„Also no! da haben wirs, mein Kind! Als der Engländer einmal ein großes Lied von ihr singen wollte, verlegte er den Schauplatz in den Süden, in romanisches Gebiet. Das Feuer, dessen er bedurfte, gab es in England denn doch nicht. Übrigens halte ich mich nach wie vor an die Pick—“
„Nu redt er vom Feuer,“ sagte der Baschkirtseff hoch erstaunt, „und eben behauptet’ er, es wär eine Tranfunzel!“
Onkel Salomon lachte verlegen. Georg dachte: Dennoch! Wo ist das allumfassende Gefühl, das mich fühlen macht, fühlen die Sonne und die Sterne, die Ebene und die Brandung und — — Überdem fing er einen Blick Annas auf, sah sie zögernd ihr Glas heben — es war nichts darin —, ihm zulächeln und die Neige trinken, während ihre Blicke in den seinen haften blieben und sie langsam errötete. Der Herzog sagte leise: „Nun, Magda?“
Sie verstand und hob verwirrt und anmutig die Tafel auf.
Pelikan
Georg war ungestüm entschlossen, irgend etwas Einsames mit Anna zu verabreden; während sie aber in den Vogelsaal voranging, um sich dort mit dem Kaffee zu beschäftigen, mußte er als letzter zurückbleiben und betrübt, hinter seinem Vater gehend, dessen kraftlos und kümmerlich nach oben stehende Füße — wie Entenfüße — sehn, während die Stöcke sich unter der Last des schweren Mannes bogen. Die Sonne war inzwischen in Fülle hervorgekommen, die Wetterwand verschwunden, der Saal schwamm in reichem Nachmittagslicht, die hundert bunten Flügel in den Nischen glitzerten und auf den kleinen Tischen das Silber der Kannen, Likörflaschen und Kuchenkörbe. Die Diener verschwanden. Wie sie alle umherstanden — nur der Herzog saß am nächsten Fenster — in ihren Schoßröcken, fühlte Georg sich für einen Augenblick nach Somerset versetzt und wunderte sich, daß Magda umherging, um den Herren kleine Tassen zu überreichen, anstatt daß im Gegenteil sie bedient wurde. Zuletzt kam sie zu ihm, aber nun hatte er natürlich seine eigenen Pflichten vergessen, denn da stand der Maler und betrachtete die Zigarettenkästen. Baschkirtseff nahm eine lange Zigarre; in seinem, allzusehr mit seidenen Aufschlägen und Samtkragen strahlenden Frack sah er aus, als ob er etwas deklamieren sollte. Georg nahm eine Zigarre für seinen Vater, schnitt die Spitze ab und brachte sie ihm, der leise mit dem neben ihm stehenden Sekretär etwas besprach. Nun saß Anna auf einem Stuhl, und der Baschkirtseff, zierlich über die Lehne geneigt, setzte ihr auseinander, wie er die Dame in seine Filmidee hineinpraktiziere, das heißt natürlich da, wo das Menuett getanzt würde. Dazwischen hörte Georg den großen Chalybäus bedeutsam „die grüne“ sagen und sah ihn riesig über den Maler ragend, in der linken Hand eine Kristallflasche mit gelber, in der rechten eine mit grüner Chartreuse, die er mit strahlenden blauen Augen verglich.
„Und nun kommt es natürlich darauf an,“ raunte der Baschkirtseff, als ob er mit Magda über die Schlafzimmereinrichtung in ihrem demnächst zu begründenden Haushalt spräche, „ob die Geschichte komisch oder tragisch werden soll. Nehmen wir eine Frau des Pfarrers oder eine Tochter, das ist die Frage.“ Er blickte sie, prüfend ins Tiefste ihres Gewissens, von oben an.
Indem sah Georg, jetzt schläfrig vom Weingenuß und der reichlichen Mahlzeit, daß Egloffstein sich drüben ihm gegenüber in wartender Haltung aufgestellt hatte, dessen eine schwarzseidene Hosenseite, den Fenstern zugekehrt, weiß glänzte, und daneben blitzte ein silbernes Brettchen, das er nun, auf Georgs Augenwink herantretend, ihm hinhielt. Richtig, ein Brief mit Bennos Handschrift. Georg sah sich um, ob er wohl beiseitetreten dürfe, und gewahrte Anna, die in eigentümlicher Weise, aufrecht stehend, durch das Fenster nach oben blickte.
„O seht mal, was ist das?“ rief sie im nächsten Augenblick. Ein Schatten glitt von oben über das Zimmer, und Georg sah hinaus. Siehe da, auf dem weiten Rasenoval hatte sich ein weißes Ungetüm aufgestellt, es hüpfte noch vorwärts und stand, — riesenhafte Leinwandflächen in Stockwerken übereinander, zwischen denen es schattig war, viele Schnüre und Metallgestänge, vorn eine mächtige, braunhölzerne Schiffsschraube, dahinter ein gewaltiger schwarzer Stern von Motorzylindern. Eine schwarzlederne Gestalt erhob sich jetzt im schattigen Innern, und ein Arm schwenkte eine lederne Mütze. Das Ganze stand auf dünnen Beinen wie eine Wasserspinne; kleine Räder waren darunter.
„Tausend!“ sagte der Herzog in das schweigsame Staunen der andern, die sich alle den Fenstern zugewandt hatten, „tausend, das ist mein Pelikan!“ nahm seine Stöcke und humpelte, so schnell er konnte, auf die Terrasse hinaus. Georg, dicht hinter ihm, besorgt, ihn im Notfall zu stützen, verlor für Augenblicke alle Schläfrigkeit aus den Gliedern, trotz Hirn und Augen blendender Mittagsglut, die sich hinter dem Gewitter geschlossen hatte, als sei es nicht gewesen.