Ich habe, soviel ich vom Vater bekam, doch manches von ihr ererbt. Sie muß eine Norddeutsche gewesen sein, nach ihrem Charakter und allem, was man von ihr weiß, und übertrug so auf mich, was schon von Voreltern her Nördliches im Blut des Geschlechtes war und was mein Vater entbehrte, dessen Ungebärdigkeit und plötzliches Wesen erst in späteren Jahren zur Ruhe kam, zu einer mehr gleichmäßigen Glut sich verdichtete.
Was aber nun ihn angeht und seinen Beruf, so hatte er inzwischen einsehn gelernt, was ich schon sagte: daß Gott der Eine ist, verschieden nur die Wege. Er wollte Neues bringen, einen neuen Weg, aber nicht mit Schrecken und Übermaß, sondern allein durch das Wirken von innen. Er hatte auch die Menschen kennen gelernt und sah, daß sie des Priesters bedurften, die Einfältigen wie die Klugen, des Hülfreichen, Heilenden, so gut wie ihr Körper des Arztes, und dies wollte er sein. Ja, wenn er einen neuen Weg zu finden gemeint hatte, so war er ersichtlich doch neu nur in seinen Augen und uralt in Wirklichkeit, daher es seinem Wesen widerstrebte, als neu auszurufen, was es in Wahrheit nicht war. Längst erkannt hatte er auch Jesus von Nazareth und sein ewig Gültiges, obschon er ihm mehr durch sein Leben als durch sein Sterben jene ‚stark und sanft alle Dinge ordnende Weisheit‘ zu vertreten schien. Und wenn sie ihn nicht gekreuzigt hätten, sagte er, würde er nicht gen Himmel gefahren sein nach solchem Leben? Also kann ich mit Recht den Kreuzestod überschlagen, aus dem sich doch, wenn man die Summe zieht, zwar die Kraft seines Wesens und Glaubens, aber mehr noch die Unvernunft der Menschen ergiebt, und die, sagte er und lachte, ist schon anderweitig bekannt geworden. Er unterließ nicht, auch das Blutzeugnis Christi anzurufen, wenn er an die Kraft der Gläubigkeit im Menschen gemahnen wollte, aber seine Abendmahlspredigten — nun, ich werde sie Ihnen daheim zu lesen geben.
Er hatte ferner erkannt, daß der einfache Mensch der Satzung bedürftig sei und des Dogmas, aber daß es Beruf und Aufgabe eben des Priesters sei, diese auszulegen auf den rechten Gebrauch, damit sie würden, was sie sein sollen: Mittel des Lebens, Hülfen, Ordnungen, nicht aber was die Menschen allzeit aus ihnen gemacht haben: Ketten, Hindernisse und Kerker und Fallen, die sie unaufhörlich einander stellen. Er erkannte endlich, wie schwer es sei, sie zu seiner Einsicht zu führen, die für ihre Augen zu blendend war, und daß sie der lindernden Spiegel bedurften, um den ewigen Strahl zu ertragen, um ihn zu lernen, bevor sie ihn ungeschützten Auges empfingen, — aber auch daß es überall die Wenigen gebe, die der Wahrheit ins Antlitz zu schauen vermögen; daß es seine Aufgabe sei, vor allem diese zu finden, zu bilden, zu einer Gemeinschaft zu gestalten, die weiterhin sich auswirke.
Priester des katholischen Bekenntnisses zu werden, war ihm solchermaßen unmöglich, da er keinen Stellvertreter des Ewigen auf Erden anerkennen konnte. Im Kern der protestantischen Lehre dagegen, dem: so halten wir es nun, daß der Mensch gerecht werde nicht durch des Gesetzes Werk, sondern allein durch den Glauben, fand er den Quell seiner Lehre wieder, die mit der Einsicht in das Wesen der Vollkommenheit beginnt, die eine Religiosität und Lehre freilich sein soll für das Leben und das Handeln, in der aber jegliche Handlung erst möglich wird durch den Glauben. — So ist er Protestant geworden und verknüpfte mit dem Übertritt die äußerliche Form der Ehe mit Mama, die zuvor nur vor Gottes unsichtbarem Altar geschlossen war.
Sehen Sie, lieber Freund, welch schwerer Glaube es war, den er seinem Kinde von Anbeginn lehrte, nur mit dem einen lindernden Spiegel, dem Augenpaar ewiger Liebe unter seiner eigenen Stirn. Denn eines war für den Menschen in dieser Lehre nicht enthalten; eines, dessen mit allen Religionen auch das Luthertum, das er auf der Kanzel vertrat, nicht zu entraten wußte; die eine gewaltige Hülfe Gottes im Leben: das Gebet. Ja, die Wenigen, die er ganz für sich gewann, des Gebets zu entwöhnen, war die schwerste, war ja die eine, eigentliche Aufgabe. Denn sie ist, die Vollkommenheit, ist, und sonst nichts. Erflehen läßt sie sich nicht, sondern allein empfinden, und dies ist die Aufgabe, die sie auferlegt, so ganz von ihr erfüllt zu sein an Seele und Gliedern, sie so aufgesogen zu haben in das Sein, ins Fühlen und Denken und Handeln, daß sich in ihr leben läßt, und daß Leben heißt, sie ausstrahlen. Und davon die Folge? Daß in jeder Lebensnot, jeder Gefahr, in aller Ungeduld und Verwirrung und Trübsal der Mensch allein angewiesen ist auf sich selbst. Nichts ist, was sich erbitten und beschwören, was um Halt, um Erleuchtung, um Linderung sich anrufen ließe. Man muß glauben. So viel gab er wohl zu, daß ein Streben in der ewigen Weisheit walte, eine Neigung, zurückzugewinnen, was aus ihr gefallen sei, entgegenkommend dem Streben des Gefallenen selbst. Verwirrung dagegen ließe sie kaum noch gelten, sagte er, und was überhaupt die große Mehrzahl der Daseinsnöte angehe, alltägliche Kümmernisse und dergleichen, so möge sich keiner einbilden, daß sie, die Weisheit, eine Ahnung davon habe, und möge sich für sich allein damit abfinden. Wohl habe das Göttliche eine Sehnsucht danach, ausgestrahlt zu werden vom letzten Punkt der Erde, und eine Freude daran, sich zu ergießen in jede willfährige Stelle; sie bemühe sich aber so wenig um das Taube wie um das Blinde, und das hingegen möge der Mensch selber besorgen.
Man muß glauben; und ich, ach ich habe es bald erfahren, denn hier bin ich ja, heute wieder geheilt, aber die Verwirrung, in der ich kam — ach wie klein seh ich sie nun! —, war doch so stark, daß sie alles umwarf in mir und mich hertrieb zu der ganz irdischen Stelle, wo ich einst alles hatte, Gott und Glauben und Vater und Heimat und Seelenruhe, alles in ihm, der zu frühe ging und als ich noch lange nicht fertig war.
Als er starb, da glaubte ich es zu sein. Das war so:
Er legte sich nieder in seinem fünfzigsten Jahr mit Lungenentzündung und sagte gleich, er wisse, daß es das Ende sei. Er sagte das mit einem furchtbaren Gram der Sorge um sein Kind, und bald, als er das Bewußtsein verlor und delirierte, war aus den Worten, die er hervorstieß, zu erkennen, daß er von nichts anderem gequält wurde als einer maßlosen Angst, mich schutzlos, unfertig zu verlassen, und ins Ungemessene stieg auch die meine. Plötzlich war dann für mich alles aus. Was geschehen ist, weiß ich kaum. Von Papas Bruder, den ich gerufen hatte, dessen Kommen ich aber schon nicht mehr wahrnahm, erfuhr ich später, daß ich bewußtlos dagelegen habe und wie von Stein. Und dies sieben Tage. Er hat mir nicht sagen wollen, was unterweil mit meinem Vater geschah; sein Grab war, als ich aus einem tiefen und reinen Schlummer erwachte, eben geschlossen. Vorher, vor dem Schlummer, so viel nur weiß ich, war das Entsetzliche. Es hatte keinerlei Gestalt, doch ich weiß, daß es Kampf gewesen ist. Ein Kampf um Leben wurde ausgefochten, ich weiß nicht von wem, aber mein Vater hat teil daran gehabt wie ich selbst. Wer gesiegt hat in dem Kampf, auch das ist mir unbekannt geblieben, aber mein Vater starb. Später sagten sie mir, die Vögel der ganzen Gegend hätten nicht gesungen noch gezwitschert in jenen sieben Tagen, — und was es bedeutet, werden Sie verstehen, wenn Vetter Josef sagte — er war mit seinem Bruder zum Begräbnis gekommen —, daß er niemals eine so vollkommene Reinheit der Luft eingeatmet hätte wie während jener Tage im Haus.
Es war früher Morgen, als ich zu mir kam aus dem schönen Schlaf, — Ende des März wars, und in mein Fenster zu ebener Erde herein blühten die Kirschbäume des Gartens. Am Fenster stehend, so erquickt, als sei ich in Himmel gebadet, sah ich ihn über den Wolken der Blüte, erwacht wie ich selbst, seiner wieder froh, vollkommen rein und leicht wie das Licht. Daß Papa nicht mehr war, wußte ich auf einmal; aber kein Schmerz! So wie damals in seine Brust der Stern, aber liebend traf mich von oben sein wieder ewiges Auge. Es machte mir zum Hause die Welt; es legte mich mit Blumen und Sternen und Häusern und für immer an seine Brust.
Damals, ach damals war ich stark in seinem Glauben wie nicht vorher, nicht nachher. Ja, noch so stark, daß, als ich eine Woche später das Haus verschloß, um in die Schweiz zu fahren, so schmerzlich mich das Scheiden von allem bewegte, was sein, was doch leiblich an ihm gewesen war, süß und haltbar, — daß ich als ganz leicht die Ahnung empfand, ich würde das Haus nicht wiedersehn. Und selbst als ich, wieder eine Woche danach, die Nachricht bekam, daß es niedergebrannt sei, weinte ich wohl, aber ich hielt es für gut und schön, daß auch die weitere Hülle seines irdischen Daseins nicht mehr sein sollte.