Georg faßte nach seinem linken Ohr, bekam einen Grashalm zwischen die Finger, hörte das Lachen einer Göttin vom Zenit und wachte ganz auf.
Da saß sie! Bei Gott, da saß dieses Mädchen ganz stille bei ihm! — Er konnte mit tränenden, geblendeten Augen nichts wahrnehmen als einen riesigen, weißen Kleidflecken, auf dem rote und grüne Scheiben durcheinanderliefen. Sein Herz klopfte stark. Aufgerichtet, in seinen Hemdsärmeln dasitzend, juckte er sich die Schultern, indem er das Hemd darauf hin und her schob, gähnte riesig und dachte: Was zuckte ich eben? Ich bin gezuckt, weil sie gekommen ist, weil sie nach mir gesucht hat, weil sie ... Er gähnte noch einmal, um möglichst gleichgültig zu erscheinen, und bemerkte, er sei so schlaftrunken. Da er keine Antwort bekam, sagte er nach einer Weile: „Weißt du, Anna, wie mir zumut ist? Als wär ich soeben geboren worden. Als hätt ich hier tausendundachtzehn Jahre im Grillengezirp geschlafen, bloß die letzten zehn habe ich einen schönen Unsinn geträumt. Weißt du, es giebt ein Bild, du wirst es nicht kennen, es ist von — von Philipp Otto Runge und heißt: Der Morgen. Ein kleines Kind liegt in einem Rübenfeld und streckt die Arme nach oben. So — Gott bin ich müde! — so komm ich mir auch vor!“
Während er sich in einem endlosen Gähnkrampf zusammenkrümmte, sah er doch das zarte Lächeln in den Fältchen ihrer Augenwinkel, dazu die roten Hitzeflecken über den fast brauenlosen Augenbuckeln, hörte sie auch etwas sagen von seinem Gesicht, das wie eine Rübe aussähe, die ein bißchen Wasser ausschwitzte, wo die Augen säßen, und es klebte eine Mücke auf seiner linken Backe.
„Mücken“, sagte er, „sind gut.“ Und dann dachte er, indem er sie sitzen sah, auf der Seite nach weiblicher Art und mit angezogenen Füßen: Kleines, weißes Mädchen! Kleines gesticktes Mädchen von siebenzehn! Du lieber Gott, was kleine braune Schuhe! Und diese herrliche Stickerei, die das halbe Kleid bedeckt! Und dieser weißliche Flaum auf den Armen, die schon braun werden! Und diese großen, braunen Eleonorenaugen! Und die breite, schöne Stirn! Und diese Biegung des großen Florentinerhuts, und wie das Gesicht darunter im Schatten ist, und überhaupt alles! — Zärtlichkeit zog sein Herz zusammen, ringsum waren die Wiesen, rote Sümpfe von Sauerampfer, Gefilde weißer Sternblumen, und darüber dies unablässige Geschwirre, auf und ab Fliegen und Schnellen und Schweben von Flügeln, eine ungeheure Bewegung, und doch so still ...
Wieder lag er auf dem Rücken, starrte in die blendende Bläue, blinzelte und dehnte sich innerlich, daß die Knochen knackten. Er hörte einen trocknen Zweig taktmäßig gegen seine linke Gamasche schlagen. Die Grillen feilten. Die Hummeln summten. In einer eigentümlichen Ängstlichkeit bemüht, fortzukommen, war er wieder dabei, sich einen Weg quer durch die Staaten zu bahnen, die Rifle in der Linken, das Bowiemesser in der Rechten, den Tasso in der Revolvertasche (Reclam).
Plötzlich wagte ers und fragte, woher sie käme. Spazieren, sagte sie. Ob sie ihn gesucht hätte. Gefunden, sagte sie. Und so redeten sie vielleicht noch viele Worte, bis er kühn wurde und mit Herzklopfen sagte: „Ich weiß jetzt! Du warst eine kleine Wolke, die vom Dent de la Neige heruntergeflogen kam. Hast du wohl die himmlischen Kühe gesehn und die Engel, die blaues Gras mähten?“
„O Georg,“ sagte sie vorwurfsvoll, „darum bist du auch in Mathematik durchgefallen. Schäm dich was! Ein Prinz und durchfallen!“
„Wenn er doch nie regieren braucht!“
„Wie hast du das bloß angestellt?“
„Angestellt? Der alte Kaffer fragte nach geometrischen Reihen, aber Fischer hatte mir gesagt — wir wurden an zwei Tagen geprüft, in zwei Gruppen, weißt du —, die hätte er am ersten Tage gefragt gehabt, und deshalb hatte ich bloß noch schnell die Formeln für die arithmetischen Reihen übergelernt, und da sagte ich die her. Da setzte er mir eine halbe Stunde auseinander, das wären die arithmetischen und nicht die geometrischen, und was ich denn nun davon wüßte. Mehr nicht, sagte ich, und da fragte er Dieckmann, und da war ich durchgefallen, und das war vorauszusehn. Es war sehr bequem.“