Hinlegen, dieser unser Tag ist voll —“

sagte Vollmöller im — nein, nicht im Parzival, da stand vielmehr: „Meine Mutter heißt Herzeleide ...“ Tränen traten ihm plötzlich in die Augen, aber er beherrschte sich, da er vor den Spiegel trat, um den Schlips zu knüpfen, und auf einmal sah er sein Gesicht.

Über einem männlichen Körper in graugestreiften Beinkleidern mit Hosenträgern überm weißen Hemde sahen ihn fremde Augen so absonderlich bestimmt und bedeutsam an, daß er, um ihrem Blick zu entgehn, sich näher zum Spiegelglas beugte, um das ganze Gesicht zu sehn, mit dem Gedanken, es auf seine Verwandtschaft mit dem väterlichen zu prüfen, aber er fand es so anders, daß es ihm beklagenswert schien. Es war schmal und noch ganz zart und erschreckend bartlos — obwohl er nie einen Bart zu tragen gedachte — die Augen blaugrau, das linke um einen Hauch kleiner als das rechte, die Brauen kaum erst angedeutet, die Stirne rund, das gescheitelte Haar, wohl von Mama, braun und ein wenig glänzend, nur der Mund — er verzog ihn ein wenig — war wohl dem des Vaters ähnlich, und die Nase — sie war völlig entartet, da sie — zu schweigen von Schiefe und Krummheit — vielmehr einfältig herunter und am Ende eher ein wenig nach oben ging, und das Ganze ... Versstücke Rilkes fielen ihm ein:

... als Zusammenhang nur erst geahnt ...

... als wäre mit zerstreuten Dingen

Von fern ein Ernstes, Wirkliches geplant ...

so hieß es ja wohl, und so war es. Da fühlte er wieder den eigenen Blick auf sich geheftet, prüfend und auf eine unbegreifliche Weise völlig unverständlich, — ein fremder Mensch, von dem er nicht wußte, was er wollte, und der nichts äußerte, sondern ihn einfach ansah, und schwieg, und jetzt anfing zu lächeln, und die ganze Zeit mit zwei Händen unterm Kinn zwei blaue Schlipsstreifen übereinanderhielt. Noch einen Augenblick wie gelähmt, als wolle ers drauf ankommen lassen, was der im Spiegel jetzt anfinge, halb entschlossen, nicht mitzutun, schüttelte er die Hände, knotete eilfertig und an sich vorbeisehend und wandte sich ab.

Ans Fenster tretend, sah er lange hinaus, ohne etwas zu gewahren, und sammelte einige Gedanken.

Wird es wirklich so schwer sein? dachte er bescheiden. Schuld an allem ist, fürcht ich, nur der Größenwahn und die Begrifflichkeit. Ja, wie Vater sagte: das Leben sagt man und: die Welt, und man denkt, man hätte die Alpen und alle Millionen Europas und Asiens vor und gegen sich, und all die riesenhaften und blendenden Vorbilder, deren jedem man etwas nachtun möchte — wie soll man da sich selber finden, sich und den kleinen, schmalen Weg, den man in Wirklichkeit zur Verfügung hat! Und dabei begegnet uns ein halbes Hundert Menschen auf der ganzen Strecke, und Dreien oder Vieren davon kommt man ein wenig näher, vielleicht bis ans Herz, ach, nur Einem ans Herz. Warum also solche Furcht, solche Anspannungen, so ungeheuerliche Erwartungen? Die erzeugten nur diese Enttäuschungen, die verbittern, erzeugten diese Menschen wie Annas Vater und seine alten Lehrer und Professor Prager. Der arme Benno, ob heute endlich der Brief kam? Und wie gut waren sie doch alle zu ihm! Der Maler hatte ordentlich zu reden angefangen, dieser Schweigsame, dieser Unbekümmerte, was ging er den an? Zwar war er nicht verschwiegen mit Absicht, — er war mehr sparsam, wörtlich: wort-karg, — ob ich das auch einmal werde? — — Dies schien ihm erstrebenswert, und so ging er hinunter.

Fünftes Kapitel