„Wie das zugegangen war, klärte sich eigentümlich auf. Ein Augenzeuge des Unfalls war ein Bekannter des Hauses. Er hatte, besonders von weitem, eine gewisse Ähnlichkeit mit mir in Gang und Haltung. Judith war kurzsichtig. Nun hatte dieser Herr Judith an einer Straßenkreuzung auf dem jenseitigen Gehsteig herankommen sehn — zwischen ihrer und meiner Wohnung. Er hatte gesehn, daß sie ihn bemerkte und ihm lebhaft zuwinkte, was ihn verwunderte — es galt aber mir —, und sie war dann, ohne achtzugeben, über den Damm gelaufen und von einer Straßenbahn zu Boden geschleudert.
„Sie konnte noch ein paar Tage leben. Am Morgen des folgenden Tages kam sie zu Bewußtsein, sprach mit ihrem Vater, schickte ihn hinaus und blieb mit mir allein. Sie wußte, wie es mit ihr stand, und sprach ruhig davon. Ich habe Papa beauftragt, dafür zu sorgen, daß du nie wieder Mangel leidest, sagte sie. Es fiel uns nicht auf, daß sie mich du nannte. Dann kam ein Augenblick der Schwäche, wo sie die Hand über die Augen legte, etwas weinte und gestand, das Sterben sei so bitter. Nun sterbe ich aber doch durch eine gute Torheit, sagte sie, ich, die ich so viel nichtsnutzige Klugheiten konnte. Um deinetwillen bin ich auf einen fremden Menschen zugelaufen, aber wir laufen immer auf fremde Menschen zu, und dann liegen wir unter den Rädern. Sonderbar geht es zu im Leben ... Und sie fand es sehr gut, daß ich noch viel törichter gewesen sei und nicht gemerkt hatte, daß eine Frau einen Mann über alles lieben muß, für den sie das tut, was sie für mich getan hatte. Sie wußte alles, und alles —“ Bogner lächelte fremdartig vor sich hin — „alles konnte sie ausdrücken wie der al Manach. — —
„Was sie sonst sagte, war nur für mich.
„Nun fragte sie nach ihrem Bilde. Als ich sagte, es sei unterlegt, verlangte sie, daß ich es fertig machte. Sie wollte vor ihrem Tode noch wissen, sagte sie, daß doch ein Hauch von ihr hier oben bliebe, wo es hell und warm sei. — Ihr Schlafzimmer war groß und licht, das Bild wurde hereingeschafft, ich fing auch gleich an ...
„Aber vorwärts kam ich nicht. Das Fenster war offen, ich hörte die Bienen und Käfer unter den Kronen der Bäume summen und konnte nichts sehn, bis ich fühlte, wie die Zeit fortrann. Vom Bett her hörte ich sie mehrmals etwas sagen, — ich sollte doch rauchen, sonst würde es wohl nie etwas werden. So ward es denn alltäglicher.
„Sie starb, aber daran durfte nicht gedacht werden. Nicht gedacht, das ist es. Aber das Sterben war im Zimmer, es war in meinen Augen und meiner Hand, und es ist auf die Leinwand gekommen, und — und so sieht es nun aus. — —
„Die Nacht wurde schlimm, nun — alles das braucht nicht gesagt zu werden. Ich begann zu malen am andern Morgen, als sie noch schlief, malte bis zum Nachmittag, und dann wurde ich lahm. Nur ihr Gesicht fehlte. Ich konnte es nicht mehr finden. Das war schlimm.
„Sie selbst war schon sehr verändert, ihr Gesicht sah kindlicher aus und ganz klein, die Augen wollten sich nicht mehr öffnen. Nebenan hörte ich ihren Vater über den Teppichen auf und ab laufen. Wenn ich ihr Gesicht in der Dämmrung hinter den Bambusrohren und fliegenden Reihern ihres japanischen Wandschirms betrachtete, konnte ich sehn, wie das Leben gleich dünnen Schalen davon weggenommen wurde. Als sollte überhaupt nichts übrigbleiben. Einmal faßte ich mir ein Herz und redete sie an, in der Hoffnung, sie möchte noch einmal die Augen öffnen, aber sie konnte nicht. Die Zeit verging, und dann half es ja nichts, ich ging zur Staffelei und öffnete ihre Augen.
„Das wurde es, was Sie da sehn. Sie ist es nicht. Ich weiß nicht, was es ist. Es ist das, was ich gemacht habe.
„Gegen Abend wars fertig. Ich trug es in die Nähe ihres Bettes, sie erwachte, sagte, es sei so bunt, — und schlief noch einmal für eine Stunde ein.