Da saß sie und dachte. Was denkt so ein Mädchen, wenn es auf seiner glatten Stirn mühselig eine kummervolle Falte erzeugt? Halb ist ihr Kleid Tülldurchbruch — wie kann man eigentlich sowas anziehn, wie muß das wohl sein? — und die Bluse ist halb Tülldurchbruch — und halb ist sie gar nicht; man kann sie in die Westentasche stecken, wie warm sie sein muß! — Da wurde ihm innerst heiß, unter der Sonnengluthaut, und er dachte unbestimmt Zärtliches. Wenn ich nur wüßte, was sie jetzt denkt, dachte er.

„Georg, woran denkst du jetzt?“ fragte sie.

Ach, sie hatte an gar nichts gedacht! — Er sagte, er hätte gedacht, was sie jetzt dächte. „O, muß man immer denken?“ antwortete sie seelenvoll.

„Wie wars denn nun“, fragte er, „an der Adria? Erzähle mal! Erzähle aus Genf, aus Venedig! Warum seid ihr nicht bis Griechenland gekommen, ich hätte euch alles gezeigt. Griechenland ist viel schöner. Sag, hast du in Innsbruck auch immer morgens, wenn du auf die Straße kamst, gedacht, es wäre schlecht Wetter, und dann warens die grauen Berge, und man mußte sich den Kopf ausrenken, um den Himmel oben zu sehn? Berge sind so scheußlich ...“ Er ließ nachdenklich den Kopf zur Brust hängen, die Hände links und rechts neben sich ins Gras gestützt. — Wie spät es sei ... Er merkte, daß sie schon zum zweitenmal fragte, zog, ohne die zugefallnen Augen zu öffnen, die Uhr an ihrem Lederriemchen aus der Westentasche und hielt ihr die glatte Seite hin, die er für das Zifferblatt hielt.

„Halb elf,“ hörte er sie ganz fern sagen, „komm frühstücken!“

Georg nahm sich zusammen und hatte das bedrohliche Gefühl, daß auf einmal Zeit da war. Halb elf, unweigerlich. Etwas hörte auf.

Er erhob sich umständlich, nahm die Jacke aus dem Grase, die dalag wie ein schlafender Jagdhund, zog sie an, stülpte den Panama auf, klopfte die Hose ab und stampfte mit dem rechten Fuß, daß etwas braune Erde vom Spornrade fiel. Dann gingen sie über die Fenne, vor sich die riesig aussehende, majestätische Wand des Wäldchens, zerklüftete und durchrissene Wipfel, über ein Knicktor, wieder über eine Fenne, durchs Gatter, und waren, von plötzlichem Brombeeraroma umwogt, in der dunklen, schattigen Eichenallee, in deren entfernter, runder Öffnung lichtes Grün, oben ein wenig Blau und dazwischen Weißes war vom Haus. Waren hindurch und gingen über die ganz grüne, geschorene Wiesenfläche gerade auf die Terrasse los, die glitzernd weiß zur linken Hälfte, zur rechten dunkelgrau, vom Schatten des Südflügels bedeckt, mit Brüstungen und großen, grauen, von rotem Geranium oder gelbroter Kapuzinerkresse überwucherten Steinurnen vor dem blendendweißen Hause mit seinen weit vorgreifenden Flügeln, den grünen Läden, schwarzen Dächern und zwei Türmchen lag, an dessen einem die goldnen Uhrzeiger blitzten. Ach, in dem wundervollen Grasboden unhörbar, das war eine Wonne zu gehn, so schläfrig, hier und da stolpernd, in den heißen Hosentaschen die glühenden Hände, den Kopf gegen die Sonne gesenkt, durch halbgeschlossene Lider auf die braunen Stiefel hinuntersehend, die sich da unten sonderbar selbständig vor und zurück bewegten, und links die kleineren braunen Füße, die — — ach, es war zu schön!

Auf den Beetstreifen unterhalb der Terrasse blühten die Stockrosen vielfarbig, und oben saß Papa unterm rot und weiß gestreiften Leinenschirm am Tisch hinter der Brüstung zeitunglesend. Aus der Glastür trat der Diener, eine Figur aus undurchsichtigem blauen Glase, der gedrehte Flügel entsandte einen scharfen Goldblitz, er setzte einen funkelnden Silberkorb und Gläser auf den Tisch, und plötzlich ergraute alles und losch aus und schien verkleinert — oben hatte eine kleine Wolke sich vor die Sonne gestellt. Seltsam sachlich und wirklich erschien von rechts her auf dem Weg unter der Terrasse ein Unbekannter in einem grauen Anzug, blieb einen Augenblick vor einem Stock weißrosiger Rosen — Capitaine Christy? — stehn, ging sachte weiter, die zweimal vier Stufen hinauf, und wurde vom Herzog mit liebenswürdigem Eifer begrüßt. Georg dachte: Wer ist das? — Das Mädchen fragte dasselbe. Da waren sie angelangt.

Terrasse

Anna Magdalena ging um den Tisch zu dem wie immer sitzenden Herzog, der sie auf die Stirn küßte und nach den Träumen der ersten Nacht wieder im Vaterhause fragte (doch gab es keine bestimmten, bloß ein Erröten) und dann ihr und Georg den Fremden vorstellte, nämlich den Maler Benvenuto Bogner, dessen Bild oben im Klaviersaal Georg kenne. „Er erweist uns die Ehre seines Besuches und hat auch einen Freund mitgebracht, der aber leider krank ist.“