„Ach, das schöne Bild mit dem (sonderbaren wollte er sagen) Vers darunter!“ sagte Georg erfreut, während er eine feste Hand zu fassen bekam und in ein ziemlich langes, bartloses Gesicht mit fast unsichtbaren hellen kleinen Augen in sehr großen Höhlen blickte.

Alsbald saßen sie um den runden Tisch und frühstückten Spiegeleier und allerlei Köstliches. Der Herzog erinnerte den Maler an ihr erstes Zusammentreffen in Paris, das war bald fünfzehn Jahre her.

„Ja, sieh, mein Sohn,“ sagte er, „sieh dir diesen wohlwollenden Mann an. Damals war das ein Bursch wie du, verschlossen, boshaft, mager wie ein Hering, in seiner Dachkammer gedörrt, die mit den greulichsten Bildstücken angefüllt war, und er wie ein ertappter Lustmörder mitten drin sah aus, als ob er vor Hunger und Gewissensbissen umfallen wollte. Und er verkaufte nichts, keinen —“

„Hat Papa Sie damals schon eingeladen?“ redete Georg vergnügt dazwischen. „Na, Sie haben sich Zeit genommen!“

Der Maler, sacht mitlächelnd, meinte, nein, er sei vielmehr gekommen, um das Bild mit dem — er machte genau Georgs eigne Pause vor dem Wort — Vers abzumalen. Georg wollte überlegen, wie aus dem Lustmörder dieser findige und vornehme Mensch geworden sein mochte, hörte seinen Vater sagen: „Iß, Kleines, du ißt ja wie’n Vogel!“ und sah sie langsam an. Sie blickte, mit dem Rücken zur Hauswand sitzend, über die Brüstung und sagte: „Da kommt Papa,“ rot werdend. Jenseit des Rasenovals erschien im lichtgrünen Loch des Eichenwäldchens ganz klein das weiße Pferd mit dem Verwalter, kam rasch näher, sich vergrößernd, umtrabte den Rasenplatz nach rechts hin. Der Maler hatte sich umgedreht. „Der große Chalybäus,“ bemerkte der Herzog halblaut wie zu sich selber und fügte hinzu: „mein Verwalter.“ Der war jetzt auf dem Seitenweg hinter Bäumen und Gebüsch verschwunden, tauchte wieder auf in einer Lücke, grad vor der Tür des halbverborgenen Verwalterhauses und stieg ab. Der Stallbursche war da und führte den Schimmel weg, aus der Haustür kam ein Herr die Stufen herunter, begrüßte sich mit dem Riesen, dem er kaum zur Brust reichte, und verschwand wieder. Bald darauf erschien die gewaltige Gestalt auf dem Wege unter der Terrasse, über deren Brüstung das schiefe grüne Hütlein eben entlang schwebte, und wie er nun im langen Rock und Stulpstiefeln die Treppe heraufkam, wurde er immer größer, so daß selbst Georg wieder erstaunte. Ungeheuerlich über den Sitzenden ragend, lüpfte er hoch oben das verschossene Hütlein von der hohen Stirn und den grauweißen Schläfenbüscheln, dem auf ihn zutretenden Maler die Hand reichend.

Ob er auch Besuch bekommen habe, erkundigte sich der Herzog, als er neben seiner Tochter saß. Chalybäus, den dicken Schnurrbart mit beiden Händen windend und drehend, daß die Spitze der schön gebogenen Nase sich krümmte, lächelnd und nach allen Seiten blitzend mit Zähnen und blauen Augen, bejahte mit herrlicher Tenorstimme, begrüßte zunächst Georg in homerischer Sprache, weil der in Griechenland gewesen sei, im Lande der Hellenen, vergaß völlig die Frage des Herzogs, die in Magdas ängstlich unbestimmtem Blick brannte, und stürzte sich mit Feuereifer in seinen Bericht über den Morgenritt, den Stand irgendwelcher Feldarbeit und betrunkene Polen. Es hörte wohl niemand zu.

Georg träumte. Kleine Wolken wie Schmetterlinge, weiß und mit wunderbar leichten Schatten, tauchten über den Eichenwipfeln auf. Er sah wieder die Grasebenen und die Linie des Deiches, leer, wehend, blumenreich. Er ging drüberhin, in der Ferne war etwas Weißes, Io vermutlich, die jungfräuliche Kuh; er ging ungezählte Sommermittagsstunden darauf zu, es war Anna, sie saß im Grase und ließ blutrote Spinnen, wie Punkte klein, über ihre Hände laufen, die sie drehte, als wände sie einen Kranz. Plötzlich war ihr Kleid über und über bedeckt mit roten Punkten, die durcheinanderwimmelten wie ein Firmament, und sie sang leise: Spinn am Mittag, Glück am dritten Tag ... unaufhörlich die gleichen Worte. Es wehte über die Wiesen, es wehte; warm, zitternd kam die Luft, Heugeruch war darin, ferne ging die Stimme des großen Chalybäus sonor auf und nieder, zehntausend rote Spinnen wimmelten über das Mädchen hinweg, o Gott, wie heiß es war! Deutlich hörte er ihren Vater sagen: „Kinematograph ...“

Georg kam zu sich, begann zuzuhören und faßte den Maler ins Auge, der ihm gegenüber Honig aus der Porzellandose schöpfte und auf Semmel fließen ließ, indem er den Hornlöffel drehte. Er gefiel Georg überaus. Das Gesicht war graubraun, weniger hager als fest; die Knochenränder der großen Augenhöhlen waren unter der Haut erkennbar — so wie bei manchen Affen, ja, und auch dies Traurige wie bei ihnen war zwischen den Brauen manchmal. Die ernste Nase, das Kinn, der schmale Mund mit einer scharf gegrabenen Falte links und rechts, wie war all das ruhig und geschlichtet — geschlichtet ja, und das gescheitelte Haar war völlig grau gesprenkelt, so daß er an Vierzig schien, aber vor fünfzehn Jahren hatte Papa gesagt, war er so alt wie ich ... Georg dachte, er habe noch nie einen so stillen Menschen gesehn, geschweige einen, der zugleich so vielwissend aussah, ja so — kostbar innerlich.

Der große Chalybäus erzählte tönend von seinem Besuch, einem Bekannten von „old times“, einem Schauspieler, der jetzt für den Film mime.

„Alte Erinnerungen,“ sagte er, „fünfzig Erinnerungen, die schleppt so ein Mensch in seinen Taschen daher und merkts nicht. Auch ich war ein Mime im lockigen Haar,“ sagte er. „Er zieht sie mit dem Schnupftuch heraus, daß sie wie eine Mottenwolke aufflattern, er schneuzt sich in sie, er schenkt sie in sein Glas, er verschenkt sie gra—ties! Er braucht sie nicht, ein Mensch, der lebt, was braucht der Erinnerungen, ich aber muß danach schnappen, ich lebe nicht, ich zehre, ich habe meine Zeit versäumt.“