„Nein, Sie können mir natürlich nicht helfen. O wie traurig das macht, nicht zu wissen, was gut für uns sein wird! Wissen Sie, was mein Leben bisher gewesen ist? Gut war es, reich, liebevoll und angefüllt mit tausend schönen Dingen. Klingt es nicht lächerlich, zu sagen, daß ich oft sehr unglücklich bin und darbe? Mein Leben ist wie ein blaues Wässerlein hingeflossen, wohin rinnt es? Muß es nicht irgendwo hinlaufen, all seine kleinen Schätze zusammenraffen und sagen: Da!? — Niemals wird es das können. Ich habe ja nichts, ich habe alles ja nur für mich, es bleibt in mir und bringt weiter nichts hervor. Das bißchen Gutsein mit Uto (das bin ich) meinen Sie, das gilt? Nichts kann ich ordentlich. Ein bißchen zeichnen, ein bißchen malen, ein bißchen schreiben und ein bißchen Klavier spielen. Dafür weiß ich freilich entsetzlich viel, was hilft mir das? Ich bin doch eine Frau, und die will, was sie auch habe, immer nur drei Dinge, das Allereinfachste: einen Menschen liebhaben, für ihn sorgen — da hab ich ja nun Uto — und so viel Kinder haben, wie sie kriegen kann. Ich werde niemals Kinder haben können, weil ich als Mädchen einmal krank gewesen bin und operiert werden mußte. So hab ich denn mein Leben nur für mich allein. Mit keinem andern Leben kann ich es verbinden und weitergeben, ich kann hier nicht bleiben, wenn meine Zeit um ist, ich gehe ganz fort, wie ich allein gewesen bin. Nur die Erinnerung bleibt vielleicht eine Weile.

„Hier,“ sagte der Maler, „legte ich damals den Brief fort. Ich hatte inzwischen das Bild dort angefangen und saß davor, als ich den Brief las, und an dieser Stelle fing ich wieder an zu malen, als ob irgend etwas mich antriebe, fertigzumachen. Ich arbeitete auch einige Tage, mußte aber wieder aufhören, weil ...“

Er unterbrach sich: „Ich will eben zu Ende lesen.“

„Nun, schreibt sie, bin ich also bei diesem Briefe aus Afrika angelangt. Mein Vater ist ja so reich, daß schon früher, so unglaublich es scheint, Leute gekommen sind, die mich mit in Kauf nehmen wollten. Als Juden waren sie aber patriarchalisch gesinnt, wollten also Erben haben, und wenn mein Vater ihnen in meinem Auftrage sagte, daß sie darauf bei mir nicht zu hoffen hätten, gingen sie wieder. Ich glaube auch, daß kein ordentlicher Mann, der eben nicht eine Frau über alles liebt, sie heiraten wird bei der Gewißheit, daß die Ehe kinderlos bleiben wird. Nur dieser Christ hier ist standhaft geblieben. Er ist ein guter, ernster, tüchtiger Mensch, er teilt auch meine Neigungen in seiner Art, wir würden uns gewiß vertragen.

„Denken Sie, mein guter Junge, das ist nun das erstemal, daß man mich vor einen Entschluß gestellt hat. Ja, und hier, wo es einmal aufs Leben ankommt, habe ich also nichts gelernt. Was werde ich ihm schreiben? Noch nie habe ich einem Menschen etwas geschrieben, das ihn traurig machen konnte. Es muß aber wohl sein ... Nun und so weiter.“

Der Maler faltete den Brief, steckte ihn ein und schwieg.

Überdem ward Georg inne, daß seine Gedanken, wie seine Augen, schon seit geraumer Zeit an Anna hafteten. Ob sie wohl ganz verstand, was der Maler gelesen hatte, ob sie es empfunden hatte? — Er sah ihren am Boden stehenden linken Fuß im weißen Schuh und das sichtbare Stück des sanft gerundeten weißen Beins, wie es im hellen Schatten des Rockes verschwand, und er fröstelte leicht, auf einmal, da seine Augen höher gingen, im Unsichtbaren, denn er konnte sich keine rechte Vorstellung machen von dem Bein und seiner Bekleidung, nur daß dort alles süß und süßer und atembeklemmend wurde, empfand er. Abgleitend, verwirrt, sah er mit kälterem Schauder ihr liebliches Gesicht, gesenkt, Schatten der Lider unter den unsichtbaren Augen, den blassen, zarten Mund und das seltsam lebendige Haar, in dem ein Hauch, ein Gold und ein Wesen war, das Sehnsucht erregte, das es so anders machte als jedes andre Haar, als sein eignes vor allem, dergestalt daß es sinnlos schien, es mit ein und demselben Namen zu nennen. War nicht — ja, war nicht seines nur gewachsen, um den Kopf zu bedecken, — aber das ihre war Verlockung über und über. Seine Haut im Nacken krauste sich, es durchloderte ihn, sie an sich zu drücken, ganz und gar, ihren Leib zusammenzudrücken, alles zu wissen, alles ... Und sie? dachte er, dies abschüttelnd. Ach, was dachte sie, was dachte sie nun? Flog sie vielleicht — nur scheinbar, nur mit ihrer Haltung lauschend — über Meer und Inseln, Wolken zu, von Wolken beschattet, unbegreiflich hoch über der festen Erde? Dachte sie an ihn? fühlte sie ihn? —

Magda hob langsam die Lider, langsam das Gesicht, und plötzlich waren da ihre Augen, dunkel und fremd, auf ihn gerichtet — und dann lächelte sie — und wurde wieder ernst — und jetzt — jetzt errötete sie ganz langsam, aber immer tiefer ...

Georg hörte die Stimme des Malers, zwang sich fortzusehn und zu hören, erinnerte sich der Judith, sah einen fernen, unbestimmten Frauenkopf in einer Dämmrung, — was hatte sie geschrieben? „... mich in Kauf nehmen wollten, so unglaublich es scheint ...“ O, das war hart wie eine Stahlfeder! — Der Maler sagte:

„Nun also das Ende. Ende September ... So, ich muß erst noch sagen, daß ich inzwischen ein Atelier in der Nähe von Judiths Wohnung bezogen hatte. Ende September also schrieb sie mir den Tag ihrer Ankunft aus München. Am Tage vor dem für ihr Kommen angesetzten wurde ich durch einen Boten zu ihr gerufen. Sie war schon da, war zwei Tage eher gekommen. Nun war ein Unglück geschehn, sie war überfahren worden, sie lag im Sterben.