„Oh,“ sagte sie jetzt, das offene Gedichtbuch entdeckend, „hast du Gedichte gelesen? Und ich war nicht dabei ...“
Ihr Blick fiel ab, irrte am Boden, da schob sie den linken Fuß im weißen Schuh vor und rief: „Ach, Georg, mein Schuhband ist auf!“
Georg, jeden Zusammenhang glückselig erratend, war froh, für sein dunkles Erröten das lange Bücken beim Zubinden verschieben zu können, als er aber schließlich aufsah, stand die Anna und blickte dem wieder sitzenden al Manach tief und süß in die Augen. War sie nicht eine Teufelin?
Sie fragte al Manach, ob die Gedichte ihm gefallen hätten. — Eins, sagte er, könnte er auswendig, und das wäre herrlich schön. Ja, jedes Wort wäre ganz ausgezeichnet, und wie sie so alle zusammengeraten wären, das sei nun gar fabelhaft. — Jetzt mache er sich lustig über ihn, schalt Georg, er aber widersprach. Da sei Gott vor, er habe sich in seinem ganzen Leben noch niemals lustig gemacht, und Georg sah es ein.
„Ach,“ sagte er, „da fällt mir unser Tischgespräch ein, um von etwas andrem zu reden, — Sie können mich gewiß aufklären über etwas, worüber ...“
„Ja, das kann ich.“
„Reizend!“ lachte Georg bei solch engelhafter Zuversicht. „Wir sprachen nämlich von der Liebe, und Onkel Salm, unser, Annas und mein Kindheitsonkel, Papas Sekretär, war so ungehalten, daß die ganze Literatur bloß von ihr handle, was Papa — und auch ich — wieder für ganz berechtigt hielt, — nur weiß ich im Grunde nicht recht, warum.“
Der al Manach hub an.
„Giebt es denn etwas Andres als Liebe? Zwei Irrtümer, Durchlaucht. Ihr Hintergrund — wäre unser dualistisches Wesen, allein das führt zu weit. Die lesende Bevölkerung nun ist des Glaubens, der Dichter, der ihr etwas erzählen wolle, nehme einen Stoff, tue ihn als Inhalt in eine Form, die er sich herlange, und sie trinke ihn — lesend — wieder heraus. Dem Dichter dagegen handelt es sich um die Form allein, die nicht er hat, sondern von der er weiß, daß sie dem Stoff innewohnt, wie die Wärme etwa in der Kerze. Der Stoffe wiederum giebt es nicht soviel, dieweil sie alle beim Durchforschen in einen Grundstoff übergehen, nämlich das Leid, das die Erde ist. Die Glut endlich, die Flammenkraft, welche den Stoff verzehrt und im Verzehren schmilzt und seine Form herausschmilzt, die ist das Liebesempfinden. Ein Liebesempfinden, das im Daseinsganzen so ist wie das Blut in Ihrem Körper: wo Sie ihn auch ritzen mögen, tritt es hervor; als Kraft und im Wesen einzig, in Erscheinungen tausendfältig, ist es das Ursprüngliche, alles Erfüllende, bei allem Mitwirkende, alles Beherrschende, immer und immer wieder aber am wundervollsten kenntlich, wie die Winternacht am Orion, an den wandellosen Gestalten des Liebenden und der Geliebten.“
Er schien eine Pause zu machen. Georg sah Anna — und es verwunderte ihn — nicht mit Augen an dem redenden Munde haften, sondern still vor ihre Füße niederblicken, mit so gesammelten Zügen jedoch, daß sie ihm so von oben und von der Seite — da sie den Kopf gesenkt hielt — wie zusammengezogen schienen von innerer Gespanntheit.