Ein Brief
In seinem zweifenstrigen kleinen Zimmer angelangt, ergriff Georg vom Schreibtisch unter den Fenstern das elfenbeinene Briefmesser und setzte sich im Winkel neben dem Schreibtisch in den alten, großväterlichen Wangenstuhl mit Roßhaarbezug und Säumen weißer Knopfreihen, nachdem er den darauf liegenden Band des Grünen Heinrich aufgenommen und auf den Schreibtisch gelegt hatte. Dann saß er minutenlang mit geschlossenen Augen, innerlich rieselnd von Schlaf, bis er sich wieder ermunterte, die Augen aufriß, sich gähnend reckte, den Brief öffnete und las:
Altenrepen, am 29. Juli
Mein lieber Georg:
Die drei Wochen Frist, die Deine liebevolle Weisheit mir ließ, sind verstrichen, und ich zweifle fast, daß ich Dir geschrieben hätte, wenn nicht —
Also nichts! schnob Georg. Es ist ein Elend, ein Elend! — Die rechte Hand geballt, las er verbissen weiter:
— wenn nicht heute auf dem Mittagsheimweg Iris Runge mir in der Langenlaube begegnet wäre und sich sofort — hocherrötend, des darfst Du gewiß sein! —
Georg, inmitten seiner Erzürntheit leise geschmeichelt, dachte unwirsch: Ach, was geht mich Iris Runge und die ganze Altenrepener Sippschaft an! —
— gewiß sein! — auf mich gestürzt hätte mit Fragen: „Wo ist Georg? Ist er wieder in Deutschland? Haben Sie Nachricht? Wann?“ usw. — Ja, Georg, Du hasts doch gut! Hätte sichs um einen von uns gehandelt, da würde ihre Mädchenscheu sich wohl gehütet haben, nur eine Andeutung von Wißbegier sichtbar werden zu lassen, Du aber genießest diese schöne Vogelfreiheit, daß jeder sich von Herzen mit Dir beschäftigen darf, und ich sonne mich bescheiden in diesem Glanz, der oft genug die Menschen mit ihren zutraulichen und unschuldigen Fragen an mich lockt ...
Guter Benno, welch holde Seele bist du doch!