Nein, sagte er bei sich selber, sie sieht doch nicht wie Mama aus, wie kam ich nur darauf?

Ihm war auf einmal sonderbar ängstlich zumut. Er suchte, weshalb das so war; vor seinen wieder gesenkten Augen flimmerten die auf dem Tapet liegenden Noten, er setzte sich auf den Drehstuhl, drückte gefühlsverloren eine Taste nieder, und minutenlang verging ihm alles in Leere.

Ja, nun weiß ich schon, sagte er aufschreckend und aufatmend. Hoheit, sagte er, und sie war nur ein Freifräulein aus Schleswig, und wie hatte er doch recht! Einen Tropfen königlichen Abenzerragenbluts soll sie freilich haben, ja einen Hauch womöglich von Boabdil el Chico her, aber —, den Zusammenhang einen Augenblick über phantastischen Vorstellungen versunkener, alhambrischer Herrlichkeiten verlierend, glühte er wieder auf. So sieht sie aus, so tritt sie hervor aus ihrem Dunkel, und dies Dunkel ist ihr Leben, da muß sie begraben sein, und es ist kaum einer, der es weiß und danach fragt. Ein Tier kann sich klaglos verkriechen und untergehn, aber mit ihr — — es ist doch —, ja, sollte man nicht meinen, daß mit dem Augenblick ihres Untergangs ein ganzer Hofstaat mit Damen und Rittern und Trabanten und Sklaven versinken sollte? Aber wie komm ich darauf? Ach! Boabdil el Chico, er zog ja wohl mit dem Untergang seines Reiches in den Berg ein, wo sie alle mit ihm schlafen, um in Mondnächten einmal zu geisterhaftem Leben zu erwachen ...

Wieder emporsehend aus seiner Beklemmung, gewahrte er noch immer und unwandelbar die leuchtende Fremde über sich sitzen.

Ja und du, sprach er vor sich hin, dich hatten wir gleich wieder vergessen, und ich weiß nicht einmal: ist das, was er von dir erzählte, wirklich gewesen oder nur erfunden, als könnte ich es in einem Buch gelesen haben? Nein, nein, es ist nur so mit dir: sprechen kann man nicht mehr von dir, kein noch so gutes Wort macht dich lebendig, alles, was von dir übrigblieb und lebt, das bist du dort oben. Wäre das dein Leben gewesen, was er erzählte? Begriffe warens doch, Auszüge, erklärende Exzerpte aus dem Lebensbuch, nicht das Leben selbst. Nicht Feuer des Auges und Luft beim Gang und Eintreten ins Zimmer, nicht die schlaflosen Nächte selbst und das Ankleiden am Morgen, wenn alles fremd scheint, und man weiß nicht, wozu. Die Stimme nicht, nur ein paar Gedanken, eine Flaumfeder des Daseins, — es war ja nur Bogners Stimme, war nur sein Ohr, sein Auge und Herz, die von alledem einen Abdruck genommen hatten und uns nun fühlen ließen mit schlecht empfindendem Finger. Was fehlte nicht alles an Wirklichkeit! All das unwichtig Scheinende grade, das doch das Allerwichtigste ist! — daß — ja was? Man vergißt es ja, so leicht ist es, aber daß, wenn sie sagte: Wir wollen zum Garten gehn, — sie eben davon nichts sagte, oder etwas sagte, das gar nichts galt, denn da war die Gebärde, in der schon der Garten war, an der man schon erriet, was sie wollte, eine Wendung des Halses, zu der sie vielleicht sagte: Wie wärs ... Oder: es ist ganz klar geworden, wir können am Ende ... Ach, und so war ihr Hauch fern an ihm vorübergezogen, lebend und sterbend, aber ihr Leben und ihr Sterben, die hatten ihn nicht getroffen, die waren ja lange abgetan, sondern daß der Maler sagte: Es ist eine schmerzliche Frömmigkeit ... Nein, nicht einmal das, sondern: Das genügt ... Oder — auch dies nicht, sondern wie er es sagte, wie er die Pfeife ausklopfte und dann dastand und aus dem Fenster sah, und wie zu fühlen war, daß wieder in ihm lebte, was er einst getan und litt, und wie er das nun am Ende alles, alles zusammengriff und knotete in diese zwei Worte: Das genügt ... Und dann? Ja dann stand Mama in der Tür ... Lieber Gott, wie furchtbar, wie seltsam ist nur das Leben ...

Plötzlich fiel Georg ein, daß er sich ja zum Essen anzukleiden hatte, er schrak zusammen und lief hinaus.

Wie er aber den Flur hinunter am Treppenhaus vorübereilte, gewahrte er plötzlich unterhalb, in der ersten Biegung des Geländers Maler Bogner, der sein Skizzenbuch darauf gelegt hatte und darin zeichnete. Georg trat einen Schritt näher und blieb stehn, gleich darauf hob der Maler unten den Kopf, sagte: „Sie sinds“, machte wieder einen Strich und rief auf einmal, erwacht und emporsehend: „Achtunddreißig Jahre, nicht wahr, Durchlaucht?“

„Wie?“ fragte Georg unverstehend.

Der Maler richtete sich auf, schlug sich mit der Hand auf die Stirn und sagte: „Welch abscheuliche Taktlosigkeit! Ich fragte nach dem Alter der Herzogin.“

Georg lachte. „Ja, das kann stimmen, sie ist drei oder vier Jahre jünger als Papa, und der ist im Februar —“