Matkowsky also sollte als Gast an einer kleinen Provinzbühne den Kean spielen und nahm vorm Beginn den Darsteller eines gewissen vorkommenden Barbiers beiseite, um ihm zu erklären, an einer Stelle im Stück, da habe er, Matkowsky, eine kleine Nuance ...

Der große Chalybäus bemerkte hier kaltlächelnd, dies wäre eine uralte Geschichte, es wäre aber nicht Matkowsky, sondern Döring, der berühmte Schauspieler Döring gewesen und dessen Kollege Pape, übrigens nicht Kean, sondern Othello und Jago. Daraufhin legte der Schauspieler, der unterweil hurtig seine Suppe verschlungen hatte, den Löffel hin, ergriff sein Rotweinglas, trank daraus und bemerkte sorglos: „Chlupp, erzähl du!“

Sie führen zusammen etwas auf, dachte Georg und versuchte Annas Augen zu erhaschen, die indes hingerissen am Munde des Mimen hingen. Dieser sprang nach der Unterbrechung kaltblütig mitten in die Szene hinein.

„Da nehme er nämlich, sagte Mattkoffskü, den Barbier beim Kragen und werfe ihn über die dastehende Chaiselongue in die nächste Kulisse hinein. — Sehr wohl, Herr Mattkowffskü, erwiderte darauf jener Barbier, das ist enne äußerst feine Nüangse. Nun sähn Se, da will ich Sie nur gleich sagen, da hab ich Sie nemlich ooch enne gleene Nüangse. Da gomm ich neemlich wieder herein aus der Gulisse und —“ Pause — „und —“ weitausholend — „und haue Ihnen eene herunder!“ — — Schluß, Tableau, große Apotheke, sagte der Erzähler und trank aus. Deutlich rauschte ringsum der innere Beifall.

Der Oberregisseur begann lebhaft den Untergang des alten echten Komödiantentumes zu beklagen. Wo gebe es noch richtige Komödiantennaturen, wo sei die entzückende Zeit geblieben, wo die Frauen im Dorf, wenn der Thespiskarren auftauchte, einander zuschrien: Nehmt die Wäsche weg, die Komödianten kommen! — „Heutzutage“, sagte er, „ist jeder ein Hausbesitzer, Steuerzahler und Familienvater, mit Ausnahme allerdings der zwanzigtausend im Deutschen Reich, die brotlos sind.“

Die Zahl erregte Verblüffung.

„Sehen Sie,“ flüsterte Georg Bogner zu, „das hier ist Ihre gesteigerte Subjektivität, da haben wirs, ja prost die Mahlzeit!“

Bogner lächelte, und zwar, deutlich zu bemerken, mit dem Munde und nicht mit den Augen, und gerührt dachte Georg: Er hat zwei Lächeln, eins auf Verlangen und eins für seine liebe Seele, und das erinnerte — woran erinnerte es nur? — an etwas Blühendes, ja, an eine schöne atmende Meduse in einem sonnigen Aquarium, — so quoll und dehnte sichs aus den lichten Augentiefen, während sich hundert Fältchen ringsum zusammenzogen. Indem hob der Schauspieler sein Glas gegen ihn und sagte fein:

„Durchlaucht konnten meinen Namen nicht verstehn, das bekümmert mich. Er lautet: Baschkirtseff!“ Herr du meines Lebens, wie das pfiff und schmetterte! „Früher“, fuhr Herr Baschkirtseff fort, „hatte ich zwar einen andern, auch sehr guten Namen, aber den hat jetzt mein Vater.“

Was das wohl bedeute, fragte Anna, worauf Baschkirtseff melancholisch wurde und erzählte, wie er sich durch Ausziehn des schönen Beuglenburgischen Dragonerkollers den Fluch seines Vaters und den Verlust des Namens zugezogen habe. — War das Schwindel? Nein, Chalybäus selber war Königsulan und Schauspieler gewesen. Baschkirtseff wollte nunmehr zu vertrauteren Familienszenen übergehen, ließ sich jedoch vom Herzog auf kinematographisches Gebiet hinüberziehn und begann sogleich, sich, soweit es ging, zum Herzog hinüberlegend, so daß seine vereinsamte weiße Frackhemdbrust krachte, ihm zu erklären, er habe eine entzückende Idee für einen Film, das heißt, gehabt habe er sie schon lange, jetzt aber beim Anblick dieses reizvollen Landsitzes habe sie Gestalt gewonnen, — ja, ob es wohl möglich sei, vom Herzog die Erlaubnis zu erlangen, diese Gegend für den Film, der eine Vollkommenheit der Illusion gestatten ...