Das ist nun aber mal furchtbar komisch gewesen. Er glaubte an die Sterne, ihren Zusammenhang untereinander und unseren mit ihnen, wie schon sein alter Lehrer, Pater Jucundus, ihn unterwiesen hatte. Und so — nachdem er gründliche Kenntnisse in der Sterndeutekunst erworben hatte — glaubte er auch, daß ein Mensch, zu einer bestimmten Stunde gezeugt, zu einer bestimmten Stunde geboren, gewisse, in den Sternen ausgedrückte und erkennbare Eigenschaften auf die Welt bringen würde. Und nun sehen Sie, Georges: es ist alles eingetroffen, Zeugung und Geburt zu den vorgesetzten Stunden, und gewisse Eigenschaften auch, bloß — er hatte alles berechnet auf einen Sohn, und es kam eine Tochter, nämlich ich.
Papa, als er es mir erzählte, sagte, er sei im Leben nicht so verblüfft gewesen. Er hatte die Möglichkeit, daß es kein Sohn werden könne, überhaupt nicht im entferntesten geahnt und wollte nicht glauben, was er sah. Nachher freilich habe er auch lachen müssen wie nie im Leben. Er sah nun ein, daß die Vorsehung sich zwar erkennen läßt, aber in keiner Weise beeinflussen. Im übrigen stimmte, wie gesagt, die Sternenberechnung durchaus, und auch ich hatte gewisse Eigenschaften bekommen, die jene Stunde der Geburt einem weiblichen Kinde verleihen sollte, und weiter noch hat es sich in meinem Leben gezeigt, daß von drei ‚Schicksalstagen‘, als welche auch in der Sternauslegung eine große Rolle spielen, der erste eingetroffen ist — die andern verriet er mir nicht —, sein Todestag.
Aber davon später; wir verließen ihn ja im Riesengebirge, und ich will weiter erzählen.
Nun wieder nachts
Es ist doch Besuch gekommen, und ich hab abbrechen müssen. Gegen Mittag hat das Wetter sich dann aufgeklärt, ich konnte meine Besuche machen, und um ja zu recht Vielen zu kommen, hab ich einen Wagen anspannen lassen. Das war eine Fahrt! Der Himmel so blau, die Erde dampfte ganz wild in der Sonne, und über das lächelnd Blaue flog immerfort Weißes, als würden lauter Tücher emporgeworfen, immer dahinten, wo man nicht sein kann. Die Obstblüte, dahier das Schönste, ist ja leider zu andrer Jahreszeit, aber dies Grün, o dies nasse, schwere Grün der Bäume und Wiesen, und noch Blumenfarben in den kleinen Gärten und die blitzenden vielen Silberkugeln und die blauen, die sie lustig hineingestellt haben, und in denen man den Himmel sehn kann und alles, mitten zwischen den Blumen. Vor jedem Dorf auf der Landstraße kamen die Kinder mir entgegengelaufen, alle kleinen Hände voll Sträuße, mein Wagen ist so voll geworden, daß sie an den Seiten wieder herausfielen, und aus den Haustüren traten die alten Leute, lachten und weinten — sicher hab ich zwanzigmal Kaffee getrunken, na und Kuchen so viel, daß ich kein’ Atem mehr kriegen konnt, und geredet! Das sind ja dahier rheinische Menschen, nicht so plump wie der Bayer und so derb, auch nicht so verschlossen wie der Bauer im Norden, sondern treu- und offenherzig und redselig, und o fein sind wir und gebildet, und wie war ich froh, daß ich ihr Schwäbisch noch hab verstehen können! Ach, daß sie mich Alle gern mögen, weiß ich ja auch, aber eigentlich hat es alles doch ihm gegolten, und ich bin ja auch sein Geschöpf, und ich hab wohl gesehen, daß ihnen Allen so lustige kleine Spruchbänder vom Mund wegflogen, wie auf den Bildern im Mittelalter; wo aber auf denen jedesmal der Name der Person aufgemalt ist, da hat immer sein Name gestanden —, ach lieber Freund, ganz satt und trunken haben sie mich gemacht mit ihrer Liebe zu ihm!
Und ich muß nun, wenn ich weiter erzählen will, im Gegenteil von Lieblosigkeit reden, aber es wird ein Übergang sein, und halt läßt es sich nicht ändern.
Er hatte, bevor er in seine Einsamkeit ging, dies Vorhaben und seine Notwendigkeit seinem Vater nur schriftlich mitgeteilt und keine Antwort empfangen. Ins Haus zurückkehrend, mußte er von der Dienerschaft erfahren, daß seine Mutter gestorben war, und daß sie den Auftrag hätten, ihn am Eintritt zu verhindern. Er kehrte um, eine Adresse zurücklassend, um die er gebeten wurde. Der Großvater schrieb ihm, daß er nunmehr satt sei der Unbotmäßigkeit. Er möge sehn, was er treibe, ihm jedoch nicht früher vor Augen kommen, als bis er im Besitz eines Berufes sei, der ihn ernähre. Die Unterstützung hierzu könne er alljährlich bei einer Bank beheben. —
Papa hatte nun das Glück, einen wundervollen Aufschwung all seiner Kräfte und Fähigkeiten zu erleben. Die Offenheit der Welt war in ihm, und was in ihn stürzte, war Reichtum der Welt und kostbare Nahrung. In der Einsamkeit hatte er zu der großen ersten Erkenntnis eine zweite, für sein tätiges, sein gleichsam persönliches Leben gültige gewonnen — die seiner Berufung zum Priester. Zum Priester ja, und weniger zum Verkünder, zum Apostel, sosehr er glaubte, damals, im mächtigen Feuer seines Gottesgefühls glaubte, den Schatz einer neuen Religiosität gefunden zu haben. Jedoch hatte er bei aller Leidenschaftlichkeit keinerlei Anlage zum Revolutionär, ja, er verabscheute das Revolutionäre, das Zerstörerische daran und auch die Gewaltsamkeit neuer Formung. Da allezeit kaum der hundertste Teil von dem, was der revolutionäre Geist erstrebt, seine Verwirklichung in der menschlichen Gemeinschaft findet, so schien es ihm ersprießlicher und seinem Wesen gemäß, die Verwirklichung des von ihm Erkannten zu erstreben und versuchen im einfachen Wirken. Bilden, sagte er, im menschlichen Stoff, ist Umbilden; ist, den guten, den brauchbaren Keim zu erkennen und, ihn entfaltend, die alte Form zu durchwirken und umzuschaffen.
So ging er fürs erste daran, die menschlichen Wissenschaften vom Göttlichen sich zu eigen zu machen, indem er zunächst Theologie studierte, später auch Philosophie, Natur- und Sozialwissenschaften. Dazu erwarb er reiche Kenntnis in den lebenden und toten Sprachen, sogar im Sanskrit und der Bilderschrift der Ägypter, überall aus den Quellen selber zu schöpfen geneigt. Erst fünf von den zehn Jahren, die er daran setzte, waren vorüber, als sein Vater die Zahlung der Unterstützung einstellte mit der Begründung, es sei ihm zu Ohren gekommen, daß er mit einer Weibsperson zusammen lebe. Er möge sie aufgeben oder ihn. Papa mußte dies Ansinnen leider abweisen. Durch seine Verheiratung mit jener Weibsperson, meiner Mutter, einige Jahre später, und seinen gleichzeitigen Übertritt zum Protestantismus, zog er sich die väterliche Verfluchung zu. (Seltsam, nicht wahr, daß der Großvater am Sohn nicht anerkennen wollte — ja, vielleicht nicht einmal erkannte —, was er selber im gleichen Alter getan hatte!) Er ließ ihn wissen, daß er fortan nur noch einen Sohn habe, und er hielt dies Wort so, daß er auch die Beziehung zwischen Papas Bruder und ihm gewaltsam verhinderte und ihn nicht rufen ließ, als er starb. Papa hat ihn nur als Leiche wiedergesehen. — Lassen Sie mich aber nun erst von meiner Mutter erzählen.
Nachdem jener Schuß auf Alsen Papa getroffen hatte, lag er noch zwei Tage an der Küste von Schleswig in einer seltsamen Gelähmtheit, die er erst am folgenden Morgen verspürte, fast weniger der Glieder als des Willens, bei dänischen Bauersleuten, die ihn pflegten. Besonders nahm sich ein Mädchen seiner an, noch halb ein Kind, das in jenem Haus aufgewachsen war, aber ihm nicht entstammte. Sie war eine Deutsche und dies alles, was man von ihr wußte. Eines Morgens war das Kind auf dem trocknen Strand in einem Korbe gefunden worden, ohne Zweifel in einem Boot hergebracht. Ein Zettel von männlicher Hand mit der Bitte, sich des Kindes um Gottes willen anzunehmen und es zu taufen, verriet so viel, daß es nicht von bäurischer Herkunft war, was sich denn auch erwies, als es heranwuchs und von übergroßer Zartheit des Leibes ward. Nicht eben schön, von sehr schmächtigem Wuchs und auch schmächtigen, länglichen Zügen, blond und helläugig mit jenen starken Augäpfeln, wie man sie nicht selten sieht bei so zarten und schmächtigen Geschöpfen, so kenne ich sie nach ihrem einzigen Bild. Sie war so still wie ein Licht, und wie das Licht nur Flamme ist, so verzehrte sich in ihr eine goldene Seele von lauter Feuer. Seit dem Augenblick, wo sie meinen Vater erblickte, hing ihre reine Jungfräulichkeit ihm an, und er wurde der Leuchter, der die allzuglühende Flamme noch so lange dem zarten Körper erhielt. Muß ich sagen, daß und wie sehr er sie liebte? Sie wich nicht von ihm. In die Einsamkeit zog sie mit, freilich nur bis zu einem Dorf in der Nähe seines Aufenthalts, von wo sie ihm alltäglich Speisen brachte. Später lebten sie dann ehelich zusammen, merkwürdigerweise lange Jahre, ohne Kinder zu bekommen. Denn auf jenen Einfall der Sternengeburt ist Papa erst viel später gekommen, und obschon sie dann eine Pause eintreten ließen im ehelichen Umgang, bis sich die Stunde erfüllte, schien ihm die anfängliche Kinderlosigkeit grade ein Zeichen, daß alles sich so vollziehn sollte, wie es dann geschah. Aber ach, sie hat mit dieser Geburt ihre Kraft erschöpft! Fast nur noch Seele, glühte sie in grausamer Schnelle nieder, und sie erlosch ganz, anderthalb Jahr nach meiner Geburt, freilich in der inbrünstigen Gewißheit, nunmehr erst zu reiner Flamme aufzublühn in der Vollkommenheit und überall zu sein wie das Licht.