„Nun bekam sie mich, wie einen Sohn, gewiß. Sie war ein weiblicher Hieronymus. Das dacht ich oft, wenn ich in ihr Zimmer kam, abends, wenn sie bei der Stehlampe saß, umschlossen von den beschatteten Wänden hoher Bücherregale. Ihr Leben war ohne Schmerz und ohne Sorge verlaufen, nie hatte es fremde Willkür gelenkt, sondern väterliche Zartheit und die eigne klare Absicht. Sie liebte es wie ein hübsches Kunstwerk, und sie haßte es, weil es unfruchtbar sei. Eine Zeitlang täuschte ich sie darüber hinweg, ich meine, es tröstete sie, mir geben zu können. Dann wurde sie mißtrauisch und fing davon zu reden an, daß ich über kurz oder lang meiner Wege gehn werde. Das war richtig, daran war nichts zu ändern. Der Tag mußte kommen, wo sie mir alles gegeben hatte. Sie hatte ja nur Wissen für mich. Freilich auch Güte, wie Mütter, aber immer wollen die Söhne allein gehn und suchen sich ihre Wege.
„Nun, vorläufig lebten wir miteinander wie Pallas Athene und Odysseus, und wenn sie einmal schlechte Reden führte, versprach ich ihr, sie zu malen als jenes Mädchen, das der Dulder im Phäakenlande am Brunnen traf und das ihm den Weg zeigte. Es war ein schöner Abend in den Wiesen, und sie trug den vollen Krug auf der Achsel, gab ihm zu trinken und wies ihm den Weg in die Stadt und zu den Männern, die ihn heimbrachten. — Ja, so wäre es, sagte sie, sie könnte mir den Weg nach Hause zeigen, aber sie käme nicht hinein.
„Ach, Kinder, sie war gut, sie war gut. Sie war bescheiden, sie lehrte mich und ließ es mich nicht merken, sie wußte es immer so darzustellen, als ob sie beschenkt würde, als ob sie alles erst durch mich recht von Grunde kennenlernte. Ich erinnere mich an schöne Abende bei der Lampe. Schon als Junge hatte ich Silhouettenschneiden geliebt, und sie stellte mir Aufgaben. Sie trennte beliebige Stücke, große und kleine, aus dem schwarzen Bogen, dachte sich etwas aus, und dann mußte ich es herausschneiden, damit ich lernte den Raum ausnutzen wie ein Japaner.
„Nun das Malen ...“
Bogner war still. Er schien nachzudenken; auf einmal holte er, vor sich hinblickend, seine Pfeife aus der Tasche, dazu einen Beutel aus rotem Gummi, stopfte sie langsam, tat den Beutel fort, nahm Streichhölzer und rauchte. Schließlich fing er an:
„Also ich wollte sie malen ...“
Georg kam es vor, als ob er etwas ganz andres, das er sich unterweil im stillen vorgesagt und das von ihm selber und der Malkunst handelte, verschwiege.
„Als wir eines Tages“, sagte er, „am geöffneten Fenster saßen — sie hatte einen Arm auf der Fensterbank und sprach zu mir ins Zimmer hinein und dann wieder zum Fenster hinaus —, hielt sie auf einmal inne und sagte: Da! indem sie den Kopf wandte, nach oben, so wie dort. Ich sah aber nur den Schatten des Schmetterlings auf der Fensterbank, ihn selber erst später, wie er im Garten herumschaukelte, ein weißes Stückchen. Ich weiß nun nicht, wie sehr ihr Wesen in dem gewesen sein muß, was sie grade sagte, so daß es dann plötzlich ganz in diese Bewegung hineinschlug, mit der sie sich unterbrach. Jedenfalls — dies blieb aber hängen, nur wurde lange Zeit gar nichts daraus. Es kam der Sommer, der zweite, seit wir uns kannten. Judith verreiste, sie mußte eine erkrankte Schwester ihres Vaters nach der Riviera bringen. Ich war einige Wochen auf Sylt, aber lange vor ihr wieder in Berlin.“
Der Maler hatte ein paar neue Briefbogen hervorgenommen. „In jener Zeit“, sagte er, „bekam ich den Brief, den ich Ihnen vorlas, und unter andern auch den folgenden:
„Heute möchte ich einen Rat von Ihnen, lieber Freund. Das heißt, es wird wohl darauf hinauskommen, daß ich mir Rat schreibe, statt ihn zu bekommen. Ich habe einen Brief erhalten von einem Mann in Transvaal, der mich zur Frau haben will. Schon vor einem Jahr, als er fortging, fragte er an, ich habe aber um Bedenkzeit gebeten bis jetzt. Er schreibt nun, seine Aufgabe — er ist Ingenieur — sei beendet, er habe es in der Hand, nach Europa zurückzukehren oder einen Bau in einem andern Weltteil zu leiten, was er von mir abhängig macht. Was schreibe ich ihm?