Seitdem bin ich schwächer geworden und so schwach, daß ich nun hier sitze. Er war gut zu mir wie je, ließ mich die Schwäche nicht entgelten, sondern blickte mich an aus allem, aus seinem Hügel und der stillen Uhr, aus Bäumen und Wolken, und es fiel mir bald leicht, ihm zu versprechen, daß es das erste und das letzte Mal gewesen sein sollte.

Sein Blick nämlich erinnerte mich an eine kleine besondere Lehre, ein privates Haben von ihm, das er mir mitteilte, und dem freilich viel in meiner Natur entgegenkam — die Lehre vom Warten. Wie er sein Damaskus gehabt hatte zur festgesetzten Frist, so glaubte er — jawohl, ein bißchen abergläubisch! — an bestimmte Stunden, in denen lange Gereiftes zur Vollendung komme, an Tage, in die das Schicksal sich sammle, und — wieweit er recht hat, weiß ich zwar nicht, aber in mir kam immer alles ihm entgegen, wenn er von der Pflicht sprach, geduldig zu sein, ohne Unrast, nicht bitter zu werden vor der Reife, nicht kränklich im Sehnen, sich nicht zu vergeuden, nicht zuzugreifen nach allem, was scheine, nicht den edlen Hunger zu speisen mit nichtigen Happen, stark und eifrig nur in jedem Streben nach einem Guten, dem Glück, da es doch niemals nütze, die vorbestimmte Frist durch Übereifer und trabende Füße zu quälen, so wenig es im Eisenbahnwagen helfe zu laufen. Ja, schön, nun weiß ich das alles wieder recht gut, und doch wäre ich gern den Gang auf und nieder gerannt im Eisenbahnwagen, um schneller hier zu sein und die Stillung zu empfangen für das innre Gerenn meiner letzten Wochen.

Sie aber wissen nun auch, lieber Freund, weshalb ich Ihnen so dankbar bin für das Geschenk des ägyptischen Königs, und weshalb ich ihn so sehr liebe, Ech-en-Aton, unseren Freund! Daß ich sein Antlitz erkannte als reinen Spiegel der Weisheit; daß ich an seinem Auge sehe, wie es blind und selig ins Herz des ewigen Wesens blickt und sein Strahl es nicht blendet; daß er nur immer dasteht seit Ewigkeit und sich müht, die Vollkommenheit aufzufangen mit Leib und Seele. O möchte ich ihn einst brüderlich empfinden können, wie heute noch tief unterlegen!

Gute Nacht, Freund, morgen komm ich zurück. Den Brief werden Sie zwar später zu sehen bekommen als mich selbst, aber deshalb stecke ich ihn morgen doch in den Kasten, weil ich weiß, daß übermorgen Ihr Geburtstag ist, und allein zu diesem Zweck hab ich ihn geschrieben. — Auf Wiedersehn!

Renate

Erschöpfung

Es waren wohl Wochen vergangen. Georg vermutete so, — und auch, sehr krank gewesen zu sein. Nun war da Helenenruh, und irgendwie war alles gut. Er merkte, daß er sehr allein war, daß er nicht denken konnte, daß ganze Tage durch ihn hingingen wie Schatten durch Wasser, daß sein Vater da war — und nicht mehr da. — Daß er zittrig umherging, daß es einmal Nachmittag war, einmal Abend, und daß viele Fenster waren, hinter denen es regnete.

Plötzlich war Bogner zugegen. Er legte eine Mappe vor ihn hin mit Radierungen, und Georg konnte sehn, was es war, konnte sich freilich nicht recht entscheiden, ob diese Dinge da wirklich vor sich gingen oder nur gezeichnet waren. Es sei ein Zyklus ‚Hades‘, hörte er eine Stimme mehrmals sagen, und jetzt kam er zu sich, Bogners Gesicht dicht über sich gewahrend, da er neben ihm stand, um die Blätter umzuwenden. Jetzt hätte er ihn fragen können, wie er denn hierher komme, mochte das aber nun nicht mehr, sondern beugte sich tiefer über die Blätter, die ihm ungeheuerlich erschienen wie manche Dinge im Traum. Da waren die Danaiden, ein unbeschreibliches Gewimmel von Frauenkörpern, die sich über drei aneinandergereihte Blätter hin an den Gestaden eines Flusses bewegten; etliche lagen an der Quelle, blumenflechtend, etliche beugten sich mit ihren Krügen von bekränzten Flößen, Gruppen und Scharen, und einzelne Wallerinnen schritten in schöner Bewegung von Hügeln zur vollen Stromesbreite, alle in einer unwahrscheinlichen Helligkeit, alle nur in Umrißlinien gehalten, und alle ohne Gesichtszüge, leere Ovale statt der Antlitze zeigend, grauenhaft seelenlos anzusehn. Da war Tantalos, eine kaum sichtbare Gestalt in einem schwarzen Geklüft, am Boden ausgestreckt wie ein Frosch, wo ein Wasser verrann, und hier noch einmal, emporfliegend wie ein Schatten zu den über ihm fortwirbelnden Zweigen und Früchten. Sisyphos war da, der Akt eines Athleten, der mit Händen, Kinn und Schultern zusammengekrümmt den riesigen Würfel bergan trieb; und hier starrte er vom Hügel dem rutschenden Felsen nach, ein Riese, hülflos, mit ungeheuerlich nach vorn hängenden Schultern und vergreistem Antlitz; und da war der zu Tal jagende Block in Qualm und Geröll, dahinter der Mensch, nachstürmend, mit flatternden Haaren, springend, schreiend, aufgerissen, sinnlos. Persephoneias Antlitz blickte gerade aus dem Blatt, bleich und ergraut; durch kerzenschlanke Stämme hinter ihr, unter wagrecht abgeschnittener Masse schwarzer Wipfel schimmerten elysische Gefilde und Gestalten. — Georg gingen die Augen über; Bogner war nicht mehr da.

Nun kam viel Schlaf. Dann konnte er wieder grade umhergehn und erkennen, daß es November war. Hin und wieder schlief er, in Decken gewickelt unter freundlich wärmender Sonne auf der Terrasse. Milch gab es zu trinken, sehr schöne, in kleinen, kostbaren Schlucken. Stundenlang hockte sichs angenehm schläfrig an einem Fenster im Klaviersaal, während es draußen hagelte und stürmte, oder während die Nebel heranwogten und alles verhüllten.

Dann trat eines Tages Jason al Manach bei ihm ein, setzte sich nach der Begrüßung — es war im Klaviersaal —, erhob sich wieder, ging zu Bogners Gemälde und stand lange darunter. Georg folgte ihm mit den Augen und wunderte sich, daß er in kleinen Pausen immerfort den Kopf hin und her bewegte oder schüttelte. Dann sah er ihn einen Stoß Briefe vom Harmonium nehmen, damit zum Fenster gehn und sie langsam durchsehn; schließlich behielt er ein Telegramm in Händen und drehte es um; es war verschlossen. Al Manach öffnete es, schüttelte, schüttelte, schüttelte den Kopf, las für sich, schnaubte eine Art Lachen und sah Georg an.