Unterweil aber saß dort sein Vater und war eigentlich derjenige, der all das gemacht und den Ring geschlossen hatte, und der jetzt ziemlich unteilnehmend bemerkte, er habe ihm dies gesagt, weil er es ihm habe sagen wollen; übrigens möchte er es getrost vergessen, mit alledem seis nicht weit her, und Georg glaube ja wohl nicht, bisher etwas vollbracht zu haben, was ihn berechtige ...

Georg errötete. Nein, bei Gott, er hatte nichts getan. Ja, nun sollte er wohl drei Jahre Zeit haben, um ... Nein, meistens hatte er sich nur oberflächlich präpariert, auf die Sauarbeit geschimpft, sich auf den Vordermann verlassen und die Gleichungen mit fünf Unbekannten von Rauscher abgeschrieben — da sank ihm das Herz. Lieber Gott, unermeßlich war die Welt, was tun, wo eingreifen? Nun, dies wiederum war vorgeschrieben, es würde sich zeigen. Freilich, über dem Volk zu stehen, das war berauschend und erhebend wie Beethovens Fünfte oder die Zweite Ungarische, aber unterm Volk, ja gleichsam durch das Volk, Gedanken, Pläne, Werke zu erzeugen ... und überhaupt kannte er eigentlich doch nur die Mitschüler und im übrigen einige Mädchen, Oberlehrer, zwei Könige, einen Großherzog, sehr flüchtig den Kaiser, Tante Henriette und den Kellner Frithjof — ja, der fiel ihm grade noch ein. Wie war ihm jählings alles unbekannt! Da waren die Kreise des Lebens wie hier die roten und weißen auf der Achatplatte. Man mußte wohl, wollte man was leisten, heraus aus dem seinen und so quer hindurch, aber wie herauskommen aus dem ewigen Rundherum und Ineinander?

„Mein Sohn,“ sagte der Herzog, „alles das ist ein großer Unsinn. Das sind alte Namen, alte Grenzen, alte Schmucksachen. Schön, aber mehr zum Ansehn. Sie nennen mich, wie du weißt, in meinen Kreisen den Genossen Trassenberg. Das ist ein nettes Schmuckstück, so aus einer neuen Legierung, die nicht viel wert ist, aber irgendwie macht mirs Spaß. Heut nachmittag kommt der Leutnant mit dem Pelikan, und was heißt das? Wir fliegen. Ich nicht, wir. Da lehrt uns die Vogelschau, daß die Erde ungemein flach ist und die Türme sie nicht höher machen und die Throne auch nicht. Es wird lange nicht mehr geherrscht, es wird nur noch, wie in Urzeiten, geordnet, und im übrigen: besessen. Von dem, was ich hier für mich allein brauche an Leibesbedürfnissen, davon kann ich kein Siebentel im eigenen Lande hervorbringen, aber, wie wir von aller Herren Länder, von aller Hände Arbeit abhängig sind, so besitzen wirs auch, denn wir sind Geist. Die Staaten und Fraktionen gehen meines Willens dahin, wohin die Religionen und die Aberglauben voraufgingen: in die Tradition. Man muß sie gehabt haben.

Nein, herzlich gern gewiß, aber so schnell konnte Georg sich nicht bekehren. Er versuchte es redlich, das Segel umzuwerfen und gegen den Wind zu kreuzen, aber es mißlang, er hockte beschämt und gedankenlos am Steuer, während die Leinwand gegen den Baum schlug und der Anblick der vor seinen Augen langsam verschwimmenden rot und weißen Wellenringe ihn immer tiefer in eine angenehme Leere hinabzog.

„Eigentum“, hörte er seinen Vater sagen, „ist ein gutes Wort. Bedenke, daß du ein riesiges Erbe vor dir hast und ein riesiges Vermögen. Das weißt du, das sagt dir zweierlei. Das eine, das Erbe: daß du tausendmal mehr als die andern zu arbeiten hast, um einigermaßen ein Gleichgewicht in dir herzustellen — gegen dein Erbe. Das andre, das Geld, das heißt die äußere Erleichterung: daß du tausendmal mehr als die Andern innerlich zu arbeiten, zu forschen, zu lernen und — zu leiden hast, — weil dir das so leicht gemacht ist. Wir haben das Land fruchtbar gemacht, es dankt uns. Laß uns nun stolzer sein auf das Selbsterworbene als auf Angestammtes, auf diese Namen. Die Welt teilt falsche Namen wie Orden mit vollen Händen aus. Uns nennt sie die ‚in‘ Trassenberg, und das ist nun zufällig richtig. Das ‚in‘ ist richtig, denn es bezeichnet den Kern, und die Herzöge sind richtig. Wie unsre Ahnen vor dem Heerbann einherzogen, so laß uns Führer sein in der Zeit, Neuerer, Eroberer schöner, ewiger Bezirke, vorn auf der Lokomotive.“

Georg fühlte mit zitterndem Kinn, daß ihm plötzlich Tränen in die Augen traten. „Uns“ hatte er gesagt, dieser herrliche Mensch, „laß uns Führer“ sein, — und Georg wandte den verschleierten Blick von jenem dunklen, geliebten, bärtigen Gesicht ab, dessen nahstehende Augen ihn durchglühten, und ihm erschien das gläserne Zifferblatt der Standuhr, undeutlich Zeiger und Ziffern, doch erkannte er nun, daß es erst zwischen halb und dreiviertel drei war, und — und ja, ein ganzes Gewitter, ein andres als jenes wirkliche draußen, war um ihn niedergegangen in dieser halben Stunde. Liebe und Segen und ...

„Ich wünsche keine Antwort von dir,“ sagte sein Vater, da er eine Bewegung machte und den Mund sprachlos öffnete, „ich wünsche, daß du eine gute Erinnerung an diese Stunde behältst. Hier ist eine alte Ausgabe des Benvenuto Cellini —“ Der Herzog holte zwei kleine Bände neben sich aus dem Sitz hervor, stieß sie ihm in die Hand, während Georg aufsprang, und fuhr fort: „die dich auch äußerlich freuen wird. Lies darin die Geschichte von der Ohrfeige, die der alte Cellini dem jungen gab, damit er sich an ein bedeutendes Ereignis erinnere. Setz dich, ich schenke sie dir, die Ohrfeige, du bekommst noch genug. Du hast noch alles vor dir, nimmst dir alles vor, du bist ja herrlich jung. Versuche aber, zu denken, daß alles Zinsen trägt, was du nützest, alles Zinsen von dir fordert, was du vergeudest, — allerdings scheinst du dich ja mit allem Mathematischen nicht in wünschenswerter Weise beschäftigt zu haben, der Durchfall war unnötig, immerhin habe ich auch darüber meine besonderen Gedanken.“ Er lächelte.

Georg setzte sich, die beiden Bände verlegen auf- und wieder zuklappend, wieder in den Drehstuhl und behielt sie im Schoß. Sein Vater sprach weiter:

„Nachdem du ... Ich habe dir Gelegenheit gegeben, ein wenig von der Welt zu sehn. Du hast Landschaft, Leute und Sitten, hast Gastlichkeit und Freundschaft, Autorität und — vermutlich — ihr Widerpart, Schönheit, Wissen und Aufgeblasenheit und Schablone im Klassenzimmer kennengelernt, im ganzen ein kleines und oberflächliches Abbild der großen Welt. Nun habe ich dir ein paar Monate Zeit gegeben, gründlich zu faulenzen, meinetwegen zu vergessen, zu reisen, Ballast abzuwerfen, Verse zu machen. Außerdem riet ich dir, dich um die Gutswirtschaft zu bekümmern, und ich hoffe, du hast wenigstens so viel begriffen, daß nicht so wenig dazu gehört, nur ein kleines Gut instand zu halten das Jahr über, geschweige ein Herzogtum. Ich habe nun die Absicht, dich auf meine diesjährige Aufsichtsreise mitzunehmen, mit der ich wie stets Anfang August beginnen werde. Dann kommt so langsam das Semester heran. Bist du einverstanden?“

Georg dachte: Anna — Abschied — Briefschreiben — Heimweh — Wiederkommen — und dankte lebhaft aus gepreßtem Herzen. Sein Vater erklärte, die Reise würde die allgemeinen Kenntnisse Georgs erweitern, dann wäre über die Universität zu reden. Übrigens wisse er ja, daß Fakultät oder Disziplin ihm gleich sei; ein bestimmter, einfacher Weg aber sei nötig, sonst gebe es Zersplitterungen. Ein Examen brauche er nicht zu machen, es handle sich um die Sache. Titel und Würden seien für Alberne, und zu weiter sei ein Examen in diesem Falle ja nichts nütze. Er würde sehen. — Der Herzog blickte auf die Uhr und sagte: