Wie und wo? Es kann nur Beides in Einem gelten. Aber wo fang ich an? Beim Schreibtisch? Er ist schwarz, ein ebenhölzerner Mohr mit perlmutternen Schloßmäulern. Beim Fenster links neben mir, das — der Schreibtisch steht über Eck — weit offen Julibläue, Sonne, Wipfelgrün und sanften Wind über meinen Rücken rieseln läßt, so daß die ganze hellbraune Mähne meines Haars, auf dessen Spitzen ich sitze, sich hinter mir bauscht, und ach, wie das kitzelt! (Gott behüte, hereinsehn kann niemand als die Sonne, wir befinden uns im ersten Stock, und kein Gegenüber ist nirgend!) Oder beim Sofa rechter Hand? Es ist tiefdunkelblau und von glatter Seidenbespannung mit graden Lehnen. Oder bei den schilfgrünen Wänden? Oder bei den zwei Tänzen von Hofmann in weißen Leisten, große, weiße Rechtecke überm Sofa? Oder beim hellgrauen Teppich am Boden mit erdbeerfarbenen Girlanden? Oder den sonstigen Möbeln — grauahorn? Oder bei mir, die außer sich ist — teils wegen dieser unverhofften Kleinode um sie herum, teils weil sie soeben von einem überlebensgroßen, dreiteiligen Kurtisanenspiegel herkam, der mir Dinge sagte, Dinge ... Solche Spiegel gab es in Genf freilich nicht, auch in keinem Bacharacher Pastorenhause, und so weiß ich wahrhaftig erst seit heute richtig, daß ich von oben bis unten so rosig und weiß bin wie eine einzige Magnolienblüte! Und ferner, daß ich darunter noch braun bin, braun wie ein Fell vom göttlichen Hauche der Adria — Magda, ist es erst vier Tage her, daß wir in ihr herumschwammen? — und abermal darunter ganz golden, ja, als wäre ich eine goldene Statue innen, ich hab es gesehen und kann es beschwören! Und ich weiß, daß ich einen ganzen Mantel von Haar habe, wie dürres Buchenlaub braun, und daß ich Augen habe wie Meerwasser und Flammen blau, welche aber — ohne es grad heute gesehen zu haben, weiß ichs — auch blau sein können wie Türkise, wenn ich die Sonne auf eine gewisse Art durch die Wimpern fallen lasse, und auch schwarz, nämlich bei elektrischem Licht, und auch grün wie Wiesen, wenn ich die Sonne grade hineinscheinen lasse, — Magda, kleine Schwesterseele, dies ist nun ein Augenblick des Entzückens, wie sie das Leben mitunter beschert —, wo die Welt so vollkommen scheint wie eine goldene Kugel, so daß man stundenlang Fangens mit ihr spielen möchte, und da weiß ich nun wie noch nie, daß ich jung bin und gesund und gesegnet mit Verstand und unbändig schön, ja unbändig, und voll Kunst der Schönheit, die ich zu brauchen gedenke, nicht heute noch morgen, aber in allen großen Lagen des Lebens — — es klopft! Mittagessen, und noch muß ich mich anziehn, und noch schrieb ich kein Wort von der erstaunlichen Herme dieses Hauses, meinem bisher noch völlig unbekannten Vetter Josef, aber Geduld, ich komme gleich wieder!
Eine Stunde später
Siehst Du, Liebste, anstatt daß ich mich, wieder zur Ariadne verwandelt, in die blaue Himmelshöhle meines Sofas schlafen lege, wende ich mich wieder zum Papier, heiß wie ich bin von Sommerwärme, von ein ganz wenig Bacchus, und von meines Vetters Josef überwältigender Erscheinung. (Beiläufig, Du erinnerst Dich vermutlich, daß mein Papa, bis zum Tode seines Vaters vor ein paar Jahren, ausgeschlossen war aus seinem Hause, daß ich also Onkel Augustin nur vor einem Jahre, bei Papas Begräbnis einmal sah und damals auch Vetter Erasmus; Josef war damals auf Reisen.) Nun — Du kennst Onkel Augustin, rosige und weißhaarige Miniatüre in goldener Brilleneinfassung; denke sie weg, denke sie weit weg ins Imaginäre, wenn Du eine Vorstellung von seinem Sohne Josef bekommen willst, Josef, dem großen Hexenmeister — ja höre!
Josef, von seinem Vater beauftragt, einen Trinkspruch auf mich oder ein Teil von mir zu erdichten, dachte nicht erst nach, strich mit flacher Hand — seine Geste — übers ganze Gesicht hinunter bis zur Oberlippe, so daß es darunter hervorkam, unkenntlich verwandelt zur bleichen Maske mit runden, nachdenklich mich anstaunenden Augen, worauf er diese ganze Maske wegschleuderte, um, triumphierend er selber, zu sprechen:
Dies Auge — unbestritten —
Ist geschnitten —
Aus dunklem — blauen —
Klaren Nordseewogenhügel — —
Seele blitzt heraus, zu schauen
Tief im Spiegel,