„Ja,“ sagte er endlich, „so weit ist sie gekommen, diese große, eifrige Blume. Da sie keine Augen hat wie wir, so ist es wahrscheinlich, daß sie die Sonne als scharfe Lichtscheibe wahrnimmt, und herum ist es schwarz; davon ward sie das Negativ, und so auch wir: Denn der Gott ist das gewaltige Strahlen in der Finsternis; wir aber, finster von Leiden, wir können einmal strahlen, — schön, Renate.“
Langsam ließ sie ihren Blick aus seinen Augen gleiten, ließ auch die Blume los, nickte, sich fassend, und ging an ihm vorüber den Weg hinab.
Saint-Georges sah: Es flatterte und rieselte gelb und grünlich über ihre große, grüne Gestalt; das Kleid wehte nach links in schwerem, gebogenem Bausch, vom Hacken bis zur Hüfte zeigte sich in Festigkeit die Linie des rechten Beines, das sich gegen den Stoff preßte, seltsam lebendig, geheimnisvoll anzusehn, als wäre es der Leib der Dryade, an den Stamm, ins Gezweige geschmiegt. Etwas vorgeneigt ging sie, langsam Fuß vor Fuß, ihr Haar wehte, ein bräunlicher Schleier, die Arme hatten ab und an eine leichte, anmutsvolle Bewegung. Da blieb sie stehn, wandte sich, hob mit sanfter Gebärde das Haar aus der Stirn, so daß es wie ein Winken schien, und Saint-Georges folgte ihr nach.
Siebentes Kapitel: November
Renate an Saint-Georges
Flor am Rhein, 9. Nov.
Mein Lieber!
So bin ich doch vom Fenster fort zum Papier geflüchtet. Es ist offen — mein kleines Zimmer liegt im Oberstock des Lehrerhauses —, und lange saß ich davor über dem langsam verdämmernden Garten. Der Tag, den ich ins matte Braun und Grün der Baumwipfel versickern sah, war wolkenverhangen und warm; und wenig anders im Herzen, empfand ich wieder das wolkenverhangene weite Land, durch das ich bis zum Nachmittag gereist war, den achtlos hinjagenden Himmel von grauer und weißer Gestaltlosigkeit und die Einsamkeit alles kleinen Lebens an seinem Grunde, ähnlich dem im dunklen Wasser abgeschlossenen, langsamen mit sich selber Beschäftigtsein von Schnecken, Käfern, Pflanzen, das man am Grunde von Teichen beobachten kann. Und so, wenn ich mich einsam empfand, empfand ich mich doch nicht allein einsam, sondern innerhalb der einen großen Verlassenheit unter dem Himmel, von der ich wußte, daß sie heilbar sei. Mein Auge derweil hielt dem mählichen Dunkelwerden stand, worin sich hier und dort die Gegenwart eines geheimnisvollen Wesens verriet — an dem Blätterwerk eines kleinen Strauches in der Tiefe, am schon entblätterten Ast einer Kastanie, an Blumen ganz unten, die schon nicht mehr zu erkennen waren, und die alle von Zeit zu Zeit sich bewegten, ganz lautlos, so als habe etwas sie verlassen, und sie verneigten sich und murmelten unhörbare Abschiedsworte. Da wars beruhigend, sich ein stilles und unsichtbares Geistwesen zu denken, das hier beschäftigt war, Zuspruch und Beruhigung auszuteilen vor Nacht.
Aber dann kam das Dunkel, und die Einsamkeit überlief mich. Mir schien, ich bin meinem lieben Freund doch eine Erklärung schuldig, warum ich ihm mitten aus der Arbeit fort und hierher in die Heimat gelaufen bin, aber leider — das muß ein bißchen Geheimnis bleiben. Daß man es aus einer rechten Verwirrung heraus getan hat, wird er ja verständig geahnt haben. Sagen aber läßt sich, was man hier suchte — und auch fand —, und um so lieber, weil ich mich erinnere, daß Sie schon mehr als einmal nach meinem Papa gefragt haben und ich damals noch nicht erzählen konnte, will ich es heute tun und nun gleich damit anfangen ohne weitere Vorrede.
Einmal fragten Sie, ob es kein Bild von ihm gebe, und ich sagte: Nur in meinem Herzen. — Photographien mochte er nicht leiden, und an Malern fehlte es wohl. Aber er ist nicht schwer zu beschreiben. Ein kaum mehr als mittelgroßer, etwas gebeugter Mann, an dem Ihnen zuerst seine Nase aufgefallen wäre, die nicht eben schön war und etwa so krumm und mißgestalt wie die von Allmers. Sein Haar, ursprünglich von rötlichem Blond, begann früh weiß zu werden und auszufallen, und ich sehe ihn nun immer so weiß wie in den letzten zehn Jahren seines Lebens. Nur fünfzig ist er alt geworden. Seine Stirn war an Reinheit und edler Wölbe das Schönste, was ich mir vorstellen konnte als Kind. An seinen Augen wuchs ich auf. Sein Geist war feurig, er erregte sich leicht, und dann waren sie blaue Flammen. Wie der Sommerhimmel, wenn ich ihn in die weiße Obstblüte glühen sah, so waren sie und ihr Blick nur schwer zu ertragen. Durchdringend war er, fast durchbohrend, eine unbeschreibliche Mischung von Güte und Strenge. Was aber Strenge schien, das kam allein aus der starken Wahrhaftigkeit seines Willens und Geistes, und sein Herz machte es milde, wie die Strenge des Marmors mild wird in der Seele des Bildes. Sehen Sie, Georges, er liebte die Welt, und er und ich, wir liebten uns so, daß wir uns nie verließen, und was mich betrifft, ich bin krank geworden, wenn ich mehr als eine Stunde Weges von ihm getrennt war. Ich konnte nicht atmen mehr, und das war wirklich. Meine Mutter habe ich nicht gekannt und sie doch niemals vermißt. Er war mein Lehrer; in eine Schule bin ich nie gegangen, auch mit Kindern habe ich selten gespielt, aber ach die unendlichen Spiele mit ihm! Wie wurde da alles lebendig unter seiner Hand, und er bevölkerte meine kleine Welt mit unzählbaren süßen Seelen. Er hatte so viele Gewalt, er konnte Krankheiten heilen durch Handauflegen. Gewiß — nicht Lungenschwindsucht und dergleichen — Sie verstehn. Mir fällt ein: Als Magda krank war, sagte ich es zu Jason, der trübsinnig an ihrem Bett saß, und er sagte in seiner furchtbaren Zerstreutheit: Freilich, freilich, ich kann es ja auch! Es sei gar nicht so schwer, meinte er, man müsse die Geister beschwören. — Die Geister, Jason? — Nun, sagt er, oder die Nerven, ich habe keine Vorliebe für das Wort. Das sei auch so eine Erfindung wie die mit dem Telephon; ein jeder brauchts, aber keiner weiß, wie es zugeht.