„Ich denke oft, für die Menschen, die keine Kunst hervorbringen, sondern nur empfangen können, ist die Musik soviel, wie der Himmel mit Wolken und Sternen, ein Vergleich, den ich heut einmal weiter ausführen möchte.

„Die verschiedenen Künste bauen uns, möcht ich sagen, eine wunderbare Stadt. Architektur natürlich baut die Häuser darin, legt Brücken, Alleen, die Plätze und Kanäle an. Der Bildhauer schmückt die Fassaden, die Plätze mit springenden Brunnen und nackten Statuen, fahrende Sänger ziehn durch die Tore ein und versammeln das Volk auf den Plätzen, in den Theatern dröhnen die Stimmen des tragischen Chors, die Malerei ziert Säle und Gemächer, und es ist Handel und Wandel, Schiffe legen an den Kais an, ein unaufhörliches, fruchtbares und eiferndes Getriebe herrscht, soviel Leben, köstliche Unrast, Genuß, Arbeit und tausend Freuden. Länder dienen der Stadt wie Fürsten, an den fernsten Küsten denkt man an sie, sehnt sich nach ihr, sie ist die Heimat. Sie ist im Ganzen eine richtige Menschenstadt, eine schöne wie Hamburg oder Kopenhagen oder Budapest. Eine Stadt aber ohne Himmel.

„Ach, es giebt keinen Himmel in Berlin, lieber Freund! Jetzt, wo ich ein paar Wochen heraus bin, weiß ich es ganz. Liebster, haben Sie je, wenn Sie in eine kleine Stadt irgendwo tief im Land gewandert waren, Lüneburg oder Braunschweig oder auch Maulbronn, haben Sie auch bemerkt, wie wundervoll es ist, in allen Fenstern den verdunkelten Widerschein des Himmels mit den Wolken zu sehn, entzückend, wie sie sich durch die Gardinen bewegen? weil die Häuser niedrig sind, die Straßen breiter scheinen. Und über allen Dächern sehn wir ihn ja stehn, den Himmel, und die Wolken sieht man, ohne erst den Kopf danach verdrehen zu müssen. Und bei Nacht, die kein Lichtergewimmel zu einem lügnerischen Tage macht, hat man in den Bäumen seines Gartens die wirklichen Sterne, die im Gezweige stehn und einem so gut gehören wie der liebe Baum. Dann geht man nur auf die Straße, so steht der Sternenhimmel mit allen vier Ecken auf der Erde — das ist die einzig wunderbare Kuppel der Musik, der göttliche Bau in ewig unbegreiflichen, in unbegreiflich ewigen Gesetzen.

„In einer solchen Stadt atmet sichs! Das Bewußtsein, daß der Himmel da ist, erwärmt das Blut, wir werden leicht. Ach, ich habe nie begriffen, was Kant damit will: die Gestirne über sich und — —. Nun, was kann da noch für irgendein Und kommen, wenn er schon das über sich hat!

„Schön, schön ist ja auch das Andre, Bilder — weiß ichs nicht, mein Freund? —, die uns nur staunen lassen, daß ein Mensch dies gemacht hat, aber dennoch meine ich — zürnen Sie mir nicht, es ist ja doch nur Armut, die das meint — die Musik macht uns schweben. Nicht schweben, es ist mehr, es ist — — denken Sie einmal an das, was sogar Sie rührte, an die ersten, aus der Ewigkeit fallenden Tropfen der letzten Symphonie! — sie sind ja wie der Beginn der Schöpfung. Nicht das: Es werde Licht! nein, viel früher, das erste, verträumte Aufwachen Gottes aus dem langen Schlaf, in dem er alles träumte, was werden sollte. Denken Sie daran, und sogar Sie werden fühlen: es ist, als ob die Erde unter uns wegsinkt, als würde der Boden sanft unter uns —“

„Ja, ja, um Gottes willen!“ schrie Magda auf, sich vorwerfend, „so wars! so war es, als wir flogen, ich konnt es ja nicht beschreiben! Bitte, lesen Sie weiter!“

„— als würde der Boden sanft unter uns, es weicht und giebt sich uns zugleich hin wie ein Frühling, es ist, als ob die alte harte Erde die Anziehungskraft leise wegnähme, so daß wir leicht werden wie die Tauben, als hätten wir Luft um alle Glieder gehüllt, und wir denken doch nicht an Fliegen, eher wir sinken, und alles, alles schmilzt.“

Magda saß mit gefalteten Händen, tief atmend, mit den Augen erregte Kreise ziehend auf der Platte des Tisches.

„Die beseligende Leichtigkeit verbreitet wunderbare Heiterkeit, in Unendlichkeit mögen Gut und Böse liegen und alle moralischen Begriffe, wir sehn unter uns ewige Länder in der Tiefe hinschwimmen, die schöne Stadt vielleicht in der Sonne, mit wandelnden Wolkenschatten bedeckt, das blaue Meer in Meilentiefe mit winzigen Segeln, bald nur noch marmornes Blau und der Gesang der Engel, die in Scharen durch alle Fernen ziehn.

„Verstehen Sie mich, lieber Freund: unendlichen Reichtum geben uns alle Künste, doch ist er noch schwer; wir müssen ihn tragen, wie der Herbst, wie alles Irdische getragen sein will. Der Himmel läßt sich nicht tragen, er hebt, er trägt uns. Leicht sein ist alles.“