Während sie allesamt die Treppe hinuntergingen, kletterten zwei Lederne aus dem Flugzeug heraus, von denen der eine über die Wiese heransprang.

„Glatt gelandet, Durchlaucht!“ rief er, „wunderbare Überfahrt, einmal mitten durchs Gewitter, aber schnell wieder jetrocknet!“

Nun gab es einen Wirrwarr von Beglückwünschungen. Der Leutnant stand wie ein heruntergefallener Mondbewohner, überschlank und völlig von Leder, im Kreise der andern, lachte mit blitzenden Raffzähnen, hatte eine hakige Nase, langes Kinn und lange Oberlippe, beide schwarzblau vom Rasieren, schien also mit Onkel Salomon und doch auch wieder mit dem Herzog verwandt. Das ist so eine moderne Mischung, dachte Georg und erinnerte sich an seines Vaters „neue Legierung“. Der Leutnant führte nun die Gesellschaft um den Apparat und erklärte alles. Bescheiden, ganz still und blaß abseit, der Techniker bekam eine Handvoll Gold vom Herzog und sagte vor Schreck kein Wort.

Ja, nun sollte geflogen werden. Der Apparat war für große Lasten bestimmt, dafür aber noch nicht geprüft, doch konnte an Stelle des Monteurs jemand mitfahren. Georg zuckte, aber ein stilles Lächeln und wehmütiges Kopfschütteln seines Vaters erinnerte ihn an die Mutter und an sein eigenes Schweigen, eine Stunde zuvor im Arbeitszimmer, nachdem er gesagt hatte: „Die Menschheit?“ und bezwang sich. Der Leutnant verbürgte sich großmütig für unbedingte Sicherheit. „Überhaupt,“ sagte er, „man bindet einen Motor unter eine alte Küchentür und fliegt, gar nichts zu machen, meine Herrn!“ — Allein der Baschkirtseff fragte, ob er sich auch für das Fortkommen seiner Witwe und Waisen verbürgte, und das wollte der Leutnant nicht. Der große Chalybäus trug seinen Riesenleib staunend immer im Kreise um den Apparat. Bogner war gern bereit, wenn kein andrer sich melde. Georg sah Anna dastehn und ihren Vater mit den Augen verfolgen, die Stirn runzelnd, als ob sie erwarte, daß er ihr die Fahrt schenke. Dann entlief sie plötzlich in der Richtung des Verwalterhauses.

Der Herzog, Chalybäus und Baschkirtseff mit Onkel Salomon stiegen die Treppe wieder hinauf, um die Abfahrt von oben zu genießen; der Gärtner und ein paar Knechte, die sich in der Nähe aufgestellt hatten, wurden herangerufen und mußten helfen, den Pelikan umzudrehn und dicht an die Terrasse zu schieben, damit der Anlauf groß genug würde. Pelikan, dachte Georg faul und fast schon wieder zufrieden, unten bleiben zu müssen, Pelikan ist ein schöner Name für dies Ungetüm, — und gähnte heftig, indem er sich in den Schatten des Giganten stellte; der Leutnant holte ihm einen kleinen Koffer aus dem Magen.

Schon saß der Maler, mit Lederjoppe und Mütze des Monteurs bekleidet, hinter dem Leutnant, als Magda über die Wiese gelaufen kam, mit den Ärmeln eines Mantels kämpfend, den sie im Laufen anzog, ein Tuch fest um den Kopf gewickelt. Bogner mußte wieder heraus, sie beschwor ihn flehentlich, sie käme im ganzen Leben nicht wieder dazu, und er sollte bloß schnell machen, damit ihr Vater es nicht zu früh merkte. Der kam mit Baschkirtseff und frischen Zigarren aus dem Saal, grade als sie im Apparat verschwunden war, aber der Herzog, der auf der Terrasse saß, verriet nichts.

Der Monteur warf die Schraube an. Sie flog ein paarmal schwankend im Kreis und war verschwunden.

„Deubel,“ sagte Georg, „wo ist die Schraube hingeflogen?“ worauf der Monteur sanft lachte und von der ungeheuren Geschwindigkeit der Drehung sprach, was Georg inzwischen selber eingefallen war, auch wurde ein Glitzern sichtbar, und am Boden wehten und verbogen sich die Halme tief und in heftiger Aufregung. Da brauste der Motor stürmisch auf, die Männer sprangen weit zurück, langsam rollte der weiße Kasten über die grüne Wiese, schien ins Wäldchen zu wollen, erhob sich jedoch unvermerkt und — ein wenig nach links geneigt — schwang er sich mit plötzlichem Willen über die Wipfel empor, steuerte der Ferne zu, beschrieb einen langen Bogen, so schön und leichtgemut sich umlegend, daß Georgs Zwerchfell zitterte und er lachen mußte, nach oben blinzelnd mit geblendeten Augen, — kehrte zurück, schwebte drohend und riesenhaft über den unten Stehenden, senkte sich, zog einen Kreis von wunderbarster Ruhe und Genauigkeit über Dach und Türmen von Helenenruh, prächtig donnerte der Motor, — stieg in langen, herrlichen Schraubengängen höher, plötzlich blitzte der ganze Kasten von der Sonne getroffen auf, eine mächtige, schneeweiße Masse, schwenkte wieder herum, erlosch und zog von neuem dicht über den Parkwipfeln hin, dann in schnurgerader Bahn, schräg gegen den strahlend blauen Himmel hinan, schimmernd und seelenvoll dem Unendlichen zu. Als er über den Baumkronen fortgeglitten war, hatte es Georg geschienen, als ob eine schwarze Gestalt daraus emporgetaumelt und von der Schraube zurückgeworfen sei, ein paar Dohlen wohl.

Ja — — nun — —, da war sie fortgeflogen. An ihn, der unten bleiben mußte, hatte sie nicht gedacht, ihm nicht einmal zugenickt, oder hätte die Zeit wirklich nicht dazu gereicht? Nein, das war keine Liebe, sicherlich nicht! Ein Kind war sie, spielte bloß und tat, was ihr einfiel, und vielleicht fiel es ihr ab und zu ein, daß sie ihn liebte, das heißt, wenn sie jemand haben wollte, um ihn verführerisch anzulächeln. Und sein Gedicht, was war aus seinem Gedicht geworden? Sie machte sich wohl doch nichts daraus. Das war ein herber Schmerz, eine giftige Enttäuschung, und Georg beeilte sich, sein ganzes Wesen damit zu tränken, bis es überfloß, bis die Welt im Trüben schwamm und er ein Märtyrer wurde, der mit Wonne zu leiden begann. Sollte er auf sie warten? In dieser unangenehmen Sonnenhitze? — Nein, sagte er, ich werde Bogner Gedichte vorlesen und ihr nicht. Lieber wäre er freilich einsam gewesen, um sich ganz seiner Galle zu überlassen, — und am liebsten hätte er sich irgendwo in den Schatten gelegt, um zu schlafen — aber dies war noch herber, und also fragte er den Maler, der gern bereit war, nur noch einmal nach al Manach sehen wollte, worauf sie denn verabredeten — da Georg plötzlich Bennos Brief einfiel —, daß der Maler in einer halben Stunde auf Georgs Zimmer kommen wolle. Georg überlegte noch, ob er den Gärtner beauftragen solle, dem Pelikan aufzupassen und Anna Bescheid zu sagen, wo er wäre, unterließ es aber aus Bosheit.

Auf dem Wege in sein Zimmer tauchte wieder und wieder Annas Gesicht vor ihm auf, wie er es sah, als sie sich im Flugzeug zurechtsetzte und voraus blickte, absonderlich ernst, erregt und entschlossen. Vorher war es ihm ein süßer, goldener Spiegel gewesen; jetzt war er plötzlich daraus fort, und sie spiegelte Land und Meer selig aus der Vogelschau. Freilich, sollte er ihr das nicht gönnen? — Angst preßte jählings seinen Brustkasten zusammen —, ja, hatte er denn alles vergessen, was mit ihr war? Das Gespräch mit seinem Vater, ja, diese brennende Stunde hatte alles verzehrt, was vorher war. Und doch — war seine Liebe nicht gewachsen unterweil, sie, die keiner Zuführung bedurfte, die eigenwillig war und ... vielleicht steckte sein Gedicht doch noch im Schuh. Oder hatte sie es beim Anziehn der weißen Schuh an ihrer Brust verborgen? Welch himmlischer Gedanke! Aber wie war er doch verlassen! Wie war alles öde auf einmal und abgeblaßt! Und die Zeit — die Zeit stand entsetzlich still.