Die Tage sind ja nun so wunderbar, und für was tröstet nicht die Natur zumal im Sommer! Leider bin ich ja kein guter Mensch, ich bin voll von gemeinen und schwarzen Gedanken, und Blume, Wolke und Vogel müssen ihre ganze übernatürliche Langmut und Süße manchmal aufwenden, um nur einen Tropfen Honig in die Galle gelangen zu lassen. Ich bin viel gewandert an allen freien Tagen, in die Haide hinaus, die schon linde anfängt, sich zu färben, in die grüne und gelbe Ebene, und ich glaube, ich habe ihn gesehn, den alten Atlas, wie er mit riesigen, erdenen Schultern das Himmelsgewölbe trägt. O die Ebene, Georg, die Ebene! Sie ist doch der Inbegriff, die große Mütterlichkeit, Schoß und Reichtum, und o ich liebe sie, diese norddeutsche Tiefebene, so daß schon diese beiden Worte einen delphischen Brodem um mich aushauchen können, ich fange an, Noten zu lallen, es tönt ... Eine Symphonie soll es werden, Georg — da ist es verraten! — und sie wird: die Ebene heißen, — keine Programmusik natürlich mit Waldesrauschen und Grillengezirp, sondern es wird die Ebene sein, wie — sit venia verbo! — die Eroica ein Heldenleben ist. Ja, der schönen Pläne sind viel! Ich habe die alte F-Dur-Sonate wieder vorgenommen — erinnerst Du das langsame Thema mit dem Schluchzen? und die alten Bruchstücke klirrten metallisch süß und leise, — bald sollen sie mir wieder schmelzen. Dann sind auch Deine Lieder, ich höre oft die allerzartesten Stimmen wie ein Geflüster von Wolken in unendlicher Bläue einsam, — halten ließ sich noch nichts. Genug davon!
Die Jungens sind nun alle in den ersten Ferien wieder hier, Löbell schon mit Schmissen, Barkhausen, Veit, Spiegelberg, Haman, alle fragten nach Dir, und ob Du nicht zum Schulfest im August herüber kämest. Auch Fräulein Runge fragte natürlich!
Ich schließe, meine Grüße durch die ihren beflügelnd. Empfiehl mich von Herzen Deinem Vater! Das Beste in meinem Leben war und wird doch immer die Freundschaft mit Dir bleiben, und ihrer gedenkend fühlt sich — wie wäre er sonst schlecht! — beglückt und im Frieden Dein alter
Benno Prager.
Das Ende klingt wie Abschied vom Leben, seufzte Georg gerührt, legte den Bogen zusammen, saß einen Augenblick trübsinnig nach vorn gebeugt, erhob sich und legte den Brief auf den Schreibtisch, der auf seiner grünüberzogenen Fläche nur eine Schreibunterlage mit Löschpapier, ein altes messingnes Tintenzeug, eine viereckige Aschenschale aus Kristall und ein gerahmtes Bild von Stefan George trug. Dastehend, die Hände auf der Platte, sah Georg zum linken Fenster hinaus, und der Anblick des Himmels erinnerte ihn mit leisem Schmerz an eine Entflogene.
Ganz rein war der Himmel und leuchtete. Das tiefe und starke Nachmittagslicht ergoß sich nun schräg von oben; stärker grünte der erfrischte Rasen, von dessen gewaltigem Oval Georg nicht mehr als den letzten Rundabschnitt sehen konnte. Gegenüber schimmerte mit Läden und Fensterreihen die weiße Wand des Nordflügels, altersschwarzes Dach und die flachen Vorwölbungen der Ochsenaugen, links daneben die Gesträuche und Bäume, die das Verwalterhaus teilweise verdeckten. Aber nun wurde von rechts, von der unsichtbaren Terrasse her, die Rückseite des, wie ein Schirm hochaufgespannten weißen Pfauenschweifs sichtbar, die Beinkeulen darunter, aufgeregt hoch und nieder und rückwärts tretend, und Georg gewahrte, sich vorbeugend, oben auf der Treppenbreite eine kleine schwarze Katze, in sich zusammengeduckt, den Kopf hin und her wendend, als sei der Vogel unten gar nicht vorhanden. Georg hörte ihn aufschreien, während er das Fenster öffnete, — die langen und biegsamen Federn schwankten, die Katze war plötzlich auf der Brüstung, strich flachangedrückt darüberhin, verschwand hinterm grünen und roten Gerank einer Urne und kam nicht wieder zum Vorschein. Alsbald drehte der Pfau sich langsam um und zeigte, über den Rasen davongehend, die kostbare Majestät seiner Vorderseite, schön verjüngten Hals und gekrönten kleinen Kopf im Riesenrad der schimmernd weißen Augen, darauf in eleganter Verwandlung mit dem langsamen Sinkenlassen des zusammenrauschenden Schweifs das neue Bild des ruhigen Vogels, der, ein wenig töricht, mit kleinen pickenden Schrittrucken, die wagerecht hingestreckte Schleppe zierlich und würdig davontrug.
Lau und süß und weich in die Lungen flutete die Nachmittagsluft. Weißes blitzte oben in der Bläue, eine weiße Taube schwang sich ausgebreitet zum First des Daches und nahm hastig ihr rundliches und albumhaftes Taubenaussehen an, während sie auf den scharfumrissenen, mit langer schwarzer Spitze auf der Ecke des Gebäudes stehenden weißgetünchten Turm zuschritt. Das goldene Licht triefte, alles war still und leer, ein wenig öde wie Sonntagnachmittag und mit einem Hauch von Bangigkeit. Georg fielen plötzlich die Augen zu. Er zog die Mittellade auf, nahm sein, in schweres, schöngemasertes Leder gebundenes Versbuch heraus, blätterte eine Weile darin, ließ es, da die Lider wieder sanken, offen liegen und sich selbst mit einer trägen Drehung wieder in den Ohrensessel fallen.
Sechstes Kapitel
Al Manach
Georg erwachte. Ohne gleich zu wissen, was war, konnte er doch stracks und munter die Augen öffnen, fand sich erquickt vom kurzen Trunk traumlosen Schlafs, erinnerte sich aber jetzt, daß es geklopft hatte. Indem ertönte das Pochen wieder von der Tür her, Georg, sich erhebend, rief: „Herein!“ die Tür öffnete sich, und es stand eine Gestalt von eben mittlerer Größe unerwartet darin, in einem feinen schwarzen Anzug; fast erschreckend aber war im ungemein zarten und weißen kleinen Antlitz die Erscheinung zweier Augen von tiefstem Kohlschwarz, deren Blick Georg erst Sekunden später auf sich ruhen fühlte, — linde, kam es ihm vor, überaus linde. Dahinter sah er nun auch den Maler.