„Aber natürlich, den muß ich sehn. Stiefeln wir los!“ sagte sie munter, „ist noch Zeit vor dem Abendessen?“
Georg blickte auf die Uhr, fand, daß es halb acht war, und sagte, es sei noch eine halbe Stunde. Seine Mutter nahm Magdas Arm und wandte sich zum Gehn, indem sie, den Maler mit einem zweiten, womöglich noch köstlicheren Lächeln beschenkend, zu ihm sagte, sie liebe sein Bild sehr, weil auf ihm das Allervergänglichste zu so viel Stille und Ruhe geworden sei; immer sei es wie der tröstliche Wink eines holden Geistes, sooft sie daran vorübergehe.
„Und nun,“ sagte sie, über die Schulter den Kopf zu dem Bilde hinwendend und wieder zurück, „nun müssen Sie mir gleich etwas erklären. Wie ist das mit der Kontur? Darüber wird doch heut so viel gestritten, und die einen sagen, es gebe gar keine ...“
So ist sie nun ... dachte Georg. Einmal alle hundert Jahr kommt sie zum Vorschein und weiß alles —, aber was sagte denn dieser Maler da, dieser unglaubliche Mensch?
„Hoheit,“ sagte der Maler, „wenn ich bei meiner Malerei je einen Grundsatz befolgt habe, so weiß ich von diesem Augenblick an, daß er recht war ...“
„Ach,“ meinte sie lächelnd, „von diesem Augenblick? das ist reizend! Und nun den Grundsatz!“
„Alles, was lebt, Hoheit, leuchtet — wie es beleuchtet von außen wird — von innen, und wo das äußere Licht mit dem inneren sich mischt, da ist die Kontur. Sie ist sehr flüchtig, sie ist der Augenblick, in dem Gegenwart aus Vergangenheit und Zukunft besteht, die Ruhe auf der Flucht. Bin ich zu verstehn, Hoheit? Die Linie, wo das äußere Licht Seele wird und die innere Seele zu Licht, das ist die Kontur.“
Sie sah ihn ernsthaft an. „— wo das äußere Licht Seele wird?“ antwortete sie. „Aber wie wird es Seele?“
„Ja,“ sagte er nicht minder ernst, „und wie wird die innere Seele zu Licht?“
„Das war eine schöne Antwort“, nickte sie, im langsamen Vorwärtsgehn mittlerweil an der Saaltüre angelangt, die der Maler öffnete. Georg wollte folgen, als ihn plötzlich ein Zufallsblick auf Bogners Gemälde zurückhielt. Er ging rasch darauf zu, trat darunter und spähte angestrengt zu ihm empor.