„Ah Herr al Manach,“ rief Georg erfreut und verwirrt, „wie schön von Ihnen! Treten Sie näher!“

Selber vorgehend, streckte er die Hand aus, fühlte sie von einer merklich kleinen, sehr glatten und weichen Hand kaum einen Augenblick ergriffen und fest umschlossen, und im nächsten schon sich selbst zurückgedrängt, ganz wie er war, auf fast unbegreifliche Weise unkörperlich, gleich als habe sein Wesen vom ganzen Wesen des Fremden einen magischen Druck erhalten, der ihn zurückwies.

„Welch angenehmer Aufenthalt!“ erklang es jetzt melodisch. Der al Manach blickte sich freundlich um. „So schöne Gegenstände!“ sagte er und umfaßte mit rundem, gleitendem Blick alles umher von der Alabasterschale hinter Georg über den grauen Rupfenvorhang der Bücherwand rechts zum kleinen Rundtisch, dicht neben dem Eingetretenen, — von gelber Kirsche mit eingelegtem Stern — vor dem breiten Mahagonisofa mit grüner Ripsbespannung, und wieder links hinüber zur Servante zwischen den beiden schwarzgoldenen, mit rötlichen Stricken umknoteten japanischen Reisekoffern am Boden. Und diese Dinge — Georg zu gewohnt, als daß er sie noch zu sehen pflegte — richteten sich nacheinander vor ihm auf und präsentierten sich freundlich und frisch.

„Nehmen Sie doch Platz“, bat Georg ein wenig verlegen, und der Fremdling ging mit leichter Bewegung durch die leere Zimmermitte zum Schreibtisch, wo er einen Augenblick durch das Fenster blickte, sagte: „Auch draußen, alles freundlich! Ein roter Hund kommt die Treppe hinab und geht über die Wiese ...“ und begann, einen Arm auf die Platte gestützt, in dem offen daliegenden Handschriftbuche zu lesen. — Ja, Verse waren wohl Allgemeingut ...

Der Maler trat unterweil näher zur Servante und besah stillschweigend die schwarzen Widderköpfe mit vergoldeten Hörnern an den oberen Ecken, danach auf den zwei Brettern übereinander die kleine Sammlung von ein paar Frankenthaler und Höchster Gruppen, römischen Perlmuttgläsern, Ludwigsburger und Meißener Figuren, einer Mündener Terrine und einer großen himmelblauen Perlbörse mit Silberfransen, dieweil Georg erklärte, das wären so Dinge, die er im Hause zusammengeräubert habe. Nachdem er dem Maler eine kleine Gemüseverkäuferin mit buntgeblümtem Rock in die Hand gegeben hatte, zog der sich in das Sofa zurück, die Figur vor sich auf die blanke Tischplatte stellend.

Georg holte eine Zigarettenschachtel hinter dem Rupfen hervor nebst Streichhölzern; er und Bogner begannen zu rauchen, der al Manach winkte lächelnd ab.

Noch immer war es still.

Um etwas zu äußern, sagte endlich Georg, an den Büchervorhang gelehnt mit dem Gefühl, al Manach sei nun der Eigentümer dieses Zimmers und er selber nur Gast darin, — sagte, gleichsam vor sich hin, in bezug auf die Sachen umher: „Es ist ja nichts Besonderes, gar nichts Besonderes.“

„Ererbte Dinge sind schön“, hörte er einen Augenblick später die sehr melodische Stimme. „Ist es nicht so? Die Gegenstände, solange sie jung sind, haben alle den mehr leiblichen Glanz des Gemachten, und Jahrzehnte des Gebrauches erst, des Geliebtseins und liebenden Betrachtetwerdens fördern langsam die liebliche Seele an die Oberfläche und breiten ihr edles Leuchten darüber aus. Sehr arm ist die alterslose Marktware; ihre Seele stirbt, ehe sie sich auswuchs, und oft ist die beklagenswerte in ihrer Gebrochenheit traurig zu sehn.“

So ruhig und völlig zufriedenstellend klang das Gesagte, daß Georg kein Wort darauf wußte.