Trotz allem diesem hat er nicht so wenig gearbeitet und gelernt, nur eben aus Trotzigkeit nicht im Unterricht; für sich allein aber trieb er beispielsweise Italienisch und Spanisch. Wenn aber in der Klasse Thukydides gelesen wurde oder Cicero, so las er im Gegenteil Pindar und den verbotenen Catull oder die Begebenheiten des Enkolp — ach, er war schrecklich!

Das Schlimmste daran, jedenfalls für ihn, war, daß er sich zwar weder kannte, noch anders konnte, daß es aber im Grunde eine unaufhörliche Qual gewesen; daß ihm immer bewußt gewesen ist, falsch zu handeln, zu denken, zu fühlen, so als sei er einmal vergiftet worden und müßte Gift ausschwitzen bei jeder Erregung. Onkel Augustin hat mir erzählt, als wir über dies alles sprachen, daß Papa als ganz kleines Kind beim ersten Sehen seines Vaters in ein heftiges Schreien und Weinen ausgebrochen und noch lange Zeit später seinem Anblick niemals begegnet sei ohne Geschrei, ohne Tränen, dergestalt daß er späterhin — Onkel — sich des Gedankens nicht habe erwehren können von einem schaurigen Spiel der Natur, und daß Papas Dasein von Anfang an auf ein falsches Geleise gesetzt worden sei, von dem frei zu kommen die gefangene törichte Seele kein Mittel gefunden habe. — In der Jesuitenschule hat er einen Freund gehabt, einen sehr alten Mann, der keinen Unterricht mehr erteilte, seine eigenen Wege ging und sich — freilich immer in dem vom Glauben gezogenen Rahmen — mit naturwissenschaftlichen Forschungen beschäftigte, auch mit Sternkunde und Astrologie. Der habe, erzählte Papa, ihm wie jedem neuen Schüler das Horoskop gestellt, und was er erfuhr — er verriet es nicht —, muß ihn bewogen haben, den Knaben in seine Nähe zu ziehen. Nun war sein Äußeres so ehrfurchtgebietend, daß Papa ihm gegenüber sich hat beherrschen müssen. Sicherlich erfuhr der alte Mann — Bruder Jucundus, so hieß er — von den Lehrern der Anstalt alles über den Jungen, was ihm selber verborgen blieb. Er hat aber nie etwas andres getan, als ihm beim Betreten und Verlassen seiner Zelle die Hand auf den Kopf zu legen und in sein Auge einen Blick zu senken, dem der Knabe vergeblich standzuhalten versuchte. Er ließ ihn teilnehmen, auch mit den jungen geschickten Händen helfen bei seinen Untersuchungen mit dem Mikroskop und den chemischen Experimenten, wies ihm an klaren Abenden die großen Himmelskörper im Fernrohr, abgesondert vom Firmament, und ohne eine Erwiderung je zu verlangen, lehrte er ihn nicht nur die Kenntnisse, sondern das Walten der göttlichen Vernunft in alldem, und daß Stern und Tier und Pflanze und Menschenherz nur Äußerungen seien eines ewigen Willens. Seltsam sei es gewesen, sagte Papa, daß er die Stunden mit dem Greis allzeit als schön, als rein, als wundervoll empfand, und daß doch mit dem Augenblick, wo die Tür hinter ihm zufiel, wo noch der unwiderstehliche Abschiedsblick in ihm brannte, die Luft des Flurs, des übrigen Hauses als dumpfe Wolke sich über ihn gesenkt habe. Im Augenblick habe er vergessen müssen, krampfhaft und doppelt gereizt zum alten Treiben.

Beim Verlassen der Anstalt hat Pater Jucundus ihm dann ein einziges Wort gesagt. Er sagte: Ich weiß alles von dir, mein Sohn, habe es immer gewußt, und Damaskus ist nun nicht mehr fern. Gehe mit Frieden! — Dies, und mehr noch der gütevolle, ja vertrauensvolle Ausdruck, mit dem es gesagt wurde, hat Papa noch lange bewegt, ehe er es vergaß.

Es vergingen aber seit seinem Abschied von dort noch vier Jahre. Dann, wie ich schon sagte, machte er den Feldzug gegen Dänemark mit, und da traf er sein Schicksal.

Lieber Georges, nun ists aus, und ich kann nicht mehr. Halb drei ist, mein Licht ganz heruntergebrannt, ich bin todmüde, so schön die Nacht eben ist. Aus der Tiefe des Gartens steigt so ein feines Duften, das Schlafende atmet stärker, auch reiner als am Tag, und immer wieder hör ich ein ganz leises Knistern — Regentropfen auf Zweigen —, und da fühl ich so schön: die Natur schläft und trinkt zugleich wie ein ganz kleines Kind. Die gute Natur! Sie ist geduldig und voll, und wir sind schlaflos und rastlos und verstehen uns nicht in ihrer Fülle.

Am 10. (vormittags)

Gestern kam ich vor Schläfrigkeit nicht mehr dazu, Ihnen zu sagen, daß ich den ganzen Tag noch hierbleiben muß. Der Lehrer hat nicht reinen Mund gehalten über mein Hiersein, nun weiß es die ganze Gegend, und alle wollen mich sehn. Aber es gießt vom Himmel in Strömen, ich kann nicht aus dem Haus, und keiner kann zu mir. Da sitzt sichs schön in der Verschleierung und Regenkühle dicht am offenen Fenster, mitunter spritzt was herein, also was da Flecken sind in der Schrift, das ist aus den Augen des Himmels gefallen und nicht aus meinen.

Und nun gehts weiter.

Sie wissen von dem Übergang der preußischen Truppen über den Sund und der Erstürmung der Insel Alsen am 29. Juni. Er war dabei, in großen Kähnen setzten sie über, und als der Morgen graute, wagten sie die Landung.

So hat er mirs zwanzig- und hundertmal beschrieben. Die lange Nachtfahrt, lautlos, ohne Licht, mit umwickelten Rudern, dann das schaurige Ergrauen der Welt im Osten, das Schwinden der Sterne im kalten Nachtraum. Ihm war schon schauerlich um das Herz; obwohl er seine Erregung nur für Abenteuerlust hielt, schien es ihm mehr, als führen sie alle zu einem Fest der Sonne über das dunkel Unsichtbare, dessen Dasein seltsam plätscherte an den tastenden Rudern, als zum Sterben und Töten. Als einer der Ersten sprang er dann in das flache Wasser. Es ward bereits hell; die Umrisse der Insel erschienen deutlich im Morgengrau, und das Letzte, was mein Vater sah, war am bleichen Osthimmel der eisige Morgenstern und seine schreckliche Verwandlung. Denn da fiel ein Schuß, er spürte einen allmächtigen Schlag auf die Brust, nein, mitten auf das Herz, und in einem ungeheuren Erdonnern fand er sich angedroht von dem gewaltigen Stern wie vom Auge der Welt.