Die Tiefe des breiten Bildes, fast die ganze linke Hälfte, war mit Landschaft erfüllt, entfernter, tief liegender Landschaft: sanft fallenden Wiesen, einem Hain, dem Stück eines blauen Flusses am Grunde, in der Ferne bläulichen Hügeln, von violetten Bergrücken überhöht, all dies gelbgrünlich im hellsten Sonnendunst verschwimmend und gläsern. Schräg über das Bild, diese Landschaft abschneidend, zog sich der obere Teil einer Balustrade von gelbem Marmor, neben der, auf einer lehnenlosen Bank von gleichem Stein, nahezu lebensgroß scheinend, ein Mädchen saß, in der rechten Bildhälfte, den einen Arm auf der breiten Platte der Brüstung. Ihr Antlitz lag, scheinbar aus dem Hinabschaun über die Schulter in die Gegend, flach nach oben gewandt, das Haupt tief im Nacken, die Züge fast unkenntlich durch die Verkürzung. Das, wonach sie zu sehn schien, war selber nicht sichtbar, aber sein Schatten, der eines Schmetterlings, lag bläulich und deutlich umrissen dicht vor ihrer Hand auf dem Stein. Ihr Gewand nahm das leichte Violettblau der Berge mit tieferem, röterem Ton wieder auf, durchsichtig, indem alle Stellen, die am Körper fest anlagen, rötlich schimmerten, und das alles, ohne Schwarz gemalt, glühte durchscheinend in blendender Hellfarbigkeit, wie von innen erleuchtet.

Keinen Zusammenhang zwischen Bild und Vers bekam Georg heraus. Leise angeweht von der allgemeinen Stille des Gemalten und dem unendlich in sich gekehrten Zauber des Augenblicks — so flüchtig und doch, als könne sie durch Jahrhunderte so sitzen — sah er irgendwo das fremde und bedeutende Gesicht des Malers, über welcher Erscheinung er sich nun genötigt sah, nach einer Jahreszahl zu spähn. In der rechten Bildecke entdeckte er sie neben einem kleinen roten Rad in roten Ziffern, doch war die letzte leider unleserlich, es schien 1897, und nun mußte er lächeln, wie klein er noch gewesen war, als das Bild gemalt wurde, worauf er sich losriß und augenblicks mit dem üblichen Herzklopfen zur nächsten, offen stehenden Türe ging, dann weiterhin durch die geöffneten Zimmer bis ins letzte, das dämmrig lag bei geschlossenen Vorhängen. Dahinter wars, das schwarze Zimmer, der Turm ... Er schauderte, zauderte leicht, nahm sich zusammen, trat zur verschlossenen Tür, klopfte an, öffnete, trat, sich schmal machend, durch den Spalt und schloß hinter sich.

Die Finsternis, in der er stand, traf ihn fast eisig nach der heißen Luft vorher, er blickte hastig nach oben, um ein Raumgefühl zu erlangen, sah den dünnen Lichtfaden weißlich aus der Laterne des Turms herabrinnen, hörte den großen Ventilator summen und gleich darauf die leise gleitenden Schritte seiner Mutter. Nun glaubte er auch ihren Schatten, schwarz in der Schwärze des Raumes, zu sehn, der wie eine Berghöhle tief und unterirdisch war. Der Schatten glitt näher, dort mußte die Wand sein, der Schein eines weißen Gesichts dämmerte, schwand plötzlich, und der Schatten glitt fort. Er hörte den Hauch eines Seufzers, der Schatten kam wieder und hielt nach einer Weile in seiner Nähe an. Georg drückte seine Stimme herunter:

„Wie geht es, Mutter?“

„Danke, schon besser“, antwortete sie kaum hörbar; dann fragte sie:

„Was giebt es Neues, mein Junge?“

„Es ist Besuch gekommen. Der Maler des Bildes im Klaviersaal, Bogner. Vater läßt es dir sagen, und ob du ihn heut abend sehn könntest.“

„Ich hoffe. Ist es ein angenehmer Mensch?“

„Sehr, Mama. Er spricht nicht viel, aber sein Schweigen scheint so klug und bedeutend. — Es ist sehr warm heut. Magda und ich wollen etwas reiten.“

„Heiße den Maler auch von mir willkommen. Ja, ich denke, ich werde heut abend mit euch essen können. Wie geht es Papa?“