Mittagstafel

Beim Betreten des Speisezimmers stand Georg einen Augenblick geblendet vom Licht, sah bei zusammengekniffenen Lidern die hohe Glastür drüben stehn, empfand die Schönheit des gerundeten, großen Raums mit den matten Färbungen und Figuren seiner gewebten Wandmalereien und sah nun, daß die runde Tafel bis auf zwei Stühle schon besetzt war. Aber sieh, gegenüber, in der zum Vogelsaal führenden Tür stand Anna, und von ihrem blaßroten Leinenkleid schien das sonderbare Licht auszugehn, ihre Gestalt leuchtete über und über, ihr Gesicht war völlig beruhigt, die Augen schimmerten dunkel wie gebadete Juwelen. Nun gewahrte er auch, durch die Glastür blickend, durch die man im Winkel auf die Terrasse hinaustrat, die Wetterwand überm Park, von der das Sonnenlicht grell und flammend abprallte und den Raum so stark erfüllte; von allem Farbigen wurde es, von Magdas Kleid, den Gesichtern, dem Tafeltuch und Silber, dem Grün und Gelb und Rot des Fruchtaufsatzes fest eingesogen, und alles schien zu leuchten von innen.

Überdem sah er Magdas Vater und einen mittelgroßen Fremden im Frack mit breitem, rasiertem Gesicht aufstehn und auf sich zukommen; er reichte ihm die Hand; der große Chalybäus sagte vorstellend: Oberregisseur und einen russisch klingenden Namen. — So, das war der Besuch, den sein Vater, gastlich wie immer, eingeladen hatte. — Georg saß nun zwischen ihm und dem Maler, an den sich der Herzog anschloß, und weiterhin Anna neben ihrem beiderseitigen Nennonkel Salomon, dem sie im Niedersitzen leicht einen Arm um die Schulter gleiten ließ, worauf er mit seinem königlich staunenden Lächeln sich herumwandte, zuletzt ihr Vater wieder neben seinem Freund. Ihm gefielen sie im Augenblick alle, um so mehr, da er Anna gegenüber und abgewandt vom Licht saß, darin sie thronte wie das Glück. Während sie den Tafelaufsatz ein wenig nach links, eine Kristallvase mit gelben Rosen ein wenig nach rechts rückte, um ihm durch die Lücke himmlisch zuzunicken, hörte er den Mimen sagen:

„Mit gnädigster Erlaubnis, Durchlaucht und schönstes Fräulein, fahre ich fort, ich —“

„Basch, Theurer,“ unterbrach der große Chalybäus, reizend mit Augen und Zähnen umherlächelnd, seinen Freund mit nachsichtiger aber tönender Stimme, „du bist ja grade angekommen!“ Worauf über alle Gesichter im Kreise sich jenes Lächeln bewegte, das Georg an seinen Gesichtsmuskeln zerren fühlte, und das sich merkwürdigerweise nicht abschütteln ließ, sondern — wie überall — eine Weile stehenblieb.

Der Mime indessen war perplex. Niemals sah Georg eine solche Perplexität. Eben noch über seine Suppe geneigt, sah er jetzt den großen Chalybäus von unten an, und sein kahles Gesicht war eine Platte geworden, aus der die Nase einsam vorsprang wie ein stehengebliebener Springer auf dem Brett, dieweil die Augen dasaßen wie zwei blindgeborene Hunde, hülflos miefzend in sich selbst gerollt, und was völlig verschwunden war zwischen zwei Granitblöcken von Kinn und Oberlippe, das war der Mund. Nun aber entfaltete er sich wie eine Qualle, aufblühend zu nicht endenwollender Größe, formte sich zu einer feinsinnigen Spitze, öffnete sich wieder und, jählings zwei durchbohrende Blickblitze in Georgs Augen schleudernd — baff! — raunte er geheimnisvoll:

„Auch ich, Durchlaucht, beginne von vorn.“

Georg, verwirrt wie in der Tragödie, stammelte etwas, auf das hin der Mime sich verneigte, hastig einen Löffel Suppe verschluckte und begann:

„Ich erzählte, Durchlaucht, von Matkowsky eine kleine Schnurre ...“

Dieser Oberregisseur steckte wahrhaftig voll von kleinen, feinen Überraschungen. Schnurre — dies mußte das geheimnisvollste Wort von der Welt sein; Georg klang es, als habe er es nie gehört, so beladen war es mit seiner Bedeutung, wie denn niemand gerechter gegen die deutsche Sprache verfahren konnte, als dieser ihr Oberregisseur. Dies war ein Diphthong, habt acht: kloine ... dieses dagegen ein Vokal, ein e, ein gerechtes, unverfälschtes e, nicht ä wie in ‚erzählte‘, was ein völlig neuer Begriff ist, die Konsonanten aber waren in preußischen Kasernenstuben gedrillt und so akkurat wie ein Präsentiergriff vor Majestät über die Regimentsfront. Georg hatte nie so etwas gesehn; es schien ihm erstaunlich.