„In einer Viertelstunde wird gegessen, und du mußt dich noch anziehn. Noch eins zum Abschied.

„Daß ich einen tüchtigen Menschen an dir haben will, versteht sich von selbst. Aber ich möchte, daß du einsiehst, was die Menschen treibt, erhält und stürzt, und ich möchte deshalb, daß du dir deinen Umgang nicht unter den Müßiggängern und Sorglosen suchst, sondern unter denen, die sich bemühn. Schwer haben wirs alle; die Kunst ist, oder vielmehr verlangt wird: es sich schwer zu machen.“

Der Herzog nahm seine Stöcke, die neben ihm lehnten, und stand auf, ergriff dann beide Stöcke mit der Linken, winkte Georg zu sich, ergriff dessen Rechte und sagte, aufgestützt und ein wenig gebückt über ihm stehend und ihn fest anblickend:

„Mein letztes Wort ist: Begieb dich in Gefahr. Das Gegenteil im Sprüchwort hat deinen Vätern und deinem Vater nie gefallen. Begieb dich wissend in Gefahr, du entgehst ihr doch nicht. Wahrhaftigen Gott, es ist mir auch lieber, du kommst eines Tages zerbrochen und entsetzt nach Hause, als daß du über alles hinwegsäuselst, nicht weißt, was gut und böse ist, nur verekelt bist und fürs ganze Treiben kein andres Wort weißt, als: alles ist käuflich. Nichts ist käuflich, Junge, ich werde dich doch noch ohrfeigen müssen. Nichts von Wert war je käuflich, außer für Schweiß und Blut. Wenn dein Vater selber irgend etwas auf der Welt besitzt, so bedenke, daß ers zuvor bezahlte mit zwei zerschmetterten Füßen. Das Leben ist keine Hure und keine rollende Kugel, das Leben ist die Gefahr. Das Leben — es giebt das gar nicht, Begriffe sind das, es giebt nur: dich. Du bist das Leben und bist die Gefahr. Nun hole dich der Teufel, wenn du dir die Syphilis holst. Von der Liebe mag ich nichts reden, du wirst das alles selber sehn, sie ist ein Teil vom Ganzen, der schönste, kostbarste, wenn du willst; nicht das Ganze. Leidenschaft ist zu allen Dingen das Tor, den Hüter kennst du noch nicht, der heißt Selbstzucht; er ist genau so schwer, wie er auszusprechen ist, denn immer wird Selbstsucht daraus. Solltest du ihn verfehlen, giebt es Frauen. Weiber kenne ich nicht. Das Dasein ist kein Heiligtum und kein Ballhaus, aber es giebt Heilige so gut darin wie Zuhälter. Ich sagte schon im Anfang: gieb acht auf den Einzelnen! Es giebt nur Einzelne. Denk an deinen Vater, der —“ Der Herzog, der zuletzt mit fürchterlichen Augen geschrien hatte, verstummte, stieß noch keuchend hervor: „Mit Gott, mein Sohn, feire fröhlich und sorglos deinen Geburtstag. Ich hatte keinen Vater, der — — schau, daß d’ weiterkimmst!“ drehte ihn herum und schob ihn weg.

Georg, noch von seinen Händen umklammert, blieb stehn und wiederholte willenlos noch einmal, was er die ganze letzte Minute lang bei jedem Absatz geflüstert hatte: „Ja, Papa! Ja, Papa!“ Er hatte, während die Sätze an sein Ohr schlugen, Satzglieder, Wortbilder, Gestalten erschienen und verschwanden vor neuen, die sich in aber neue wandelten, doch nichts gehört, sondern allein gesehen. Gesehen nahe über ihm das aufgeregte, mühsam gebändigte Gesicht, so nahe und genau zu erkennen wie vielleicht nie zuvor. Und haftend, hineingeflochten mit beiden Blicken seiner Augen in die auf ihn niederglimmenden Blicke der dunkelbraunen Pupillen, gewahrte er doch mit unablässigen, geringsten Schwankungen und Kreiswindungen des Schauns all das Kleine und Kleinste umher. Er gewahrte den beweglichen Adamsapfel unten im Schatten des Kinns, in der weiten Öffnung des Kragens, und dessen breit umgeschlagene Klappen, und eine winzige weiße Faser an einer der Klappen; den blaugrünen Knoten des Schlipses und das Schillern in den Falten, den helleren Glanz der besonnten dunkelblauen Schultern und das beschattete rechte Ohr; den Bartzapfen am Kinn, der mit ihm auf und nieder ging, und das eine weiße Haar darin, die auseinandergesträubten dicken Haare des Schnurrbarts und unter ihnen die innerlich gedrehten, die an Lockenhaarnadeln erinnerten, und die grauen darunter und jenes, das an der Wurzel schwarz war und dann weiß wurde. Und er sah die Umrißlinien des geschwungenen Mundes, und wie sie sich bewegten, und durch die Barthaare die beschattete Haut; die Haut am Kinn, wo sie schwärzlich war vom Wegrasierten, und wo sie rötlich war, und braun, und heller, und die schief hängende Nase, den glänzenden Höcker und die Poren, und das bräunliche Mal an der linken Nüster; sah die goldenen Tupfe und Linien im Braun der Pupillen, ihre bläulichen Ränder so genau, und im gelblichen Weiß die gesprungenen roten Adernäste, und das bläulich Verschleierte der schwarzen Mittelpunkte, und sah in diesem und in jenem Auge winzig und gebogen sein eigenes Spiegelbild. Sah die Falten der Stirn, die Einsenkungen der Schläfen, die Runzeln, die sich bewegten, die Haare der Brauen, schwarze und graue, krumme und grade borstige, das Haar ... Und nicht dies im einzelnen, nein, sondern immer auf einmal alles, und er sah es nicht, o nein, er fühlte, er fühlte es, fühlte, daß es alles zitterte und sich bewegte und zusammengerissen war von einer unsichtbaren Gewalt im Inneren dieses fremden Körpers vor ihm, und daß diese Gewalt ihn anströmte, sich über ihn ergoß, Leben, Leben immerfort, Atem und Blick und Bewegung und Wort, und doch nicht dieses, nein, sondern zusammen all dieses und mehr: Unsichtbares, Fühlbares, immer Lebendigkeit, die außerhalb seiner selbst war, aber an der er hing, die ihn fesselte, ihn umflutete, und aus der immer wieder, um noch einmal, noch deutlicher sich kenntlich zu machen, daß ers nicht vergaß, dies Einzelne auftauchte gleich Wellen und Tropfen der Welle, Perlen und Blasen, Durchsichtigkeit und Glanz und Farbe und Tiefe und Kontur einer Welle: Augapfel und Braue, Kinn und Barthaar, Mund —, und jählings wieder dieser ganze, ihm zugewandte, wie ein Bild vor seine Augen gedrängte Kopf eines Reiterführers aus dem Dreißigjährigen Kriege, — welcher Ausdruck, den nicht er erfunden, sich ihm zeigte und öfters hervorwinkte aus allem übrigen des Sichtbaren und Fühlbaren, dem er auf eine Minute ausgesetzt war wie einem stetig sausenden Sturm ...

„Ja, Papa!“ sagte Georg, aufs tiefste und höchste verwirrt, entzückt und gedemütigt, küßte ihm hastig die Hand und ging hinaus.

Spiegel

Leer lag der weite Flur, und Georg konnte sich das Übermaß seiner Wonne durch eine Geste erleichtern, indem er die Arme von sich stieß, sich auf die Zehenspitzen erhob und nach ungeheurem Dehnen vornüber zusammensinken ließ, wobei ihm einer der reizenden kleinen Cellinibände entfiel, so daß ein halb Dutzend Eselsohren in die Seiten kamen. Indem er ihn beschämt aufhob, sah und fühlte er plötzlich die Befreitheit seiner rechten Hand vom väterlichen Griff, und indem er sie verwirrt anblickte und die roten und weißen Striemen daran vom krampfhaften Druck gewahrte, erschien ihm das Antlitz seines Vaters, so daß es ihm war, als habe er während der letzten Minute das Gesicht gar nicht gesehn, sondern nur es gefühlt durch die Hand, um die sich die andre Hand und mit ihr ihr ganzes Dasein, sein Wille und Leben gepreßt hatten. Und jetzt erst wußte er, was dies alles bedeutet hatte. Daß es Liebe gewesen war, ja daß er an einen gewaltigen Starkstrom von Liebe angeschlossen gewesen war, der noch nachzuckte in ihm und ihn betäubte, so daß er im selben Augenblick, wo er selig und verträumt den Kopf hängen lassen wollte, im Gegenteil davonlief, wie ein Tertianer mit der Palme von Marathon, am Treppenhaus vorüber den Flur hinab durch das Billardzimmer im Turm, und wieder ein Stück Flur hinunter in sein Schlafzimmer.

Der Diener wartete, hatte glücklicherweise schon den Schoßrock zurechtgelegt, auch einen Schlips dazu, der aber Georg nicht gefiel, und er fand einen lavendelblauen von hinreißender Schönheit und Paßlichkeit zu der sahnefarbenen Weste, schickte den Diener fort, zog sich aus, stand minutenlang in Unterhosen, sich besinnend, was in aller Welt nun vor sich gehen solle, kam endlich auf den Einfall: Waschen! tats, fand lange kein Handtuch, zog Hosen, Weste, Stiefel, Rock an, und nun hatte er Kragen und Schlips vergessen, zog alles wieder aus, Hose aus, einen Stiefel aus, es war unerhört, er dachte an tausend Dinge, aber das mit dem Wiederausziehn wie zum Schlafengehn, das war symbolisch, denn:

„Wir aber wollen uns zur Ruh