Magda spielte eine kleine halbe Stunde mit geringen Pausen zwischen den einzelnen, sehr einfachen alten Stücken. Endlich nahm sie die Hände von den Tasten, und eine Weile herrschte Stille. Fern wurde eine Tür geschlossen.

Georg, Annas Augen folgend, die zu dem Bilde über ihr emporblickten, fragte, in unbestimmte Gedanken verloren, zum Maler hinüber:

„Warum sind Sie eigentlich nicht musikalisch?“

Eine törichte Frage! — Allein der Maler öffnete nach einer Weile den Mund und gab, ebenfalls zu seinem Bilde schauend, eine ganz richtige Antwort.

„Sie“, sagte er, „hat mich einmal genau so gefragt. Ich wußte es natürlich nicht, aber sie hat es mir dann selbst erklärt. Ich wäre zentripetal, sagte sie, und das wären alle Dichter. Die Musik und die Tondichter dagegen wären zentrifugal (Zentrifugalisch, verbesserte Georg im stillen.) Nämlich die andern Künste drängten den Menschen auf seinen Kern zusammen, die Musik dagegen löste auf. Sie fand es ja nun schön, daß ich unmusikalisch bin. Es wäre so reinlich, sagte sie. Dann klagte sie über sich selbst, daß sie von allen Künsten was verstehe, aber von keiner was Rechtes, und keine ausüben könne, abgesehn von ihrem bißchen Klavierspiel. Ihre Fertigkeit war ja nun glänzend, aber ihr Spiel ließ kalt. Die Leute sagten, es wäre sehr geistreich, aber sie hätte kein Gefühl. Sie hatte schon Gefühl, aber sie konnte es nicht anbringen, das wars.“

Bogner legte langsam ein Bein über das andre, faltete die Hände und stützte einen Ellbogen auf den Klavierdeckel, doch erwies sich der als zu hoch, da das alte Klavier bis vorn geschlossen war; er öffnete es, legte den Deckel leise zurück und nun den Ellbogen auf den vorderen Rand vor die vergilbten Tasten.

„Sah sie so aus wie auf diesem Bilde?“ fragte Magda, die sich mit dem Drehsessel umgewandt hatte.

Nein, die Ähnlichkeit wäre sehr gering, entgegnete der Maler zerstreut.

Eine Minute verging mit Schweigen. Im Augenblick dann, wo Georg dachte, nun würde er wohl anfangen, etwas zu erzählen, begann Bogner.

„Judith Österreicher hieß sie und war das einzige Kind eines verwitweten Bankiers in Berlin. Sie war schmal und mager, ihre Hand empfindsam und beweglich, nicht schön, zu dünn. Ihr Kinn stand vor. Es und die Stirn und die flach aufliegende Nase bildeten eine schräge Fläche. Im Profil sah sie besonders jüdisch aus. Die Augen lagen tief und waren grau, die Haut gelblich, die Brauen schwarz und hart, das Haar orientalisch schön, schwarz, fest und reich. So sah sie aus. Sie war fünfundzwanzig Jahre alt, als ich sie kennen lernte. Ich war etwas über zwanzig.