„Gut, Mama, wie immer. Vielleicht giebt es auch ein Gewitter, das wäre doch schön für dich.“

„So, ein Gewitter? Ja, das wäre mir sehr gut. Nun, grüß Vater, mein Junge! Und Magda. Geh, mein Junge.“

Der Schatten war dicht an ihn herangekommen, auf einmal sehr groß und ganz weißlich; er ergriff eine eiskalte Hand, die aus der Dämmerung kam, küßte sie schaudernd, als wäre es eine Pflanze, und tastete sich nach der Tür. Er wartete wegen des einfallenden Lichts, bis der bleiche Schatten ganz fern von ihm war, öffnete die Tür, schlüpfte durch die Spalte und schloß sofort hinter sich wie vorhin. Draußen starrte er geblendet gegen das Lichtviereck der gegenüberliegenden Tür, in dem er nach einiger Zeit einen vergoldeten Sessel, dann unten den roten Zipfel eines Teppichs und oben ein Stück eines unkenntlichen Bildnisses erkannte, und nun ging er weiter bis vor die Saaltür, ohne Gefühl und Gedanken, wie betäubt, wie entronnen.

Langsam tröstete ihn der friedliche Anblick der drei, vor der drüben liegenden Schmalseite des Saales stehenden braunen Tafelklaviere, die sich still verhielten wie gute Tiere, und nun erst, da er dachte, daß eines von ihnen ein Geschenk des „flötespielenden Königs“ war, wie seine Mutter ihn einmal genannt hatte, tauchte aus allem Unbestimmten und Verworrenen des Gefühls sie selber und wirklich wieder auf, er fühlte sie an seiner Hand, fühlte den Druck ihres ewigen, wütenden Kopfschmerzes auf der Stirn und trat hastig von der Tür zurück ans offne Fenster. Wie warm es nur war! Er beugte sich hinaus.

Weit links saß sein Vater unter dem Sonnenschirm, seinen Stoß Zeitungen auf dem Stuhl neben sich, selber verborgen hinter der papiernen Wand vom „Manchester Guardian“, und nicht weit von ihm saß jetzt allein, den Rücken zur Hauswand, Doktor Birnbaum, Onkel Salomon, und frühstückte. Georg konnte die rechte, im Kauen auf- und niedergehende Hälfte des hängenden braunen Schnurrbarts sehn, darüber die nicht minder hängende, stark gebogene Nase, die rote, feste Wange und die eine der kräftigen, hochgezogenen Brauen. Er hatte sein Glas Milch vor sich stehn, schnitt auf dem Teller eine schinkenbelegte Brotscheibe in Streifen und Würfel und steckte sie in den Mund.

Ach, dachte Georg, nun tief bekümmert, meine Eltern, meine armen Eltern! Da sitzt nun Papa wie ein Riese, braun wie ein Seefahrer, und nach einer Weile wird Egloffstein mit den Stöcken kommen, und auf vier stelzendürren Beinen wird er weghumpeln, aber — aber selbst dann ist er wie ein Meermann auf dem Lande, der seinen Fischschwanz hinter sich herschleppen muß, ja, so ist es, als gäbe es ein andres Element, in dem er sich frei und herrscherlich ... und es giebt das ja auch, er hat seinen Geist, aber da in ihrem Turm hinter vermauerten Fenstern läuft meine Mutter in ihrer Finsternis auf und ab, von brennendem Feuer im Kopf gejagt, tagaus tagein, und jahraus jahrein, sie kann nicht einmal denken, vielleicht abends eine Stunde. Vater ist so gelehrt und klug, er erfindet sich Flügel für die zerschmetterten Füße, aber meine Mutter, sie hatte doch auch einmal eine schön fliegende Seele, oder ist sie noch da, ist sie wirklich noch da? — Schamvoll den Gedanken zerdrückend, meinte er: Vielleicht fliegt sie um mich, wo ich bin, und trägt, wenn ich schlafe, meine Träume zu den vollkommenen Sternen.

Unten wurde gesprochen. Georg setzte sich auf die Fensterbank, den Rücken rechts gegen den Rahmen lehnend, doch konnte er von drunten nichts verstehn, da Onkel Sal von ihm abgewandt sprach. Langsam drang die Wärme wieder ganz in ihn ein, er dachte, hier zu warten, bis Anna und die Pferde kämen, und nun hörte er plötzlich, während der obere Zipfel der Zeitung langsam sank und dahinter das bärtige Gesicht seines Vaters, ruhig mit ein wenig ironischem Blick auf den Sekretär gerichtet, zum Vorschein kam, ihn sagen:

„Wenn es sich wirklich um politische Dinge dabei handelte. Sie sehen ja nur die Anlässe, Bester. Die Gründe aber sind schon beinahe metaphysisch.“

Wovon redet er denn? dachte Georg. Onkel Sals Antwort blieb unverständlich, seines Vaters Gesicht verschwand wieder hinter der Zeitung, und da er so weiterredete, war wieder nichts zu verstehn. Übrigens genügte die Sonne, und Georg ließ langsam die Lider sinken. Fern, aber deutlich hörte er die Stimme seines Vaters wieder:

„Es handelt sich um das Recht der Jugend, das ist das Ganze. Frankreich ließ sich von Camille Desmoulins und den andern leider enthaupten ...“