Und nun — muß ich nach diesem Eingang erst wirklich noch von mir sprechen, Gründe, die alten Gründe — denn was sollte sich verändert haben in diesem halben Jahr? — von neuem aufzählen? Ich bin doch recht müde von diesem letzten Kampf, er war schlimm. Nicht, daß ich zu meinen Eltern noch einmal ein Wort geäußert hätte, wozu? Der letzte Kampf war der, ob ich gegen ihren Willen handeln sollte und — ich habe gesiegt. Nun bin ich freilich müde.

Wir müssen die Menschen verstehen, Georg. Wenn Vater selber das Geld hätte, glaubst Du, er würde mir nicht meine Musik lassen? Ja, wenn ers mit doppelter Arbeit und mit noch mehr Entbehrung schaffen könnte, daß er nicht alles auf sich nehmen würde? Er hat einmal in seinem Leben ein Opfer gebracht, einmal im Leben gezeigt, daß Stolz und Festigkeit ihm mehr galten als Vorgesetzte, Amt und Brot. Die Folge war das jahrzehntelange Elend des kleinen Beamten, Sorgen und Sorgen, dann Zerwürfnisse mit Mama, Feindschaft und all die Unerträglichkeit, die Du zum Teil mit erlebtest, dazu die langsame Verknöcherung, Verbitterung, und nun, von aller einstigen Mannhaftigkeit nun als letzter Rest der Stolz, daß der Sohn eines beuglenburgschen Beamten nicht auf fremder Menschen Kosten, nein, warum den Ton auf Kosten legen? — durch fremder Menschen Güte das bekommen soll, was er selber ihm nicht schaffen kann. Er glaubt ja an nichts mehr, wie soll er an die Zukunft einer so unsicheren und obendrein ihm innerst so fremden Sache wie meine musikalische Begabung glauben? Er denkt, Dein Vater wird sein Geld an mich wegwerfen, und auch das läßt sein Stolz nicht zu ...

Georg knirschte. Stolz und immer Stolz, und der demütige Benno, der ihn und alles immer begreift! Daß die Dummheit der Aufgeblasenen auch immer die Dummheit der Edelmütigen neben sich haben muß, an der sie sich auslassen können! Ja, wenns sich doch um Vernageltheit handelte, um pure Boshaftigkeit eines verrückten und vertrockneten Alten, dann solltest du mir mal kommen, mein Benno! Aber überall nur Schwachheit und Schwächlichkeit hüben und drüben, die zu einem elenden Brei zusammenfließt. Der eine läßt aus Schwächlichkeit das Böse zu, der andre unterläßt aus Schwäche das Gute. Nun wird er mir noch einen langen Sermon schreiben über seine arme Mama, die natürlich auch liebend gerne den größten Kapellmeister in ihm sehn würde, die aber keinen eigenen Willen hat, und die krank ist, so daß er ihr nicht das Leid antun darf, gegen ihren vermeintlichen, das heißt gegen den Willen ihres Mannes zu handeln. Und daß dieser ein elender Tyrann ist, der jenes einstige Opfer längst durch Knechtung und Erstickung alles Blühenden und Zarten und Liebevollen um sich herum längst doppelt und dreifach wettgemacht hat, davon natürlich kein Wort! Ja, was hilft mir denn nun mein riesenhaftes Erbe und alle Ahnen und alle Fabriken des Herzogtums, was hilft einem denn das Geld, wenn man der Dummheit nicht mit ihm den Schlund stopfen kann! Es ist nicht zu sagen, nicht zu sagen ist es ja!

Georg war aufgesprungen, lief mit schwingenden Armen und mächtigen Schritten im Zimmer hin und her und blieb mit plötzlicher Rührung vor der, über dem Lehnstuhl schwebenden kleinen Alabasterschale mit goldgrünem Mispelkranz, an einem Dreieck von Ketten hängend, stehen. Armer Benno, dachte er, so schwebt deine zarte, blasse, durchscheinende Seele mit ihrem immer grünen Kranz in ... Die Fortsetzung des Gleichnisses blieb ihm aus, er bückte sich, hob den zu Boden gefallenen Brief auf, zauderte, ob er weiterlesen solle, legte den ersten Bogen auf den Schreibtisch und begann den zweiten.

So hab Dank, Georg, noch einmal innigsten Dank Dir und Deinem edlen Vater für diesen letzten Versuch, und haltet mich nicht für undankbar, bitte nur das nicht!

Ja, auch das noch! murrte Georg. Er trieft natürlich von Seele und Edelmut. Immer am unrechten Platze. Undankbarkeit! Der Alte ist ein undankbarer Schurke! Warum hab ich denn vier Jahre das Gejammer und Geunke und die Nörgeleien und Streitereien ausgehalten? Laß sehen, schrieb er nicht davon auch was? — Georg nahm den ersten Bogen wieder vor, suchte und fand die noch nicht gelesene Stelle:

Für ihn wars nur ein Zeichen seiner Verlorenheit vorm Schicksal, daß mit dem Augenblick, wo durch Dich endlich ein wenig Erleichterung des Lebens und Aufhören der schlimmsten Geldsorgen ins Haus kommen sollte, Mama sich mit der Krankheit niederlegen mußte, die alles Überschüssige wieder einschlang, — ach auch das weißt Du ja alles, aber weil ich Dich bitten möchte, gerecht zu sein, sage ich es Dir noch einmal.

Freilich weiß ichs, knurrte Georg, und ich habe durch die Wand und halbe Türen oft genug die Vorwürfe und die schlecht unterdrückten Anspielungen auf die Last dieser offenbar halb geheuchelten Krankheit gehört, — ach, was für Menschen es giebt, was für Menschen! — Seufzend griff Georg wieder nach dem zweiten Bogen und las weiter:

Es ist ja auch noch nicht alles verloren. Sowie ich ausgelernt hab in der Bank — zu studieren in Altenrepen hatte ja wirklich keinen Zweck, da mir an keiner Art Studien etwas liegt, und ich so auf die erste Weise zur Brotstellung komme — dann darf ich ja wohl wieder auf die Güte Deines Vaters rechnen, der mir eine Stellung wird verschaffen können, die mir Zeit für mich läßt. Daran laß uns denken und hoffen.

Schöne Hoffnungen! Bis mittags um drei Diskonto- und Lombardgeschäft und dann Kontrapunkt und Harmonielehre und was weiß ich in der Hochschule, und außerdem vier bis sieben Stunden Klavierüben am Tag und die halbe Nacht Komponieren, — ja, es wird reizend werden!