Wie aber kann ich Ihnen begreiflich machen, was er lehrte? Er flößte mir sein Wesen ein. An jedem Tage, in jedem Augenblick gab er mir seine strahlende Liebe zu erkennen, und daß sie ein Licht war im größern Licht. Er lehrte nicht Gott. Bedenken Sie, daß ich sieben und acht Jahre alt wurde, ohne das Wort Gott zu hören, und daß ich noch älter geworden bin, ohne mehr und andres davon zu wissen, als daß es der Name aller Völker für ein Wesen sei, das ich lange kannte, also daß es einen Gott der Juden gab, der Griechen oder der Christen. Sehen Sie, Georges, er wollte, daß mir das Wort ganz heilig sei, daß ich mir nicht angewöhnte, es diesem und jenem beizulegen, oder es im Munde zu führen. Er wollte, daß ich es selber erzeugen sollte aus meinem tiefsten Gefühl, und so ist es gekommen. Als ich fünfzehn Jahre alt war, mußte er eine Reise machen und ließ mich zurück, weil ich einmal zu erfahren hatte, wie es ohne ihn sei. Es waren zwei grausige Tage. Ich lag krank am zweiten an Leib und Seele, mir war zum Ersticken in meiner Not, am Abend konnte ich nicht mehr liegen, konnte auch kaum gehen, und halb auf dem Weg ihm entgegen, fiel ich um und lag an einer Hecke, als er kam. Da schrie, da weinte ich: Gott! — unwissend, ob ich den Vater meinte, der wiederkam, oder das väterliche Wesen, das ihn mir wieder gab.
Aber nein, so geht es nicht weiter, ich sehe, man muß sein Leben erst kennen, um verstehen zu können, was er lehrte, denn auch Christus war ihm Gottes Sohn nicht anders, als wir alle seine Kinder sind. Wo fang ich an?
Flor ist nur ein kleines Dorf, abseits vom Rhein, aber die Kirche, die für das ganze Kirchspiel erbaut ist, ist ziemlich groß und sehr hübsch, ein einfaches und leichtes Barock, graue Pfeiler und Bogen und Kanten, dazwischen die Flächen von neuer, schön gelber Tünche. Der Turm ist zierlich, mit einem Kranz kleiner Säulen unter dem Helm, durch die man die Glocken sehen kann, die ein und aus fliegenden Schwalben und den Himmel. Im selben Stil war unser Haus gebaut, das nun nicht mehr steht. Wenige Tage nach seinem Tode schon brannte es ab mit allem, was darin war, in einer Nacht. Damals war manches geheimnisvoll, und auch dies. Das ist nun zwei Jahre her. Die Menschen im Dorf, in der ganzen Gegend haben ihn sehr geliebt. Sie haben nur den Schutt fortgeräumt, einen Rasenhügel aufgeworfen und ihn darunter begraben, denn sein Grab war noch kaum geschlossen. Auf den Hügel haben sie eine alte steinerne Sonnenuhr gestellt, von der er selber einmal gesagt hatte, daß er unter ihr liegen möchte. Unter ihrem Spruch: Demit una, dat altera war Platz für seinen Namen. — Übrigens waren die zwei ersten Lettern der Schrift immer ausgelöscht, und Papa sagte, man könnte also das Wort sowohl als Demit ergänzen wie als Sumit, je nachdem, wie man den Spruch wünsche: die eine Stunde nimmt fort, die andere giebt wieder, oder: die eine empfängt, und die andre giebt hin. —
Dort stand ich nun heut, und im Anfang war es doch schmerzlich, so im Leeren zu stehn. Von der Haustür, an deren Stelle ich mich versetzen konnte, führt eine Allee kleiner Kuppellinden auf die Gittertür des Friedhofes zu; zwischen ihren Stämmen sind mannshohe dichte Hecken, so hoch, daß die Baumkuppeln nahe darüber schweben, im Sommer ein ganz grüner Gang, ganz voll Schatten, Sonnensprenkeln und Lindenduft und tönend vom Summen der Bienen. An jedem Abend gingen wir lange darin auf und nieder. Das Land umher müssen Sie sich vorstellen wie einen einzigen Obstgarten. Nur nach dem Rheine zu sind es Rebengärten, etwas kahl, und der glatte Strom, der sich biegt, scheint öde zwischen den grünen Uferhängen. Aber ich war dort geboren, und er war mir vertraut und sehr lieb.
Ach, Georges, aber das ist auch kein Anfang geworden, und meine tickende kleine Uhr sagt, es ist schon zwölf. Nun, ich bin gar nicht müde und will nun ganz von vorn anfangen und bei meinem Großvater.
Papa sprach selten von ihm, aber Onkel Augustin sagte, er sei unwidersprechlich der härteste Mensch gewesen, den man sich einbilden könne. Stellen Sie sich Onkel Augustin vor, seine Gestalt und Gesicht, ein bißchen kleiner, aber in den rosigen und ewig freundlich scheinenden Zügen eine nicht zu beschreibende Verhärtung. Seine Mutter ist eine Wuppertalerin gewesen, und er sah recht aus wie so ein alter Wuppertaler Fabrikmensch, glatt, freundlich, geistlich und hart. Diese Härte ist aber so innerlich gewesen, daß sie sich niemals unmittelbar äußerte. Gegen alle Menschen, auch die er quälte und zugrunde richtete, war er höflich und scheinbar herzlich; in Gesellschaft verstand er zu plaudern wie ein Franzose, aber sein Witz soll Tränen in die Augen gebissen haben. Er war so, daß er zum Beispiel sagte, er pflege zum Aufschneiden der Bücher, die er lese, ein silbernes Obstmesser zu benützen; davon bekämen selbst die trockensten eine Erinnerung an Früchte.
Onkel Augustin ist ganz in seiner Gewalt gewesen — das waren Kinder auch damals noch mehr als heut —, aber mit meinem Papa traf er es schlecht, der war unbändig. Er war kein gutes Kind, war über die Maßen hitzig, kannte im Zorn keine Ehrfurcht noch andere Grenzen und hatte — ja, er litt unter einem unbezähmbaren Zwang, seinen Gelüsten zu folgen. Zwischen seinem Vater und ihm kam es, als er kaum laufen und sprechen konnte, zu solcher Feindschaft, daß es ihn, Papa, wie er mir erzählt hat, noch als er schon lange erwachsen war, schüttelte in der Erinnerung an manche Szene, und er hatte die qualvollsten Träume. Man muß freilich wissen, daß Vaters Wesen damals, als er Kind war, nicht sein wirkliches war, und die Feindschaft kam aus einer höllischen Gegensätzlichkeit ihres Wesens. Der eine war eben warm, der andre ganz kalt.
Kalt, ja, und hat doch seine Zeit einer Wärme gehabt. — Papas Mutter war ein sanftes, ganz weiches Wesen. An ihr hätte, so sagte Papa, ein Engel nichts auszusetzen gefunden, und sein Vater hatte keine Gelegenheit, seine Härte gegen sie anzuwenden. Zärtlichkeit kannte er zwar nicht, aber — sie war katholisch, und um sie heiraten zu können, ist er es geworden.
Als Papa sieben oder acht Jahre alt war, gab Großvater den Kampf mit ihm auf und steckte ihn in eine von Jesuiten geleitete Erziehungsanstalt. Sie wären, meinte Papa, seinem Vater alle ähnlich gewesen in der äußeren Höflichkeit und Glätte des Betragens und der inneren Verhärtung, und es waren für ihn furchtbare Jahre. Nicht ohne sein Verschulden, gewiß, er verübte tausend Tollheiten, er bemühte sich, ihnen entsetzlich und unerträglich zu werden, als er sah, daß Davonlaufen nichts half, da er stets eingefangen wurde, und wie er es anstellte, ihnen schrecklich zu werden, können Sie sich denken. Er höhnte und lästerte die Religion, er verdarb seine Mitschüler, er kämpfte einen jahrelangen Berserkerkampf gegen das Göttliche, die heiligen Einrichtungen und Symbole bis zu den schmählichsten und ausgesuchten Lästerungen. Dies war in ihm wie ein wüstes Feuer, und er war klug und erfinderisch, und als er im Unterricht auch die heidnische Götterwelt kennen gelernt hatte, stellte er sich als Heide, behauptete, das Blut oder die Seele irgendeines Griechen oder Römers in sich zu spüren, und statt zur Mutter Gottes oder einem Heiligen zu beten, sprach er mit lauter Stimme Anrufungen an Isis oder Dionysos. Denen errichtete er insgeheim Altäre in der Absicht, daß sie entdeckt würden, feierte mit selbsterfundenen oder gar den kirchlichen Riten ihre Kulte, ja, und dann endete es, glaub ich, damit, daß er eine Katze umbrachte, um sie dem Poseidon oder Ares Opfer darzubringen. Da haben denn auch die frommen Väter den Kampf aufgegeben und ihn heimgeschickt. Drei Tage später saß er im Kadettenkorps.
Das war wenige Jahre vor dem Krieg 1864, den er als Junker mitgemacht hat. Im Korps tat er zwar kaum besser als bei den Vätern Jesuiten, aber jenes schwarze Feuer der Gottlosigkeit fand dort keinen Stoff, um zu brennen, und alt genug war er auch geworden, um einzusehen, daß er den Erwachsenen ausgeliefert war, und daß er nichts Klügeres tun konnte, als sich zu beeilen, gleichfalls erwachsen zu werden; so nahm er sich mit seinen Tollheiten, nächtlichen Gelagen und Kartenspielen und was es nun war, einigermaßen in acht. Obschon er nicht aufhörte, alles Religiöse, vor allem die frommen oder frömmelnden Äußerungen der Mitschüler zu verspotten, sagte er mir, daß mit dem Abfallen jenes schaurigen Zwanges der Gotteslästerung eine wahrhafte Erleichterung über ihn gekommen sei.