„Sie haben seit drei Wochen keine Post gelesen?“ fragte er.
Georg bejahte, auf einmal ganz wenig geängstigt. „Ist denn was?“ fragte er.
Jason blickte wieder in das Telegramm und las vor: „New York, 28. Oktober. Gerettet. Esther verloren. Jason.“
Georg zuckte leicht zusammen, hörte das laute Rauschen des Regens auf den Steinplatten der Terrasse, besann sich, was die Worte bedeuteten, sah al Manach ans Fenster treten, hinausblicken, den Kopf schütteln, sah ihn sich setzen, den Kopf senken, ängstlicher nun jeder Bewegung dieses Menschen anhangend, und hörte ihn reden.
„Also: Zusammenstoß mit einem Eisberg. Nachts. Ich saß im Café. Die Rettungsboote kamen meist nicht ins Wasser, zerschellten. Die See war glatt. Es herrschte eine sogenannte Panik. Ich benahm mich verständig. Ich suchte Esther. Ich habe sie nicht gefunden. Ich half Leuten in die Boote. Ich suchte, wie man so im Traume was sucht. Ich sah einen, der vor Angst ins Wasser sprang. Da wurde ich über Bord geworfen. Ich hatte eine Schwimmweste an. Ich wurde von einem Boot aufgefischt. Ich sah etwas, das Sie eine Halluzination nennen werden. Nämlich, ich kenne den Tod sehr gut. Ich habe ihn seit meiner Kindheit vor mir her gehen sehn, zuweilen stehn bleiben und mich anschaun und mich vorüberlassen. Auch unterhielten wir uns oft über das menschliche Leben. In bedeutender Weise erschien er mir mehrmals, diesmal wars das achte. Wo ich geboren wurde, stand er dabei, und meine Mutter starb. Als ich acht Jahre alt war, fiel ich drei Stock hoch herunter und blieb lebendig. Als ich sechzehn alt war, stand er vor meinem Bett, wo mich die Diphtheritis am Hals hatte. Als ich vierundzwanzig alt war, stand er zu Füßen des Bettes, in dem Angelika starb in ihrem Blut. Als ich zweiunddreißig alt war, sah ich ihn an einem brennenden Eisenbahnzug entlang gehn, und dann gab er die Genauigkeit auf, und ich sah ihn gleich darauf an einem Teich, und bei einer Windmühle, und jetzt sah ich ihn mitten im Wasser stehn, grau und verschleiert wie immer. Ich sah noch etwas. In der Nacht hoch über mir — denn so ein Ozeandampfer hat eine schöne Höhe — war eine Gesichterreihe überm Bordgeländer, und darin das Gesicht von Esther, sehr deutlich. Das war still, und die Augen sahen starr nach einem, der neben mir im Boot saß. Sie warens, Prinz. Da gingen ihre Augen zur Seite, sie sah wie ich den großen Grauen im Wasser, der den Arm hob und nickte. Dann lächelte sie. Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, daß Esther Sie angesehn hat, als das Schiff unterging. Dies war sehr feierlich. Sie spielten einen Choral. Ich habe den Tod so großartig noch nicht erlebt.“
Nachdem er eine Weile aufrecht gestanden hatte, setzte er sich nun wieder, als müsse er sich da durch zum Aufhören seines Redens nötigen. Georg fühlte, daß ihm etwas Schmerzliches in Kehle und Augen aufstieg, daß etwas ihm heiß über die Wange lief, und dachte: Ich glaube, ich weine. Darüber aber rannten die Gedanken fort ins erste Kapitel von Jean Pauls Flegeljahren, wo die Erben um den Tisch sitzen und sich in einer halben Stunde zum Weinen zu bringen suchen, um das Haus zu gewinnen, und einer erhebt sich feierlich und sagt, grade wie ein Andrer die Tränen in sich steigen fühlt: Ich glaube, — ich weine ... Georg fing leise an zu lachen, wollte das Lachen halten, es gelang ihm nicht, endlich schluchzte er auf und wurde still.
Tot war die kleine Esther. Schon lange war sie fortgefahren, schon lange war sie tot. Darum hatte sie ihm so traurig zugenickt aus dem Eisenbahnfenster. Vom ‚zur rechten Zeit sterben‘ hatte sie etwas gesagt. War das nun eingetroffen? — Einmal hatte er ihr ein Veilchensträußchen gekauft; eines war herausgefallen, das hatte sie ihm gegeben, eine winzig kleine, embryonische, dunkle Blume, die er innen in seinen Handschuh geschoben hatte. Beim Ausziehn dieses Handschuhs fiel es auf die Erde, und er hob es in einer leeren Zigarettenschachtel auf, er hatte soviel Anhänglichkeit an so was. Als er sie nach ein paar Tagen wieder öffnete, war die Blume schwarz und trocken, aber die Schachtel war ganz voll von Duft gewesen. So breitet die süßere Seele sich über — über ... Wie berauschend brauste der Regen! welch ein Getöse! Es ward dämmrig, es ward dunkel. Jasons bleiches Gesicht war noch dort, aber nach einiger Zeit verschwand es auch, löste sich auf. —
Ob der rote Baum noch am Wasser stand? — Ein sterbendes Gesicht an einem Kreuz, erzählte Esther, das mich ansah. — Georg fing heftig an zu weinen. Draußen rauschte das unendliche Wasser. Ganz unten lag die eine Tote, rotviolett gekleidet; eine Muschel lag vor ihrer Stirn, sie schlief sich aus. — Warum so ernst, Esther? — Georg weinte heftiger und unaufhaltsam, weinte wieder leiser und verlor Schmerz und sich im Schlaf.