Ihm schwanden die Sinne; er lag, als er erwachte, am Ufer; und da war er ein anderer Mensch.
Und wie ging es zu, Georges? Er hatte in seinem Besitz eine alte große Münze, die er bei einem seiner ersten Besuche in der Zelle seines alten Freundes an sich genommen und später nicht zurückzugeben gewagt hatte. Die war ihm eigentümlicherweise in die Hand geraten am Tage, wo er seinen Koffer für den Feldzug packte, und in einem unbegreiflichen Gefühl, wie unter einem unwiderstehlichen Zwang hatte er, da ein Loch darin war, eine Schnur durchgezogen und sie um den Hals gehängt auf die nackte Brust. Er zog sie hervor, als er am Ufer der Insel in der Morgensonne lag; ein Geschoß steckte darin, und sie war blutig, da es noch in seine Brust eingedrungen war.
Nicht wahr, Georges, das scheint nicht eben viel, ein glücklicher Zufall, nichts weiter, und ich glaube wohl, man müßte es alles erlebt haben, um es zu begreifen: die nächtliche Fahrt, die Waffen, die morgendliche See und den Feind im Verborgenen, den bleichen gewaltigen Himmel und den Stern und vorher das ganze gequälte Leben: um zu fühlen, daß eine Hand ausfahren kann aus dem Unendlichen, um ihren Finger auf eine Brust zu setzen, während das Auge des Ewigen dich bedroht.
Ja, so war sein Damaskus. Er hat dann den Feldzug noch mitgemacht, ohne freilich mehr an den Feind zu kommen, hat danach sein Abschiedsgesuch geschrieben und ist mit bewilligtem Urlaub ins Riesengebirge gefahren. Er fand dort eine Stelle, wo er in fast völliger Unabhängigkeit von Menschen und in Einsamkeit leben konnte, und dort ist er länger als ein Jahr geblieben, indem er gewann, was er gewinnen sollte: die Einsicht in die vollkommene Ordnung der Welt.
Verstehen Sie, Georges? Die Weisheit Kaiser Mark Aurels, ‚die von Ende zu Ende reicht und stark und sanft alle Dinge ordnet‘. Ganz gewiß, diese wars, die er einsehen lernte, und die ward sein Glaube. Aber welcher Art war diese Einsicht? Sie hat ihn erfüllt wie ein Odem, so war sie überall, und jedes Ding von ihr lebend, sie, die ewige Weisheit, deren Walten die Liebe ist. Aus Neigung und Abneigung der gewaltige Einklang, und daß alles Beseelte beseelt ist vom Streben nach Neigung und nach dem Einklang.
Ich weiß nicht, ob Sie ganz verstehen, oder ob Sie vielleicht fragen, wie mancher fragen wird: Warum, wenn eine Vollkommenheit ist, warum ist sie so, daß ich sie nicht zu sehen bekomme, indem es mir elend geht?
Nun, auf diese Frage hatte er allerlei Antworten, und eine sehr einfache ist mir im Gedächtnis geblieben. Er sagte: Wenn einem Menschen, der niemals ein Bauwerk gesehn hat, ein einzelner Stein gezeigt wird, so wird es ihm auf keine Weise gelingen, sich eine Vorstellung zu machen von der Vollkommenheit des Gebäudes, das sich aus einer Anzahl solcher Steine errichten läßt. Und, die Vernunft des betrachtenden Menschen in jenen Stein übertragen, so wird auch der Stein keine Vorstellung haben können. Darum, wie hoch auch die Vernunft eines Teiles sein kann, so wird er doch niemals eine Vorstellung gewinnen können von der Ordnung des Ganzen, dem er zugeteilt ist, ja das durch ihn besteht. Daß aber der Mensch nur ein Teil ist, kein Ganzes, wie jedes Ding, das braucht nicht bewiesen werden.
Nein, höre ich meinen klugen Freund sagen, denn sonst würde er nicht zeugen, — immerhin aber ein sehr schwerer Glaube für Menschen, und gab es keine Erleichterung?
Freilich wohl, und eine vor allem. Er hatte doch in einem Augenblick seines Lebens diese Vollkommenheit wirklich gesehen. Ja, Georges, er hatte ihren Finger gefühlt leibhaft, mitten im Herzen — das heißt, er hatte Allmacht gefühlt, sie, die ihm dann in seinem einsamen Jahr wieder erschien in anderer, nicht mehr bedrohlicher Gestalt, eben als die Vollkommenheit. Also konnte sie offenbar werden. Und so war dies sein Erkennen und sein Glaube, daß sie beherrscht war von einer süßen Neigung, offenbar zu werden. Liebe, das war die Kraft, die all die Myriaden Teile dieses Ganzen zusammenhält, und so war es ihm durchzogen von einem schimmernden Netzwerk von Offenbarungen. Lassen Sie es mich noch einmal sagen: als er Einsicht gewann in die ewige Weisheit, da ward sie ihm so feurig leibhaftig, so odemvoll lebendig, so schnaubend regsam in ihm und reich an unendlichen Sinnen und Kräften, daß sie sich von einem persönlichen Gotteswesen, wie Andere es für wahr halten, nur durch die Eigenschaften unterschieden haben mag, die eben die Andern ihm beilegen. Sie hatte ja fast Züge, und mir, Georges, mir sah sie schon ganz aus wie mein Vater. Sehen Sie, Freund, Gott ist immer ein und derselbe, und verschieden sind nur die Wege.
Ein wundervolles Gewebe von Offenbarungen, das erfüllte ihm die Welt, und überall konnte dessen Feuer hervorleuchten, aus einer Blume, aus einem Stern, aus Kindesmund, aus der Bibel. Der Einfältigste konnte es empfinden, und der Weise es auslegen. Ja, so stark sei der Wunsch Gottes, offenbar zu werden, daß die Offenbarung nicht wahr zu sein brauche an sich, sondern allein wahr durch den Glauben des Herzens, und Spiritismus und Okkultismus, Bibelauslegung und Zungenreden der Sekten — all das galt ihm so lange für ernst, wie er den Ernst zu sehen glaubte in der Seele des Menschen. Er selbst glaubte fest an die Sterne, und das war der Grund, weshalb ich geboren wurde.