Al Manach fuhr fort, von neuem, wie ein Zauberkünstler ein meilenlanges Band aus dem Ärmel, den unendlich scheinenden Faden sanft gleitender Rede aus der Brust hervorzuziehen.

„Sie, Durchlaucht, haben alles gelesen, haben daher, wenn Sie ‚die Welt‘, wie man zu sagen pflegt, betrachten, nicht die wirkliche vor sich, sondern die in der Literatur beschriebene, und zwar die Europas. Da leuchtet Ihnen nun die romanische Art oder Form besonders ins Auge, weil sie die der Sensation und Affekte, oder sagen wir, der Schreckungen und Erregtheiten ist, die der Gipfelungen, die theatralische, die in nichts einen so flammenden Ausdruck finden kann als in Liebesleidenschaft. Ja, da ist alles einmalig und abgeschlossen, diesseits nichts noch jenseits, das Leben spült nicht hindurch, sondern fängt damit an und endet. Romeo und Julia; Tristan und Isolde. Ja, wäre der Deutsche aber nicht der große Mannigfaltige? Dann könnte auch ihm die einzige Gestalt des Paolo-und-Francescischen, ewig umschlungen dahinwirbelnden Liebespaares genügen, aber das tut es freilich nicht, denn er weiß, dieser hundertfältige Deutsche, was ich bereits sagte: die Einzigkeit, aber Tausendförmigkeit unserer Liebe. Darum hat er auch die epische Art — wo nicht die lyrische — hat die Ebene, das Schweigen, das Unendliche. Dieser seltsame Hebbel, nicht wahr, dieser Ebenensohn, da mußte er nun seine gesteigerten Ideen in Griechen und Juden verkörpern, wir aber leben ja wohl wie die Menschen des geliebten Theodor Storm, einsam, schweigsam, immer unterdrückend, was uns am feurigsten zur Eröffnung treibt, nicht aufbrausend, sondern alternd, nicht erkämpfend, sondern verzichtend, — und immer geht es weiter, keine Welle erstarrt zur bleibenden Form, es sei denn Erinnerung, — ja, wir sind die Menschen der Erinnerung, das breite Volk, das wie ein Meergreis aus ungeheurer Sage stieg. Nun wächst es in der Ewigkeit langsam und blüht wie die Aloe einmal alle hundert Jahr. Ach, nichts hör ich doch so gern wie die einzigen süßen Zeilen des armen Schlemihl, der ein Deutscher sein wollte und nicht durfte: „Ich denk als Kind mich zurücke — Und schüttle mein greises Haupt ...“

Er schloß verhallend, ein wenig verwirrt, schien es Georg, schon gegen Ende seiner Rede, aber jetzt, während Georg innerlich an die Stelle von der Ebene in Bennos Brief geraten war, hörte er den al Manach wieder sprechen, hörte eine Weile zu und erschrak. Es war ein sinnloses Durcheinander von halben Sätzen und Worten, und er selbst saß schief da, der Kopf hing, die Augen starrten schräg an den Boden, die Lippen bewegten sich unaufhörlich. Anna trat vor und streckte die Arme aus. Er schien dies zu bemerken, fuhr mit einem Ruck in sich zusammen und empor, lallte etwas, sah lächelnd umher und sagte leise und ganz schnell, als ob es eile:

„Es war sehr töricht von mir, Gedichte zu lesen und Verse zu sagen, nun kommt das Zitieren, ja, ich habe das so, es kommt vom Gedächtnis, es ist ein Anfall, ein Katarrh, eine Cholera, es ist nicht so schlimm, es kommt zuweilen, dann will alles wieder heraus, wo soll es auch alles bleiben, bitte, haben Sie wohl ein Lexikon?“

Aussehend, als ob er niesen oder sich übergeben müsse, stand er auf, trat zur Bücherwand, raffte den Vorhang auf, nahm ein großes Buch unten heraus und sagte: „Das Homerlexikon von Seiler-Kapelle für den Schulgebrauch, das ist sehr gut, ich lerne es auswendig, wenden Sie sich später bitte an mich, wenn Sie es verlieren sollten“, und lief zur Tür. Klein, schwarz und geduckt stand er dort einen Augenblick, den Türgriff in der Hand, drehte sich um, kam auf Georg zu, krampfhaft beflissen, ohne aufzuschaun, faßte seinen obersten Westenknopf, und es war, als ob seine Augen aus ihren Höhlen kriechen und dort hinein wollten, während er eilfertig flüsterte:

„Poetische Dunkelheit, daß ichs nicht zu sagen unterlasse, sonst plagt es mich in die Ewigkeit, wird auch von sonst klugen Köpfen häufig mißverstanden, nämlich sie, die wirkliche, ruht hinter den dargestellten Dingen als der mystische Grund, die mißverstandene dagegen ist vor sie gehängt als verwirrender Schleier. Unter poetischer Dunkelheit also verstehe ich die Kunst, ahnen zu lassen, anstatt zu sagen, die Andeutung des Tieferen, Eigentlichen, die Kunst, den Schein zu setzen an Stelle —“

Georg, recht verzweifelt, suchte den Strom zu unterbrechen, indem er sagte: „Natürlich, natürlich, ich verstehe Sie recht gut, nur meine ich, grade das auch erreicht, ich meine bezweckt —“

„Nein, dann haben Sie mich nicht verstanden“, ging es unaufhaltsam weiter. „Sie haben die Absicht gehabt, den Leser im Ungewissen, im Halbklaren zu lassen, ihn selbst erraten zu lassen, was mit Ihren Heiligen geschieht, Sie mochten das nicht deutlich sagen, und das ist das Konfuse, denn das hätten Sie eben grade einfach erzählen sollen, und das wäre hier die Sache selbst gewesen, hinter der Sie das Geheimnis, das Mystische, die Seelenzustände, die Metaphysik, die Symbolik, die poetischen Schauer, die Ahnungen, die Ahnfrau und das Kloster von Sendomir hintenrum, postume, eheu fugaces!“ Er schluchzte jammervoll und schlich, die Knie gekrümmt, mit hängenden Armen und Kopf, das schwere Buch unten an der linken Hand hangen lassend, hinaus.

Magda stand und sah ihm nach. Einen Augenblick später begann sie heftig zu zittern, wandte sich von Georg, der die Arme hob, ab, warf die ihren hoch und gegen den Büchervorhang und legte das Gesicht dagegen. Selbst Bogner saß und betrachtete das bunte Figürchen in seiner Hand überm Tisch auf absonderlich vertiefte Art. Georg drehte sich um, trat an den Schreibtisch und sah hinaus. Niemand sprach.

Auf einmal sah er, zufällig sich überbeugend, den kleinen schwarzen Jason ganz rechts aus der hohen Glastür des Speisesaals im Winkel der Terrasse heraustreten, die Tür sorglich hinter sich schließen und — nicht anders zusammengesunken und hangend als eben durchs Zimmer — über die Steinfliesen zur Treppe und schräge hinunterschlürfen. Wie ein großer Affe sah er aus, ja, so grauenvoll war er, der wie ein zarter Cherub ins Zimmer getreten war, zurückverwandelt worden. Da war er ein Stück in den Rasen hineingelaufen, blieb, als dürfe er das nicht, plötzlich stehn, drehte um, ging zum Wege zurück und mitsamt seinem Schatten im Bogen unter dem Nordflügel her bis ans Ende, wo er um die Ecke verschwand.