„Ihren Charakter kennen Sie ein wenig aus dem Brief. Sie hatte alles mögliche studiert, Kunstgeschichte, Bibliothekswissenschaft, Literatur, auch Sozialistisches, und Musik. Immer hörte sie Vorträge und Vorlesungen. Ins Theater ging sie nicht, außer zur großen Oper. Sie haßte das Theater. Sie haßte stark, zu lieben hatte sie nie viel. Dann wurde sie weicher, später. Ihr Verstand war unmäßig scharf, sie sagte nie etwas Unlogisches, im Gespräch blieb sie bei der Stange wie ein Mann, ihr Geist wurde durch nichts Weibliches beeinträchtigt. Oder gemildert. Sie war unweiblich. Zum Beispiel las sie nie Aufsätze und dergleichen, was über etwas handelt. Sie haßte Briefsammlungen und Biographien. Das läsen die Menschen nur aus einem idealischen Klatschbedürfnis. Ein Künstler war für sie kein Mensch. Der Mann ist tot, sagte sie, ihm ist nicht mehr zu helfen. Sein Leben war natürlich schwer, alle sind schwer, und großes Wachstum will harte Arbeit. Aber die innern Kämpfe waren schwerer als die äußern, sagte sie, und die lerne ich aus den Werken besser kennen, wo Schönheit und Klarheit daraus geworden ist. So etwas klang aber sanfter, wenn sie es sagte. Sie hatte eine schöne, melodische und tiefe Stimme. Am liebsten waren ihr Radierungen, Stiche, Schwarzweißsachen und Holzschnitte, in die sie sich mit der Lupe stundenlang, unermüdlich vertiefte. Dann die Japaner, die festen, gesparten Linien und die genährten, unumstößlichen Farben. Über einen schwarzen Flecken, ein schwarzes Kleid mitten in einer Teehausszene von Hieroshige oder Utamaro geriet sie außer sich vor Wonnen. Dann war sie wohl wie ein Kind, ganz ausgelassen. Sie beherrschte alle Fachausdrücke, sah einer Radierung von Vogeler an, der wievielte Abzug es sei, und einem Buch, wer die Type gezeichnet hatte. Ihre Kleider machte eine Schneiderin, und sie saßen, das war alles. Mit sich selbst wußte sie nichts anzufangen. Ihr Gehaben war so weiblich, wie der Verstand männisch. Sie war launisch, oft mißgelaunt, überschwänglich bald und bald kalt. Vor allem aber wußte sie selber immer und jeden Augenblick, wie sie war und was sie war, also, was sie nicht war. Immer sah sie sich im Spiegel und gefiel sich durchaus nicht. Von sich selber beobachtet Tag und Nacht, alles verstehend, alles zersetzend, auflösend, immer unzufrieden mit sich selbst, weil alles in Fetzen ging, zu weiblich, um es sammeln zu können, immer das Fehlende, das Negative sehend, sich selbst verachtend und doch sich selber liebend — das Leben ist ihr eine böse Qual gewesen.“

Bogner schwieg. Georg, ins Hören emsig verloren, die Augen auf den Wandstreifen zwischen den beiden Klavieren rechts geheftet, sah dort undeutlich die Gestalt der Fremden erscheinen; wie ihm schien, war es ein Samtkleid, was sie anhatte und das ihm sonderlicherweise deutlicher war als ihr Gesicht, denn da störten ihn die hellen Farben und die Undeutlichkeit der Züge auf dem Bilde. Die langsamen Worte des Malers, der eine Pause ließ hinter jedem seiner kurzen Sätze, banden ihn seltsam. Nun, da er schwieg, seinen Bleistift wieder aus der Westentasche holte und darauf niedersah, wie er ihn vorm Schoß in seiner Hülse hin und her schob, merkte Georg, daß er sprach, wie wenn er malte oder zeichnete: eine Linie zog — und einen Bogen daran setzte, eine andre Linie an ganz andrer Stelle des Blattes, und ganz von unten herauf eine dritte, langsam hin und her gebogene, und plötzlich alle drei noch zusammenhanglosen und unkenntlichen zusammengriff mit einer vierten, und absonderlich war aus drei und vier Unverständlichkeiten eine Klarheit, ein Bild und ein Sinn geworden; ja, ein Gesicht — auf einen Augenblitz erschien es Georg in seiner dunklen Abgeschlossenheit — ein Leben, Blick und Gebärde, und Erinnerung schon, Gewordensein und Vergangenheit. Georg sah deutlich das Blatt, auf dem der Maler zeichnete; es lag auf seinem rechten Knie, er sah darauf nieder und sprach und zeichnete gleichzeitig, und das war nun merkwürdig, daß seine Worte und seine Zeichnung aneinander hinliefen, unverbunden ... Georg, da der Maler noch immer schwieg, hätte gern den Mund geöffnet und gesagt, wenn er es hätte sagen können, wie ihm soeben klar geworden sei, daß alles Gedachte, aller Sinn gar nicht in den Worten bestehe, in denen er gefaßt wurde, sondern ganz fern dahinter sich selbst gestalte — denn diese Wahrnehmung schien ihm bedeutsam zu dem zu passen, was er vor Stunden mit dem Maler gesprochen hatte, weil das Bild, das der Maler im Innern hatte, und das, welches Georg sich selber herstellte aus des Malers Worten, gewiß einander ungemein fremd waren, lose zusammenhangend, o so lose nur in der Schilderung ...

In diesem Augenblick hob Bogner das Gesicht, sein Blick traf auf Georgs Gesicht von ferne, glitt wie von einer leeren Fläche davon ab und zu dem Gemälde überm Harmonium, wo er einen Augenblick anhielt, und der Maler sprach weiter.

„Nun muß ich sagen, wie ich sie kennenlernte. Irgendwie war ich von Paris nach Berlin verschlagen — so — mein Vater war Sanitätsrat und ist es wohl noch; ich mußte mit siebzehn Jahren das Haus verlassen. Ein Freund unterstützte mich eine Weile, nun — das tut nichts zur Sache, jedenfalls — — es kam jener Winter in Berlin, wo ich Schnee geschippt habe. Ein gefallenes Pferd, dem wir aufhalfen, warf mich gegen einen Laternenpfahl. Mit Frühlingsanfang kam ich aus der Klinik und hatte nun nichts mehr. Nun ... Nun war ich sehr schwach, irgendwie vergingen noch ein paar Tage, an die ich mich nicht erinnern kann. Eines Tages bekam ich auf einer Bank im Tiergarten einen Schwächeanfall, und als ich erwachte, hatte ich zwei Taler in der Tasche. Der eine reichte eine Zeitlang für Essen, für den andern gab ich eine Anzeige auf, ganz dumm, eine Heiratsannonce. Junger Künstler, dicht am Verhungern. Wie man so ist. Ich bekam drei Briefe. Einer war Ulk, in einem war ein Hundertmarkschein, den dritten bringe ich wohl noch zusammen ... Ihre Annonce im Anzeiger ist so eigenartig, daß ich nicht weiß, ob ich mehr über sie staune oder über mich, die sie beantwortet. Sollte sie die Wahrheit enthalten, so scheint mir Eile das Notwendigste zu sein, das heißt, Ihnen muß geholfen werden. Ich bitte Sie deshalb, mir zu schreiben ... hier kam ein Postamt und eine Chiffre ... wo ich Sie kennenlernen kann. Drunten standen die Initialen Jot O und eine Nachschrift: Vielleicht eilt es wirklich, ich werde deshalb morgen vormittag um elf Uhr in der Nähe des Luisendenkmals im Tiergarten sein. Ich zweifle nicht, daß wir uns erkennen werden.

„Sie erkennen Judith Österreicher. Ich war ja nun ein Stockfisch, ich wollte mir nicht helfen lassen, ich wollte heiraten und das Vermögen der Frau mit Ruhm bezahlen, und nun hatte ich doch hundert Mark. Aber ich ging hin. Sie hatte ein braunes Samtkleid an, und ich erkannte sie gleich. Sie stand, auf ihren Sonnenschirm gestützt, vor einem Rhododendrongebüsch mit dicken Knospen. Welches Mädchen stellt sich wohl auf, wenn es bei einem Stelldichein wartet! Nun ging ich auf sie zu, nahm den Hut ab und sagte steif, ich wäre es, es wäre aber ein Irrtum, und ich wollte nun nicht mehr heiraten, wobei sie mich entgeistert anstarrte. Sie können sich ja vielleicht vorstellen, wie ich ausgesehn haben mag. Dann wurde sie aber wütend und sagte, ich sollte sofort still sein, sonst liefen die Leute zusammen, packte mich beim Schlafittchen, zog mich in eine Allee und fing an, dergestalt auf mich einzureden, daß ich weinte. Da tröstete sie mich.

„Ihr Vater war reich und sehr kunstliebend, ein kleiner, dicker, jüdischer Mann mit einer schönen hohen Stirn und schwermütigen Augen. Er besaß eine kleine Galerie mit damals unbeachteten Sachen von Leibl, Schuch und Hagemeister. Nun wurde mir ein Atelier eingerichtet, und sie erzog mich. Immer hatte ich übers Handwerk gegrübelt, über die neuen Wege, wie man tut, wenn man ganz jung ist. Nun bekam ich Bücher zu lesen, mußte meine Meinung von ihnen ausformen, womöglich schriftlich, wurde im allgemeinen wie ein Genesender und im besondern wie ein gutes Kind behandelt, das durch Krankheit geistig zurückgeblieben ist.

„Sie war nur gütig zu mir, hartnäckig im Verfolgen ihres Planes, aber milde und freundlich. Sie lehrte mich Erfahrungen erkennen und schrieb jeden Tag das große Warum auf die Tafel. Schwerfällig war ich sehr, ich konnte begreifen, aber nur langsam. Was ich dann hatte, hielt ich fest. Zum Beispiel Manieren, daraus machte ich mir gar nichts, aber sie bewies mir, daß jede einen kleinen feinen Sinn hatte, und das gefiel mir. Gemalt hab ich lange Zeit gar nicht. Also ich wurde gereinigt, gelüftet, leer geblasen und ordentlich ‚renoviert‘. Judith durchschaute mich vollständig, und alles, was sie tat, war richtig. So bin ich wohl einigermaßen ein Mensch geworden.

„Nun ... Nun, das übrige ist gleichgültig.

„Nun der Schluß.

„Ich weiß nicht, wer von uns dem Andern damals mehr gewesen ist. Da ich weniger war, werde ich ihr wohl mehr gewesen sein. Dies ist so. Früher war sie ein Mädchen gewesen, ihr Vater war ihr alles, hatte sie unterrichtet, erzogen und gebildet, sie hatte nie einen andern Freund gehabt als ihn. Ihm zuliebe wahrte sie die alten Gebräuche und liebte sie. An den Freitag Abenden brannten die Kerzen, lag das weiße Brot unter der roten Samtdecke, das Glas Wein ging herum, und ich habe keinen Freitag erlebt, an dem sie nicht zu Hause gewesen wäre.