„Selbstverständlich!“ schloß der Baschkirtseff kurz ab. „Das ist ja klar. Es fehlt das belebende Element. Es fehlt ein Ingredienz der Luft, ohne welches das Publikum sie nicht atmen kann. Es fehlt das erotische —“

„Die Kientoppluft“, sagte Onkel Salomon. Nach dem kleinen Gelächter der Andern setzte der Schauspieler in die Stille hinein mit Nachdruck die Worte:

„Wenn Sie glauben, daß ich eine Type bin, dann irren Sie sich.“

„Ich?“ schrie der Doktor tief empört. „Ich glaube Ihnen überhaupt nichts!“

Die Bratenteller verschwanden, die Diener reichten Butter und Käse. Der große Chalybäus sagte mit leiser sittlicher Entrüstung gegen seinen Freund gespitzt, er finde es doch zu merkwürdig, daß es nie und nirgend ohne Liebe abginge. Onkel Salomon ereiferte sich. Chalybäus läse zu viel Romane. Im wirklichen Leben spiele diese Liebe nicht im entferntesten die Rolle wie in Ullsteinbüchern und so. Es werde alles gräßlich übertrieben ...

„Lieber Doktor,“ meinte der Herzog zu Georgs Staunen, „da muß ich Ihnen widersprechen. Ich finde, grade weil die Liebe im Lebensgefüge und zumal unter den kleinen Menschen im Werkeltag das einzige Wunder ist, das Seltene, das so unbegreiflich ist und insofern nur mit dem Tode zu vergleichen und ein Gegengewicht gegen ihn, deshalb haben die Poeten sie mit Recht sich — wie soll ich sagen — als die Flamme ausgesucht, die Sonne ist wohl der richtigste Ausdruck, in deren Schein alles andre erst sichtbar wird und Schatten, Leben und Wirklichkeit bek—“

„Aber gern, gnädiger Herr, sollen sie ja, sollen sie! Bloß — in Romanen ist sie leider nicht das Einmalige, Besondere, Seltene, sondern ist das Ganze von Anfang bis Ende und — wie soll man das sagen? — No, ich meine eben: immer und immer das ewige Liebesgequassel, es ist ja zu langweilig ist es ja, seit Jahrhunderten nun schon!“

Georg suchte Annas Augen, bekam sie aber nicht. Der Baschkirtseff meinte, der Doktor sei bloß ein öder Misogyne. Der große Chalybäus stieß mit ihm an und meinte, mit einmal völlig andern Sinnes als zuvor, er sei total übergeschnappt. Magda verspottete ihn: das solle Tante Flora hören.

„Shakespeare und Dickens“, sagte er funkelnd wie ein Löwe, „behandelten sie nach Gebühr.“

„Romeo und Julia“, sagte Magda leise.