„Wieso?“ fragte der Herzog.

„O Durchlaucht dürfen nicht glauben, daß ich je Ihre Güte zu unterschätzen vermöchte! Ja, ich lebe auch hier, habe Amt, nehme Anteil an tausend Dingen, aber — der hat nie auf den Brettern gestanden, der sie jemals vergessen konnte, wie der Matrose seinen breiten Gang beibehält — ah Durchlaucht, jene Bretter sind schwankender als die einer Brigg, die sich im Seegang um Kap Horn herumwirft.“ Der große Chalybäus war wundervoll im Fahrwasser. „Ich bin zu spät geboren, Durchlauchten!“ sagte er pompös.

Georg fragte: „Wieso?“

„Durchlaucht, Sie kennen mein Unglück. Ich verlor meine Stimme.“ Er räusperte sich, dankbar lächelnd mehrmals mit dem Kopf nickend, da er Georg ungläubig dreinblicken sah. „Ah Durchlaucht, Sie hören mich reden und bezweifeln meine Worte. Dies sind beschämende Überbleibsel. Einst hätten Sie mich hören sollen, einst, als ich Tasso spielte, Tasso! und den göttlichen Posa. Ich darf mich ja nun rühmen, des Verlorenen darf man sich rühmen, und meine Stimme war ein Donner, Georg, ein Donner! Ach, was ist sie jetzt! Aber hören Sie, was ich sagen wollte — ich war auch ein Mime. Mitterwurzer sah ich in der Loge sitzen und weinen, wenn ich seine Rollen spielte, aber was half mir diese Gabe, als die Stimme brach! Jetzt könnte ich sie verwenden, jetzt spielt man ohne Worte, Herr Herzog, jetzt hat man den Kinematographen. Ich aber bin alt geworden ...“

Magda, wie früher auch in Verlegenheit bei den väterlichen Rodomontaden, stand sacht auf, flüsterte Georg zu, daß sie ihr Reitkleid anziehn und die Pferde bestellen wolle, und entlief, die Terrasse hinunter. Ihr Vater unterbrach sich, sah ihr träumerisch nach, murmelte: „Wie eine Elfe!“ und fuhr fort:

„Le théatre est mort, vive le cinéma! Man spielt nicht mehr zwischen pappenen Kulissen, kaschierten Möbeln, flatternden Türen, gemalten Bäumen und vor dem Souffleurkasten, sondern draußen in der herrlichen Gottesnatur! Die Anforderungen der Phantasie wurden ungeheure und sublime —“

Der Herzog fand und forderte den Maler zur Beistimmung auf, die Phantasie sei ein unseliger Greis geworden, den man zur Lust reizen müsse wie den König von Münster weiland.

Dies wollte der Chalybäus dahingestellt sein lassen, die Hauptsache bleibe: Alles muß echt sein. „Wirklich muß es sein, freie Natur, echter, windiger Wald, natürliche Zimmer und Pferde, vor allem Pferde. Ach, wer möchte nicht einmal drei Millionen Schimmel sehn! Die ganze Welt, sehn Sie her, ist zur Bühne geworden, Entfernungen? Wie? Der Raum schrumpft, der D-Zug bringt den Schauspieler an jeden verlangten Ort, Hotelvestibüle wechseln mit Ozeandampferpromenadendecks, Hafeneinfahrten, Freiheitsstatue und Spreewaldlandschaften. Das Büro eines Rechtsanwalts verwandelt sich, schneller als ich die Hand umdrehe, in diese Terrasse, diese Treppen hinunter treten wir in ein Warenhaus, Segelschiffe ziehn übers Meer, durch den Tubus eines Leuchtturmwächters gesehn, der Spielsaal von Monte-Carlo, Zypressen, Vesuv, das Zimmer einer Kokotte, Karlshorst vor den Tribünen, die Kulissen eines Va— — also die Steepler fliegen vorüber, alles, alles fliegt, saust, verwandelt sich, reißt ab, setzt meilenfern an und ist in atemlosem Endspurt vorbeigerast, abgewickelt, siebenhundert Meter Film in zehn Minuten — es muß eine Lust sein, darin zu leben!“

„Und das Ganze ist denn wie an die Wand gepißt,“ sagte der Herzog mit Nachdruck, fügte jedoch begütigend hinzu, daß er Chalybäus ja gern entbinde; er wolle ihn nicht hindern zu leben. —

Georg schien sein Vater, wie stets, wallensteinischer auszusehn bei einer derartigen Bewegung oder musketiermäßiger, mit dem beweglichen, starken schwarzen Bartzapfen am scharf rasierten Kinn, und er betrachtete gegen das des Malers dies bärtige Gesicht, die kupfrige Haut, die über den schrecklich gesträubten Schnurrbart hängende schiefe Nase, jenes Wahrzeichen der Trassenberge, das er selber entbehren mußte, die kleinen, seltsam glühenden und durchdringenden Augen und das breit und schräge Dach der Stirn; kugelrund der ganze Schädel und voll von Haar, schwarzem, glanzlosem. Beim Maler — freilich — schien alles Innere vor langer Zeit stille geworden, um sich nur zu rühren, wenn er es wünschte; beim Vater schien alles gebändigt, dabei sich wehrend, immerfort bereit, sich frei zu machen. Das war der Unterschied.