, es dunkelte, der Himmel über dem Westen ward blaß, er hörte hinter sich im verdunkelten Zimmer die alten Bilder schweigen, die vorher so unerschütterlich ernst zu den Geschichten dreingeblickt hatten, welche die sanftmütige Kinderfrau aus dem alten Buche vorlas, alte, süße und blutige, gespenstische und mörderische Begebnisse; von Weissagungen und Verfluchungen, von Gebeten, vom Kampfgeschrei, von Trompeten, vom Knirschen der Hörigen, vom Stampfen der Streithengste, Rasseln der Zugbrücken, vom sanfteren Tritt der Frauenzelter, von Kinderliedern, Mönchsgesängen, Trinkliedern, Glocken, Orgeln und Bränden tönende Geschichten. Ja, damals gab es wohl bloß Schwert und Becher, aber die Frauen hielten immer eine kleine Blume in der Hand, sahen so fremd aus und sprachen mit dienender Stimme. Später lagen sie in Stein oder Eisen auf ihren Sarkophagen, die spitzen Eisenschuh der Ritter standen unerbittlich nach oben, zwischen ihren Schenkeln streckte sich das Schwert, die Hände der Frauen waren spitz wie kleine gotische Bögen gegeneinandergestellt, die Gesichter waren wie die Gesichter von Früchten, so gerundet und wenig geformt und innen süß. An ihnen glitt alles vorüber, wie Mama waren sie nicht, sie waren nur geduldig, ihnen wuchsen die vielen Söhne schlankweg über das Haar, schnell wie Pappeln, die Töchter gingen früh aus dem Haus, selten kam eine heim, verweint und verschleiert, um bald für immer hinter Mauern, hinter Gittern zu verschwinden, und das war eine der wenigen Wonnen, vorm Altar zu liegen und bei der Segnung des geschmückten, goldenen Priesters bei sich zu flüstern: Mein Sohn — der mir den Segen spendet! O verschwenderische Zeit! Ein Wort ward mit dem Leben billig genug bezahlt, der Mord ging gleichgültig aus und ein, saß an allen Tischen mit, spie in die Becher, blies in das Licht, blies in die Wiege, Licht aus, Augen aus. Dörfer brannten leer, Kirchen stürzten ein. Sie bauten wie für die Ewigkeit und schlugen es andern Tages in Trümmer, sie wußten nicht, was Zeit ist, der Himmel war nah, das Leben wie neun Monde im Mutterleib, dann kam das wirkliche, das ewige Leben.
Warum sah er das alles im Abendrot, in den brennenden Fenstern, im frauenblassen Himmel, im Dunkel unter den Bäumen? Sahs, selber schwank und kümmerlich sich dabei vorkommend, kleine, gefiederte Pflanze über dem ungeheuren Grabe seines Geschlechts. Darum sah ers; er gehörte ja dazu! Auf einmal begriff ers. Er war aus diesem gewachsen, unbekannt und unbegreiflich wie, gewachsen, mit dünnen Wurzelfäden hebend und saugend aus hundertfältig dahingestürmtem, dahingestürztem, abgestorbenem Leben, aus vergossenem Blut, aus geopfertem Blut, aus vieler Schuld, aus Trägheit, aus Sünde, aus Süße, mehr Haß als Barmherzigkeit, aus einem sonderbaren Christentum, aus Gewaltsamkeit, aus Schlaf. Bald, erschauernd, fühlte er die unterirdischen Ströme des Blutes sich verzweigen und in seinen Adern sich feiner und feiner verästeln, fühlte seinen riesenhaften Zusammenhang und den Brodem der Toten. Ihm, einem schlanken, behenden Sprößling, mit den schmalen Füßen und geschmeidigen Händen der Spätlinge, aber der breiten Stirn und dem anmutigen Mund seines Geschlechts — nur ohne die Nase —, ihm war es verliehen, all dies hinter sich zu haben, viel Hände zu fassen, viel Gestalt aus sich kommen oder in sich schwinden zu sehn. Da verwandelten sich die Trassenbergischen Eichenwipfel, unter ihm rauschend, in eine unruhige Volksmenge, die wartete. Wartete — auf ihn, doch er selber? Auf eine zarte, weiße Gestalt, die aus dem Dunkel hinter ihm an seine Seite treten würde, sanft und gütevoll, aber doch unähnlich den Frauen der alten Bilder, klüger, beweglicher als sie, nicht so fremd, so abseits vom Leben, so ängstlich. Dann würden sie Beide sich dem wartenden Volke zeigen, über Fackeln und aufsteigendem Gesang, unter Glocken, über Fahnen, Herzog und Herzogin von — ah, wie romantisch das war und herzschaudernd schön! Jawohl, dies war sein Schicksal, seine Bestimmung — achtzehnhundert bis neunzehnhundert — war eine rechte Vorhersagung, keine sinnlose und alberne wie die der Zigeunerin. Zu vollenden, was einer vor Jahrhunderten ihm dadurch aufgetragen, daß er begann im Vertrauen auf die, seinem Stamme innewohnenden Kräfte, im Vertrauen auf mehr als ein Lebensschicksal, — gab es Außerordentlicheres, Stolzeres, Beschwingteres? Nun dem längst Verstorbenen die Hand hinüberzureichen, den Ring zu schließen, — Georg wünschte sehr, jener tote Ahn möge an jenem Tage aufstehn und ihn dem Volke vorführen, und da der fragliche Ahn sich vor kaum einem Jahrhundert zur Ruhe begeben, so dünkte es Georg paßlicher, daß einer von den granitenen oder gußeisernen Herzögen sich erhebe und herwandle, auf den Zweihänder gestützt, steif in Harnischplatten rasselnd, mit den dolchspitzen Eisenschuhn, den Topfhelm im Arm, — und siehe da Anna, die den Topfhelm aus vollen Händen mit gelben Primeln füllte, so daß ihm das Herz hüpfte, wie die gelben Schlüssel durch die Einschnitte für Nase und Augen herausquollen und zu Boden fielen.