„No!“ schnob, weit aufrecht zurück sich lehnend, der König Saul, feurige Blicke des nicht begreifenden Staunens schießend, „Vollkommenheit der Illusion, was das schon heißen soll. Ich nenne das — verzeihen Sie meine Spracharmut — aber ich nenne das einen großen Schwindel fürs Publikum, jawohl, so nenne ich es, und ich hoffe, Sie pflichten mir bei.“ Onkel Salm hatte immer naive Vorstellungen von der Nachgiebigkeit der Menschen.
„Nanu?“ sagte Baschkirtseff, in einem Ansatz zur Perplexität verbindlich steckenbleibend.
„Soll ichs Ihnen beweisen? — Photographieren Sie doch mal ein kleines Zimmer von der Tür aus, was wirds? Ein Saal wirds. Photographieren Sie einen Platz, wird er meilenlang, und ich verpflichte mich, jawohl —“ er schoß empörte und beteuernde Blicke auf den Herzog, „ich verpflichte mich, von dem kleinen Weiher im Park zwanzig verschiedene Aufnahmen zu machen, so daß Sie denken, es wären zwanzig Seen in allen Erdteilen und die reinste Urwaldvegetation — no — ich kenn doch die Welt! Mit einem Stück Binsenwald und Artaxerxes allein erzeuge ich Ihnen ganz Australien — ich weiß doch, was ich —“
Während dem unterbrechenden Baschkirtseff erklärt wurde, was Artaxerxes sei, war Georg zusammengefahren und suchte heimlich Annas Gesicht. Richtig, sie war blaß geworden und führte mechanisch die Gabel zum Munde, vergaß dann das Kauen. Georg, für Augenblicke gedankenstarr, hörte langsam die Stimme des Mimen näher kommen und verständlich werden.
„... und das eben ist der Kniff! Mit den geringsten Mitteln die fabelhafteste Illusion, und ich sehe mich nun genötigt, meine Filmidee zu entwickeln oder vielmehr die kleine Anekdote mitzuteilen, die ich zugrunde legen möchte.“ Dann erzählte er mit angenehmer Schlichtheit:
„Dr. Young, ein englischer Geistlicher, der berühmte Verfasser der ‚Nachtgedanken‘, spielte vortrefflich auf der Flöte. Als er einmal mit einigen Damen, die er ins Vauxhall führen wollte, über die Themse fuhr, wurde er wegen seines schönen Spieles von einem andern Fahrzeug, das voller junger Offiziere war, verfolgt. Es war ihm peinlich, und er steckte seine Flöte wieder ein. Einer von den jungen Leuten fragte ihn darauf: ‚Warum hören Sie zu spielen auf?‘ — ‚Aus eben der Ursache,‘ antwortete Young, ‚warum ich zu spielen anfing.‘ — ‚Und welche war das?‘ — ‚Weil es mir so gefiel.‘ ‚Gut denn,‘ antwortete der Offizier, ‚spielen Sie fort, oder ich werfe Sie in die Themse.‘ Young gab nach, verlor seinen Beleidiger aber nicht aus den Augen, und da er ihn abends in einer Allee allein fand, so stellte er ihn in einem festen und ruhigen Tone: ‚Mein Herr, aus Furcht, Ihre und meine Gesellschaft zu beunruhigen, habe ich Ihrer Impertinenz nachgegeben; aber um Ihnen zu beweisen, daß Herzhaftigkeit ebensogut unter einem schwarzen wie unter einem roten Kleide wohnen können, ersuche ich Sie, sich morgen vormittag um zehn Uhr im Hydepark einzufinden. Sekundanten brauchen wir nicht, der Streit geht bloß uns an, und es wäre unnötig, Fremde hineinzumischen. Da wollen wir uns auf den Degen schlagen.‘ Der junge Kriegsmann nahm die Forderung an. Sie fanden sich beide zur bestimmten Stunde ein. Der Offizier zog seinen Degen und setzte sich in Positur, Young aber setzte ihm eine Pistole auf die Brust. ‚Wollen Sie mich umbringen?‘ schrie der Offizier. ‚Nein,‘ antwortete Young ganz kalt, ‚aber Sie müssen so gütig sein, Ihren Degen auf der Stelle einzustecken! Dann sollen Sie ein Menuett tanzen, oder Sie sind auf der Stelle des Todes.‘ Der Offizier machte einige Umstände, aber die Kaltblütigkeit und der Ton seines Gegners wirkten, so daß er gehorchte. Nach beendigtem Menuett sagte Young: ‚Sie zwangen mich gestern wider meinen Willen Flöte zu spielen, ich habe Sie heute wider Ihren Willen tanzen lassen, wir sind quitt. Sind Sie indessen noch nicht zufrieden, so will ich Ihnen alle Genugtuung geben, die Sie verlangen.‘ Statt aller Antwort fiel ihm der Offizier um den Hals und bat um seine Freundschaft.“
„Sehr fein!“ lobte der Herzog, „sehr amüsant und vollkommen. Darf ich auf Ihr Wohlsein —“ Auch Georg hob sein Glas, alle, sogar König Saul, wieder versöhnt, tranken dem nach allen Seiten verbindlich dankenden Erzähler zu, während Georg es endlich glückte, Annas Augen zu erhaschen. Sie nickte und winkte mit ihrem Glase, und unterweil hörte er den Mimen:
„Und daraus,“ sagte er, „daraus mache ich den Herrschaften die entzückendste Idylle. Ich verlege den Schauplatz von der Themse auf einen englischen Landsitz, das heißt — mit Erlaubnis — hierher. Nun fehlt natürlich die Hauptsache ...“
Onkel Salomon schnaubte. „Gott soll mich bewahren, Herr, wenn Sie an dieser Geschichte etwas ändern, begehen Sie ein Verbrechen. Sie hat so was — no — so was Mustergültiges möcht ich sagen, nicht wahr, Georg, nicht wahr, Magda? Diese Sparsamkeit, diese — — beinah grandios ist ja das! Ich weiß doch —“
„Natürlich fehlt etwas“, sagte Magda hinterlistig. „Eine Dame.“