Wie geschwungner Möwenflügel — —
In kristallner Wasserfrische
Tummeln sich phantastsche Fische,
Ziehn beschattet, ziehn in Scharen
Tiefer — nach dem Wunderbaren ...
Ei ja, herrlich, nicht wahr? Aber es ist noch keineswegs alles! Denn da ich — Notzeichen fürcht ich von mir gebend wie ein brennendes Schiff auf hoher See — ihn bat, mir diese Verse aufzuschreiben, so schrieb er sie — wir saßen zu dritt am runden Speisetisch auf der Veranda — zwischen sich und mich auf das weiße Tafeltuch mit leichtester Hand, und dann malte er zwei Fabeltiere herum, Delphine, unterhalb zusammenstoßend mit dicken Köpfen, links und rechts nach oben steigend mit den verjüngten, glatten Leibern, mit tief gespaltener Schwanzflosse, und nun auf einmal war das Ganze, durchspannt von dünnen Verszeilen — eine Leier ...
Hierzu aber, hierzu denke ihn, Gesicht und Gestalt, freilich von keineswegs arionischer Zartheit, vielmehr: Groß, so groß wie alle Männer sein sollten, dann wäre es ein Geschlecht! doch dies beiläufig, — ferner: breit in den Schultern, groß auch von Gesicht, die Haut bräunlich, der ganze Ausdruck sehr beeinflußt von einer kleinen schwarzen Bartfliege am Kinn — schwarzes, kräftig gelocktes Haar — so wie Feuerbachs, an den auch die Bartfliege erinnert — schräge, breite Stirn, nach oben geschwungene Brauen, Nase von der Seite krumm, Augen schwarzbräunlich, nicht eben groß und so erstaunlich weit voneinander gesetzt, daß es mitunter scheint, als blickte jedes allein dich an, — Nachtmaren und dergleichen müssen solche Augen haben, — der Mund ein wenig zu breit, die Lippen geschwungen dünnschalig, beim Sprechen leicht sich vorwölbend und krümmend wie die halb offen aufeinander liegenden Ränder einer Muschel. Und dazu Haltung und Gebärden, die sich kaum abschildern lassen, aber jedenfalls: unendlich gepflegt, leicht herablassend, immer gebändigt, ruhig, überaus ruhig, auch die verhaltene Stimme, übrigens verwegen; nicht prahlerisch — und doch prahlerisch; ohne eine Spur von Roheit und ohne eine Spur von Herz, — alles in allem: Alcibiades, wie er leibt und lebt! Wer hätte gedacht, ihm hier zu begegnen im norddeutschen Altenrepen, zweihunderttausend norddeutsche Einwohner, Häuser rot, gelb und allesamt rußig von Hunderten von Fabriken im Westen, übrigens eine muntere, betriebsame Stadt, aber norddeutsch ganz und gar, so daß mein ganzes mütterlich rheinisches Blut und der Rest vom französischen sich kräftig bemerkbar macht, um so mehr angesichts dieses üppigen Josef. Denn es ist sehr wundervoll und tröstlich, einmal einen Menschen zu sehn, der in seiner ganzen Gestalt hin lebt, wie man die Griechen sich gelebt haben denkt, oder die Heroen, Hektor, oder Pentheus oder Perseus, — der eine gewisse Angst einzuflößen imstande ist, die schöne Angst des Meeres oder der Stromschnellen, den Schwindel nur reißend sich verströmenden Lebens, der es, was mich anbelangt, freilich an sich hat, mich so sicher und kühl aufrauschen zu lassen wie einen Zederbaum.
Noch fällt mir ein: erinnerst Du Dich aus meiner Monographie einer Studienzeichnung Feuerbachs, eigentlich wohl nur Gewandstudie: eine stehende Iphigenie in sinnender Haltung? Josef und sein Vater schworen, ich sei gemeint, die sinnende Haltung jedenfalls, — na, Du weißt vielleicht besser als ich, ob ich es liebe, so dazustehn, die rechte Hand am Kinn, den Ellbogen in der Linken, und so schreibe ich es Dir — weshalb? Ach, weshalb! — Zwei ganze Bogen sind voll, ich muß den Rand zu Hülfe nehmen, um Dir — trotzdem aus innerstem Herzen — tausend innige Grüße zu sagen. Leb wohl, leb wohl! Vier Stunden von Dir getrennt und doch heitern Herzens, o pfui! Schreibe gleich! Vom Vater, von Georg, Herzog und Herzogin, Kühe, Hühner, Schweine, alles. In Liebe
Renate