„Napoleon —“, hörte Georg von der andern Stimme.
„Napoleon war kein Franzose,“ tönte deutlicher die Stimme des Herzogs, „war ein italienischer Abkomme von Condottieres und überdies eine jener Gestalten —“ Georg entging das Nächste, er versank tiefer in Wohlsein, Magdas Gestalt erschien ihm.
„Aber das Recht, wo ist denn das Recht?“ schrie Onkel Sal. „No — nun sagen Sie mir ...“
„Was für ein Recht meinen Sie? Das, zu sein — aus dem sich als nächstes ergiebt: vor und über den andern zu sein. Jenes Recht, das — ich weiß nicht, ob es moralisch ist, aber das jedenfalls den Römern bei Cannä, den Griechen bei Marathon, den Ungarn vor Wien und den Preußen bei Gravelotte half.“
Sie sprechen vom Kriege, dachte Georg im Halbschlaf, neunzehnhundertund... es ist zu komisch! Halt, was sagte Onkel Salomon? No, sagte er, er sagte immer no.
„No — und das bestreite ich eben!“ Die Stimme kreischte etwas wie schlecht geölt. „Sind wir denn keine christliche Nation?“
„Das sind sie alle,“ versetzte der Herzog auflachend, „was wollen Sie daraus beweisen?“ Außerdem ist er Jude, der gute Onkel, dachte Georg schläfrig, aber was hat er für eine christliche Seele!
Eine Weile schien alles still, lange Zeit sprach jemand mit unterdrückter Stimme. Georg wars, als ginge eine Tür, er fuhr plötzlich auf, da seines Vaters Stimme unten ganz laut ertönte:
„Für jeden Alternden kommt einmal der Augenblick der großen Schlacht. Der Augenblick, wo er angreifen muß, wenn der wirkliche Angreifer, der Junge, auch zögert. Auch England ist in merkwürdiger Geschwindigkeit gealtert und liegt jetzt — ich habe immer diese etwas groteske Vorstellung, mit einer Fußspitze auf England, mit der andern auf Ägypten, mit einer Hand auf Indien, mit der andern auf Australien, und so ist es, nur damit beschäftigt, sich in dieser scheußlichen Lage zu halten, fett geworden, aber dies beiläufig, denn wenn es aufsteht, wird es immer noch einen fürchterlichen Kerl abgeben, wenn wir einmal dran glauben müssen, und das werden wir. Aus welchen Ursachen und wer dann angreift, ist so gleichgültig wie — na wie unser Gerede darüber. Die andern sind die Alten, Jugend ist Angriff eo ipso, drehen Sies —.“ Ein dumpfer Hundelaut blaffte, Georg riß die Augen auf, es flimmerte alles, er rieb heftig die Lider und sah endlich Magda im schwarzen Reitrock und weißer Bluse über den Treppenstufen stehn und, eine Semmel in der Hand bröckelnd, Krumen über die Stufen streuen, auf denen zwei schillernde Tauben und ein paar Spatzen auf und ab hüpften. Unten lief der weiße Pfau hin und her, suchte, was für ihn herunterkam, und vergaß keinen Augenblick Anmut und die zierliche Würde von Kopf und Schleppe, dieweil neben Doktor Birnbaum Benedikt stand, der hellrote Hühnerhund, mit schiefer, erwartungsvoller Kopfhaltung, ganz still, nur das Ende der gebogenen Rute ging leise hin und her, und Georg wußte, daß Onkel Sal von Qualen zerrissen war, weil er doch selber auch was essen mußte. Überdem zog die Erinnerung an seine Mutter schattenhaft schwermütig durch Georgs Herz, er dachte wieder: Helenenruh, ach Helenenruh! — und die Zeit stand ihm still.
Plötzlich drehte Anna sich um, ließ die Blicke suchend über die Hauswand gleiten und nickte herauf, sonderbarerweise aber nicht nach ihm, sondern nach einem Fenster weiter links. Georg stand auf, trat in den Saal hinein, und da sah er hinter dem Vorhang des letzten Fensters ein Stück von einem Menschen, Bein und Knie, und da wars Maler Bogner, der friedfertig auf der Fensterbank saß und eine kleine Pfeife rauchte, als wäre er zu Hause. Nun sah er Georg still, ein wenig fremd, an und begann langsam und auf unbeschreibliche Weise mit den Augen zu lächeln. Georg trat zu ihm und sagte verlegen ein paar entzückte Worte über das Bild, die der Maler nicht zu hören schien. — Ob es hier Kühe gäbe, fragte er, und ob es erlaubt sei, sie sich anzusehn. Georg versicherte, es wimmle von Kühen überall und der Maler müßte sich hier wie zu Hause fühlen. Schon im Forteilen, denn er hörte die Pferde, wurde ihm das Unpassende seiner Zusammenstellung klar, er wurde rot, suchte eine Entschuldigung, fand keine, glaubte, noch etwas sagen zu müssen, und fragte: