Georg hörte Magdas Stimme hinter sich, sehr leise und innig verzweifelt:
„Wie ist das wohl zu verstehn? Als ich vor seinem Bett stand am Mittag, da dacht ich, es wäre ein Kind. Als ich vorhin hereinkam und er mich ansah, das war — als wenn er vor Jahrhunderten schon gelebt hätte ... Und — nun ist es aus ...“
Überdem war Jason die Wendeltreppe heraufgestiegen — Georg hatte seinen Schatten in der Fensterscharte wohl gesehn — und erschien nun, hinter dem ersten Fenster vorüberschleichend, hinter dem zweiten — — Georg atmete auf. Er hatte in sein Zimmer gefunden.
Musik
Georg zerbrach sich vergebens den Kopf, gleichzeitig um zu erfahren, was alles jetzt in Annas Innern vor sich gehn mochte, und etwas zu erfinden, um sie davon abzulösen und zu erleichtern. Alles mögliche kreuzte durch sein Hirn hin und her. Wie dichterisch dieser seltsame Eindringling doch zu Anfang gesprochen hatte und wie lehrhaft am Ende, Bennos Brief und die Worte vom himmeltragenden Atlas, Iris Runges überschlanke Erscheinung im Tanzkleid, Ballgetümmel, und auf einmal der Name Angelika, fern, fremdartig, dann der andre Jason al Manach, diese merkwürdige Mischung von türkisch und griechisch — während er selber doch von sich als Norddeutschem gesprochen hatte —, war es ein Pseudonym? — und jetzt sah er den Umschlag des dicken Romans Jettchen Gebert mit der Biedermeiergestalt der Henriette — ihr Onkel hieß ja doch Jason ... Ja, konnte denn Bogner nicht etwas sagen?
Als Georg endlich wagte, sich umzudrehn, sah er Anna erst gar nicht, dann hinter der Bücherwand einen Streif des lichtgrünen Kleiderrocks; sie war in den Rahmen der Tür zum Schlafzimmer zurückgewichen und blickte unbestimmt auf das Porzellanfigürchen, das Bogner noch immer in der Hand drehte und betrachtete.
Er sah aber jetzt auf, räusperte sich, stellte die Figur nieder, klopfte mit der rechten Hand gegen die Brusttasche und sagte:
„Ich möchte wohl, wenn es Ihnen recht wäre, Ihnen etwas vorlesen.“ Er lächelte. „Keine Gedichte, nein, nur einen —“ er holte seine Brieftasche hervor und schlug sie auf, „— einen Brief.“ Und er nahm einige bläuliche, zusammengelegte Bogen hervor, öffnete, sah hinein und legte sie vor sich.
Magda glitt in die andre Ecke des Sofas neben der Tür, legte die Hände zwischen den Knien zusammen, die Arme fest andrückend, und sagte mit zusammengezogenem Munde leise: „Ach bitte!“
Georg hatte sich kaum in dem Lehnstuhl niedergelassen, als Bogner, Erklärungen augenscheinlich vergessend, zu lesen begann.